Seelische Widerstandskraft erleichtert es, negativen Einflüssen standzuhalten.

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04/05/2020

Resilienzforscher: "Wir können alle neue Kräfte in uns entdecken"

Raffael Kalisch untersucht, wie Menschen mit Belastungen umgehen und was wir Zeiten der Coronavirus-Pandemie besonders brauchen.

von Marlene Patsalidis

Mit Stress kennt sich der deutsche Hirnforscher Raffael Kalisch aus. Derzeit erforscht er, wie sich Resilienz in der Corona-Krise entfaltet.

KURIER: Wegen des Coronavirus läuft die Gesellschaft derzeit im Krisen-Modus. Immer wieder ist jetzt von Resilienz die Rede. Was versteht man darunter?

Raffael Kalisch: Resilienz bedeutet, dass ein Mensch trotz starker Belastung keine stressbedingte Erkrankung entwickelt. Früher dachte man, dass es so etwas wie eine resiliente Persönlichkeit gibt, die angeboren ist oder sich in frühester Kindheit als ein Art Schutzpanzer entwickelt. Die neuere Forschung deutet darauf hin, dass Fähigkeiten mit Stress umzugehen erlernbar sind. Es sind Anpassungsprozesse, die dafür sorgen, dass man trotz Belastung psychisch gesund bleibt.

Resilienz wird einem also nicht in die Wiege gelegt?

Es gibt sicher Voraussetzungen, die man mitbringt, etwa genetische oder persönlichkeitsverbundene. Aber ein gewichtiger Anteil ist, dass man im Leben lernt, mit Widrigkeiten umzugehen, um künftige Krisen bewältigen zu können. Man spricht von einer Immunisierung, oder, wie Friedrich Nietzsche es ausdrücken würde: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Greift dieses Verständnis nicht etwas zu kurz?

In der Tat sind frühere Bewältigungserfahrungen keine Erfolgsgarantie. Strategien, die in einer schwierigen Situation funktioniert haben, sind in einer anderen womöglich nicht hilfreich. Deshalb interessiert uns in der für viele unbekannten Corona-Krise, die keine individuelle, sondern eine kollektive Notsituation ist, die Frage, ob bisherige Erkenntnisse über Resilienz-Faktoren anwendbar sind.

Was wären solche Faktoren?

Es gibt viele Hinweise darauf, dass das soziale Umfeld und eine verlässliche Bindung zu Bezugspersonen eine große Rolle spielen. Wenn ich überzeugt bin, dass ich mich in der Not auf andere verlassen kann, kann allein dieses Wissen helfen. Weil damit meine Einschätzung der Lage eine positivere wird. Sieht man Krisen als verkraftbar an, fällt die Bewältigung leichter.

Könnte das auch in der aktuellen Krise hilfreich sein?

Dazu forschen wir gerade mit Tausenden Teilnehmern in einer weltweiten Studie und erwarten in den kommenden Wochen erste Ergebnisse. Die erwähnte soziale Unterstützung dürfte relevant sein, der positive Bewertungsstil ebenso. Wir schauen uns auch die Rolle von Optimismus und Selbstwirksamkeit, der Überzeugung, durch eigenes Handeln größte Probleme meistern zu können, an.

Was ist der Unterschied zu privaten Krisen?

In meiner Bewertung der Krise kann es entlasten, zu wissen, dass ich nicht allein betroffen bin. Wenn ich in solchen kollektiven Krisen vielleicht sogar Menschen sehe, denen es schlechter geht und die meine Empathie und Hilfe verdienen, kann das die eigenen Probleme in Relation und damit in Perspektive zu setzen.

Welche Rolle spielt die Unabschätzbarkeit der Dauer?

Das ist einer der wesentlichsten Stressfaktoren im Moment. Die Ungewissheit hält uns davon ab abzuschalten. Sie zwingt uns dazu, laufend nach Informationen zu suchen. So ist unser Gehirn im Krisenmodus angelegt: Wir wollen Gewissheit haben. Das kann in Grübelschleifen münden, die Angst und Depressionen befeuern können.

Resiliente Menschen malen sich nicht aus, was alles schiefgehen könnte und ersparen sich Stress. Würde das aktuell bedeuten, die Augen vor der Realität zu verschließen?

Wir empfehlen immer die drei P’s "positiv, positiv, positiv" – und zwar im täglichen Denken, Reden und Handeln. Das bedeutet aber nicht, dass man die Situation verharmlost oder in blinden Optimismus verfällt. Man bewegt sich im Realismus, sucht aber die positiven Aspekte und Handlungsmöglichkeiten.

Wer kann Resilienz anleiten?

Psychologen und Psychotherapeuten sind ideale Anlaufstellen, gerade wenn man psychisch vorbelastet ist. Leider steht diese Möglichkeit nicht jedem offen. Alternativ sind Beratungsstellen, Helplines, Selbsthilfegruppen oder Ratgeber sinnvoll. Zudem gibt es Resilienz-Apps fürs Handy, die mit positiven Anregungen versorgen.

Die Zahl der Menschen mit Depressionen steigt weltweit rasant. Millennials gelten als "Generation Burn-out". Sind wir weniger widerstandsfähig geworden?

Mein Eindruck ist tatsächlich, dass die vergangenen Jahrzehnte, die in unseren Breiten weitgehend friedlich und wohlhabend verlaufen sind, vor allem den jüngeren Generationen nicht unbedingt dabei geholfen haben, Resilienz-Kräfte aufzubauen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Corona-Krise das ändert und wir alle in uns neue Kräfte entdecken.

Ist das die besagte Chance in der Krise?

Sozusagen, ja. Ich bin jedenfalls hoffnungsvoll, dass wir aus der Pandemie gestärkt hervorgehen. Mit mehr individuellen und gemeinschaftlichen Ressourcen – und mehr Zusammengehörigkeitsgefühl.

Forschung
Der Hirnforscher Raffael Kalisch beschäftigt sich  am Leibniz-Institut für Resilienzforschung damit, wie Menschen Belastungen bewältigen – und was man daraus für Therapien ableiten kann.

Publikation
Die Mechanismen, die unsere Psyche in Krisenzeiten gesund halten, beschreibt er in seinem 2017 erschienenen Buch "Der resiliente Mensch".