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Wissen Gesundheit
03/25/2021

Volle Stationen: "Es gibt keine leeren Intensivbetten"

Mediziner bezeichnen Statistik, wonach Hälfte der Covid-19-Kapazität frei sei, als missverständlich. Viele Krankheitsverläufe sind „schwerer“, die Patienten werden immer jünger.

von Kevin Kada, Ernst Mauritz, Pilar Ortega

Der Höchststand des Vorjahres ist bereits überschritten: 176 Intensivbetten waren Mittwoch in Wien mit Covid-19-Patienten belegt, 167 am Donnerstag. Spitzenwert im November: 162. Das Durchschnittsalter sinkt derzeit deutlich, viele Intensivpatienten sind zwischen 40 und 60 Jahre alt.

Nach einem Jahr Extrembelastung warnt das Intensivpersonal bereits seit Tagen: In den nächsten zwei Wochen wird allein für Wien ein weiterer Anstieg auf 260 Intensivpatienten prognostiziert. „Die Situation ist extrem angespannt“, schildert auch Burkhard Gustorff, Leiter der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin in der Klinik Ottakring. „Wir reduzieren seit Montag geplante Operationen, damit unser Anästhesie- und Aufwachraum-Pflegepersonal auf die Intensivstation gehen kann und wir dort mehr Patienten behandeln können.“

„Die Kapazitäten sind am Limit“, sagt auch Arschang Valipour, Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie in der Klinik Floridsdorf: „Noch können wir alle Patienten gut behandeln. Viele nicht dringliche Operationen müssen allerdings verschoben werden.“

Diskussion um Daten

Für Aufregung sorgt, dass laut AGES-Dashboard die Auslastung der Intensivbetten für Covid-19-Patienten in Wien nur 54 Prozent betragen soll – und noch knapp 150 Betten verfügbar sein sollen. „Die Daten beziehen sich auf Meldungen der Landessanitätsdirektionen“, heißt es von Seiten der AGES. „Diese Zahlen sind missverständlich“, kritisiert Valipour. Zwar könne in der höchsten Pandemiestufe 8 die maximale Zahl der Intensivbetten für Covid-19-Patienten in Wien auf bis zu 310 (von insgesamt 550) erhöht werden (die Vorbereitungen dafür laufen) – „das bedeutet aber, dass man noch mehr Operationen verschieben muss“.

Stephan Kettner ist Abteilungsvorstand der Anästhesie und Intensivmedizin in der Klinik Hietzing und Intensivkoordinator des Wiener Gesundheitsverbundes: „Unsere Intensivstationen sind für eine Auslastung von 85 Prozent geplant. Das heißt: Auf einer Intensivstation mit acht Betten sollte eines leer sein, damit akute Notfälle versorgt werden können, was dann auch regelmäßig nötig wird.“

"Zahlen spiegeln nicht unsere tägliche Realität wider"

„Faktisch gibt es also keine leeren Intensivbetten, seit Beginn der Pandemie schon gar nicht. Diese Zahlen (vom AGES-Dashboard, Anm.) spiegeln also nicht unsere tägliche Realität wider“, erklärt Kettner. Man könne auch nur einen Teil der Intensivbetten für Covid-19-Patienten verwenden, sonst würde es zu einer nicht vertretbaren Schlechterbehandlung von Non-Covid-Patienten kommen. „Bis jetzt haben wir viele Dinge damit kompensiert, dass wir zusätzliche Intensivbetten eröffnet haben. Das ist aber irgendwann nicht mehr möglich.“ Auch bei den ECMO-Patienten (Sauerstoffversorgung über eine externe „künstliche Lunge“) komme man „langsam an eine Kapazitätsgrenze“.

Auch Klaus Markstaller, ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, sagt: „Die Intensivmedizin ist so ausgelegt, dass immer 85 bis 90 Prozent der Intensivbetten belegt sind – unabhängig von der Pandemie.“ Alles andere sei zu teuer.Abgesehen von den Belastungen für das Personal: „Bei Überlastung der Intensivstationen „sinkt unvermeidlich die Behandlungsqualität, es steigt dei Mortalität bei Intensivpatientinnen und -patienten, ob mit Covid-19 oder anderen Erkrankungen“,betont Markstaller.

Intensivstation mit 26

Es geht aber nicht nur um die Betten. Valipour: „Wir müssen Patienten in zusätzliche Betten legen, für die kein zusätzliches Personal vorhanden ist“ – Überbelag heißt das. Beatmungsgeräte gebe es aber ausreichend. In Ottakring war die jüngste Patientin 26, in Floridsdorf ist der jüngste 18. Die Krankheitsverläufe sind durch die Variante B. 1.1.7 „schneller und schwerer“, sagt Kettner.

„Der Zustand der Erkrankten verschlechtert sich oft bereits in der ersten Woche deutlich“, so Valipour. Dadurch benötigen sie auch früher (und länger) Atemunterstützung bzw. müssen früher künstlich beatmet werden. „Tendenziell verlängert sich der Aufenthalt auf der Intensivstation – im Schnitt liegt er derzeit bei uns bei zwei bis drei Wochen. Wer ein komplettes Lungenversagen übersteht, benötigt mehrere Wochen, bis er entlassen wird.“ Es gibt aber auch Patienten, die sich rasch erholen. Gustorff: „Wir haben neulich einen Patienten Mitte 50 schon nach zwei Tagen von der künstlichen Beatmung genommen.“

Verlegungen von Patienten derzeit kein Thema

Sollte die Zahl der Intensivpatienten in Wien weiter deutlich steigen: Gibt es dann Überlegungen, Patienten in westliche Bundesländer zu verlegen? „Wir sind permanent im Austausch mit sämtlichen Landeskoordinatoren der Bundesländer. Der Informationsaustausch und die Solidarität untereinander sind für mich dabei sehr beeindruckend", sagt Kettner. "Aber: Mittlerweile kennen wir ja die unglaubliche Dynamik im Infektionsgeschehen. Eine Region, in der heute noch alles relativ gut aussieht, kann morgen schon wieder ganz anders dastehen." Insofern seien Überlegungen, Patienten zu verlegen, ad hoc grundsätzlich sinnvoll, praktisch aber schwer zu bewerkstelligen. Wir arbeiten daher hart daran, mit unseren Kapazitäten die medizinische Betreuung aufrecht zu erhalten.“

 

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