Ist die 1-G-Regel gerecht oder ungerecht?

© APA/EXPA/JOHANN GRODER

Wissen Gesundheit
08/19/2021

Vorteil für Geimpfte: Argumente für und wider die 1-G-Regel

Was heimische Politiker und Experten von einer Verschärfung der Corona-Maßnahmen halten. Diskussion auch um geimpfte Spitalspatienten in Israel.

von Ernst Mauritz, Marlene Patsalidis, Kevin Kada

Wieder ein Rekordwert in der vierten Welle: Von Dienstag auf Mittwoch gab es in Österreich 1.221 neue Corona-Infektionen, so viele wie zuletzt Anfang Mai. Auch die Zahl der Spitalsaufnahmen stieg. Positiv: Die Zahl der Intensivpatienten ging um drei zurück. Allerdings rechnet das Covid-Prognose-Konsortium in den nächsten 14 Tagen mit einer Verdoppelung der Intensivpatienten auf über 100.

Angesichts dieser Entwicklung hält es jetzt auch Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein für denkbar, etwa bei Veranstaltungen nur mehr Geimpfte einzulassen (1-G-Regel) – frühestens aber ab Oktober. Vorerst sollen nur die bereits gültigen Corona-Regeln um vier Wochen (bis 17. 9.) verlängert werden.

SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner kann sich vorstellen, zumindest in der Nachtgastronomie und bei Großveranstaltungen nur mehr Geimpfte einzulassen. Komplette Ablehnung kommt von der FPÖ, für die Wiener Wirtschaftskammer ist es für ein Lokalverbot für Ungeimpfte zu früh.

Solidarität und Gerechtigkeit

„Ich unterstütze den Vorschlag der 1-G-Regel und halte ihn in vielen sozialen, gesundheitlichen und pädagogischen Bereichen für vernünftig und durchführbar“, sagt Impfstoffexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt, MedUni Wien.

„Viele haben sich auch mit dem Solidargedanken impfen lassen, einen Beitrag für das Gemeinschaftsleben zu leisten. Ich fände es ungerecht, wenn diese Menschen jetzt mit jenen gleichgestellt sind, denen die Gemeinschaft und das Umfeld egal sind. Wir haben jetzt schon sehr gute Erfahrungen mit den Impfungen und es gibt keine Alternative, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.“ Außerdem sei das ein leichter administrierbarer Vorschlag als die regelmäßigen PCR-Tests und die Prüfung auf deren zeitliche Gültigkeit, sagt die Expertin.

Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom vom Institut für Höhere Studien (IHS), ist hingegen skeptisch: „Ich stelle mir eine solche Maßnahme in der Praxis schwierig vor.“ Zwar könne er den Ansatz, nur Geimpften Zugang zu bestimmten Orten und Aktivitäten zu gewähren, nachvollziehen. „In der Realität gibt es aber das Problem, dass so eine Entscheidung eine impfkritische Jetzt-erst-recht-Position stärken könnte, weil sich viele Menschen vom Staat nicht dermaßen einschränken lassen wollen. Das könnte Menschen erst recht vom Impfen abhalten.“

Rechtliche Fragen offen

Zum anderen ergebe sich die Problematik der Kontrolle. „Anekdotisch hört man jetzt schon, dass die 3-G-Regel nicht überall lückenlos überprüft wird.“ Das dritte Problem sei die rechtliche Grundlage. „Eine 1-G-Regel wäre eine drastische Einschränkung der Freiheitsrechte. Je mehr das Pendel in Richtung Freiheitsbeschneidung ausschlägt, desto schwieriger ist eine Maßnahme zu rechtfertigen.“ Vorstellen kann sich Czypionka, dass eine 1-G-Regel im Gesundheitsbereich oder bei pädagogischem Personal zur Anwendung kommt. Außerdem ist er der Meinung, dass man das Testen ohnehin als Instrument in der Pandemie-Bekämpfung beibehalten sollte – „als zusätzliche Absicherung zur Impfung, die Infektionen ja nicht vollkommen verhindern kann“.

Schwindet Impfschutz?

Unterdessen sorgen Meldungen aus Israel für Diskussion, wonach 60 Prozent der schwer erkrankten Spitalspatienten geimpft sind. Zahlreiche Experten – darunter der österreichische Molekularbiologe Martin Moder – weisen daraufhin, dass diese Rohdaten alleine „stark irreführend sind, wenn man die Durchimpfungsrate nicht miteinrechnet“. Wichtig sei, die Daten nach Altersgruppen und Durchimpfungsraten aufzuschlüsseln:

In Israel sind bereits mehr als 90 Prozent der über 50-Jährigen geimpft. „Diese Gruppe hat ein 20-fach so hohes Risiko, einer schweren Infektion mit Spitalsaufenthalt“, schreibt etwa der US-Datenspezialist Jeffrey S. Morris. Berechne man die Effizienz der Impfstoffe nach Altersgruppe in Israel, so liege sie bei über 50-Jährigen immer noch bei 85 Prozent, bei unter 50-Jährigen sogar bei knapp 92 Prozent.

Rechenmodelle am Beispiel Sicherheitsgurt

Moder: „Als in Autos Sicherheitsgurte eingeführt wurden, stieg der Anteil an Verletzten, die beim Autounfall angeschnallt waren. Heute sterben bei Autounfällen mehr Angeschnallte als Nicht-Angeschnallte. Das bedeutet aber nicht, dass Gurte nutzlos wären.“

Unterdessen überlegen immer mehr Länder Auffrischungsimpfungen – die USA kündigten Mittwoch einen Start für Ende September an. Im Gegensatz dazu hält die WHO eine solche Booster-Impfung nach wie vor nicht für notwendig.

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