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Wissen Gesundheit
04/10/2021

Wo stehen wir eigentlich gerade in der Corona-Pandemie?

Nie zuvor wurden so viele Menschen geimpft wie am Freitag. Dennoch ist die Lage in Spitälern in Wien, NÖ und Burgenland dramatisch. Experten über die aktuelle Lage.

von Christian Böhmer, Theresa Bittermann, Ernst Mauritz

In Österreich wird so viel getestet und geimpft wie nie zuvor, allein am Freitag wurden fast 66.000 Menschen geimpft. Die Zahl der Neu-Infektionen sinkt dennoch nicht dramatisch und der Lockdown wird im Osten weiter fortgesetzt.

Wo steht das Land? Wie sieht die Perspektive aus und vor allem: Wann kann geöffnet werden? Der KURIER hat Experten aus den Krisenstäben um eine Bestandsaufnahme gebeten – mit überraschenden Ergebnissen:

Die Ausgangslage ist ganz anders als 2020

In einem Punkt sind sich Epidemiologen, Virologen und Simulationsforscher einig: Die Situation heute ist nicht mit dem Frühling 2020 vergleichbar, daran ändern auch Tests und existierende Impfstoffe wenig. "Vor einem Jahr, in der ersten Welle, ging es darum, von ein paar Hundert Neuinfektionen pro Tag auf 10 zu kommen, jetzt gibt es täglich mehrere 1.000. Dementsprechend wird es jetzt viel länger dauern, bis wir wieder so niedrige Werte erreichen", sagt Eva Schernhammer, Leiterin der Epidemiologie an der Medizin-Uni Wien. Auch Simulationsexperte Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna erklärt, dass es noch zu früh sei, um die Effekte der "Osterruhe" in den Modellrechnungen zu sehen.

Das intensive Testen (allein von Donnerstag auf Freitag wurden mehr als 76.000 PCR-Tests in Laboren ausgewertet) bleibt zwar als Maßnahme sinnvoll. Es hilft momentan aber nur bedingt, die Ansteckungszahlen zu senken. "Es gibt viele Gruppen, die sich gar nicht testen lassen, andere sind sehr fleißig", sagt Klimek. Dadurch, dass viele Tests – wie etwa jene aus den Apotheken – nicht zentral erfasst werden, könne man von den Testungen zunehmend schwerer auf das reale Infektionsgeschehen schließen.

Das Gesundheitssystem ist nahe dem Kollaps

Bemerkenswert ist, dass die Lage regional sehr unterschiedlich bleibt. "In manchen Gegenden scheint sich das ,Durchwurschteln’ bei den Infektionszahlen irgendwie auszugehen", sagt Klimek. In der Ostregion sei die Lage demgegenüber ausnehmend ernst.

Das sieht Herwig Ostermann, der als Chef der "Gesundheit Österreich" die Lage in den Spitälern im Auge hat, sehr ähnlich: "Wir können uns keinen erneuten Anstieg bei den Infektionen leisten. In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland sind die Intensivstationen am Anschlag."

Ein Richtwert für die Obergrenze seien 50 Prozent Covid-Patienten auf einer Intensivstation. "In Wien halten wir schon bei 45 Prozent. Da ist also keine Luft, kein Spielraum mehr da."

Keine Öffnung im April

Die Hoffnung, dass im April erste Öffnungsschritte passieren können, ist unter den Experten verschwindend gering. "Ob man über leichte Lockerungen überhaupt nachdenken kann, das wird von der Situation auf den Intensivstationen abhängen", sagt Virologin Monika Redlberger-Fritz von der Medizin Uni Wien. Da die Infektionszahlen mit einem zeitlichen Verzug von zehn bis 14 Tagen durchschlagen, sei in den kommenden Tagen noch nicht mit einer deutlichen und nachhaltigen Entspannung auf den Intensivstationen zu rechnen.

Epidemiologin Schernhammer stößt auch an, den sozial schwächeren Gruppen zu helfen, Kontakte zu reduzieren. "Denn es sind genau sie, die tendenziell Jobs haben, in denen Homeoffice nicht möglich ist, und die gleichzeitig auch auf engerem Raum mit mehr Leuten zusammenleben. So besteht die Gefahr, dass Maßnahmen immer an denselben Leuten vorbeigehen."

Die Hoffnung auf eine Entlastung ist real

Auch wenn die Lage momentan noch grimmig anmutet, wollen die Experten nicht nur pessimistisch auf die nächsten Wochen schauen: "Wenn der Lockdown über Ostern und in den vergangenen Tagen weitgehend eingehalten wurde, dann ist mit einer Trendwende bzw. zumindest einer nachhaltigen Stabilisierung zu rechnen", sagt Virologin Redlberger-Fritz.

Faktum ist, dass die Impfung schon jetzt messbare positive Effekte bringt. Denn abgesehen davon, dass die Zahl der sehr alten Patienten auf Intensivstationen zurückgeht, ist ein Zusammenhang zwischen dem R-Faktor (zeigt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt) und der Impfung sichtbar.

Zudem gibt es Hinweise, dass – wie im Vorjahr – ein saisonaler Effekt auftreten wird, also dass die Infektionen zurückgehen, weil sich soziales Leben ins Freie verlagert. Und wenn man dank der Impfungen im Mai und Juni die Covid-Sterblichkeit senken und die Intensivstationen entlasten könne, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es erneut zu einem Lockdown kommen muss, jedenfalls deutlich geringer.

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