Salzburg im Lockdown

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Wissen Gesundheit
11/20/2020

Virologe Steininger: "Wir müssen schneller als das Virus sein"

Der Experte von der MedUni Wien plädiert für innovative Lösungen zum Virusschutz. Eine Entspannung der Lage prognostiziert er frühestens für kommenden Sommer.

von Marlene Patsalidis

KURIER: Die Regierung sieht unter anderem die Infektionszahlen als Kennzahl, die über mögliche Öffnungsschritte entscheiden soll. Halten Sie das für sinnvoll?

Christoph Steininger: Ich persönlich halte es nicht für nachhaltig, das Aufsperren an eine statische Kennzahl zu koppeln. Stattdessen wäre es zum einen effektiv und sinnvoll, mit Testungen sicherzustellen, dass keine infizierten Personen mit gesunden zusammentreffen. Zum anderen gilt es, jegliche Räume, in denen Menschen zusammenkommen, so sicher zu gestalten, dass das Ansteckungsrisiko möglichst gering ist. Wenn man Theater und Restaurants wieder öffnet, sollten die Menschen hingehen können, ohne sich zu sorgen, mit einer Ansteckung nach Hause zu gehen.

Selbst wenn ein Corona-positiver Theaterbesucher im Publikum sitzt, sollte er im Idealfall also niemand anderen um sich herum anstecken?

So ist es. Auch Masken und das Abstandhalten werden hier weiter eine wesentliche Rolle spielen. Man könnte sich etwa überlegen, ob man im Theater FFP2-Masken statt chirurgischen Masken verordnet. Was man baulich nicht schafft, kann mit anderen Maßnahmen kompensiert werden.

Was würden solche grundlegenden Ausstattungsmaßnahmen umfassen?

Das sind einerseits eben bauliche Maßnahmen, zum Beispiel der Einbau von Raumluftfilteranlagen, die eine sehr gute Umwälzung und Reinigung der Luft ermöglichen. Hinzu kommen digitale Lösungen, die das Contact Tracing, kontaktloses Bezahlen oder Behördengänge vereinfachen sowie künstliche Intelligenz und Robotik – zum Beispiel im Einzelhandel, um Personenkontakte zu reduzieren oder in Apps, die Besucherströme im öffentlichen Raum koordinieren.

Das würde in Summe einem dritten Lockdown vorbeugen?

Wir müssen jedenfalls schneller sein als das Virus. Derzeit hinken wir mit unseren Maßnahmen immer nach. Wir blicken auf steigende Zahlen und reagieren erst dann. Eigentlich müssten wir heute anfangen, die genannten Vorbereitungen anzustoßen, um bald wieder aufsperren zu können – und zwar alles. Ich bin überzeugt, dass es jetzt schon viele kreative Möglichkeiten gibt und weitere Ansätze zum Virusschutz entwickelt werden können, um mit dem Virus bei gleichzeitig akzeptabler Lebensqualität koexistieren zu können. Wichtig ist, dass man sich nicht auf eine Maßnahme fokussiert, sondern viele kleine zusammenbastelt, um flexibel zu bleiben.

Wird das an manchen Stellen schwieriger sein als an anderen?

Natürlich gibt es Umgebungen, die komplexer abzusichern sind als andere. Indoor steht man vor größeren Herausforderungen als outdoor. Drinnen hat wiederum jede Situation ihre Tücken. Wenn uns die Entwicklung patenter Rezepte für verschiedenste Bereiche gelingt, ist es aber unerheblich, in welcher Reihenfolge wir aufsperren. Ein Beispiel: Krankenhäuser sind auch jetzt sehr sichere Orte, obwohl das Virus draußen gerade sehr aktiv ist, weil dort viele Sicherheitsvorkehrungen umgesetzt werden. Niemand würde daran denken, die Spitäler zuzusperren. Eine andere Frage ist natürlich, ob wir uns die Investitionen, die es zu einer breiten Absicherung brauchen würde, leisten wollen und können.

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Gehen Sie davon aus, dass im Frühjahr jahreszeitenbedingt ein geringeres Infektionsrisiko bestehen wird?

Im Sommer wird es wieder leichter werden, die Situation zu handhaben. Das heißt aber nicht, dass wir uns dann zurücklehnen sollten. Im Gegenteil: Diese Phase muss genutzt werden. Das wurde vergangenen Sommer verabsäumt.

Welche Rolle sollten Antigen-Schnelltestungen Ihrer Meinung nach in den kommenden Monaten spielen?

Antigen-Tests sind derzeit en vogue. Leider führt das dazu, dass sie in Situationen eingesetzt werden, für die sie nicht geeignet und auch nicht zugelassen wurden. Diese Schnelltests sind Medizinprodukte und sollten nur von medizinischem Personal bei Menschen mit hohem Verdacht auf eine Infektion angewandt werden, weil man weiß, dass sie bei niedriger Viruslast versagen.

Wo sehen Sie die Einsatzgebiete konkret?

Sie wurden entwickelt, um Ärztinnen und Ärzte zu unterstützen, einen Infektionsverdacht bestätigen zu können. Hausärzteínnen und Hausärzte haben zum Beispiel meist schon eine Reihe von Informationen über Beschwerden und brauchen die Infektion nur mehr final zu bestätigen. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde hat erst kürzlich eine Warnung veröffentlicht, dass Antigen-Schnelltests auf keinen Fall zweckentfremdet werden sollten – etwa für groß angelegte Screenings oder für die Vorbereitung von Events.

Was halten Sie von Massentestungen nach slowakischem Vorbild?

Massentestungen müssen mit einem klaren Konzept und Ziel verbunden sein – etwa, um mit verlässlichen Tests ganze Regionen Covid-19-frei zu testen. Alle blicken derzeit auf die Slowakei und loben das Konzept. Wenn man sich die Infektionszahlen dort genau ansieht, sieht man, dass am ersten Wochenende der Massentestung angeblich mehr als 35.000 Corona-positive Fälle identifiziert wurden, trotz des Einsatzes unzuverlässiger Antigen-Schnelltests. Im offiziellen Melderegister scheinen an diesem Wochenende aber nur 4.000 Fälle auf. Daraus ergibt sich die Frage, ob die detektierten Fälle gar nicht eingespeist wurden – was die Statistik massiv verzerren würde. Wenn man sich die offiziellen Zahlen ansieht, geht die Kurve tatsächlich nach unten, aber die Argumentation, dass das der Effekt der Testungen und des Containments ist, halte ich für mutig, weil drei Wochen zuvor ein Lockdown in der Slowakei begonnen hat. Meiner Meinung nach zeigt vielmehr der Lockdown Wirkung. Gut geplante Massentests können aber grundsätzlich zu Zonen führen, wo sich Menschen frei bewegen können.

Eignen sich denn PCR-Tests zur Absicherung von privaten Feiern, der Gastronomie, der Veranstaltungsbranche oder Schulen?

PCR-Testungen sind sicher eine Option, die man als Baustein in die Absicherungskiste einbauen kann, weil damit auch symptomlose Virusträger identifiziert werden können. Wenn man per PCR im Vorhinein sicherstellt, dass Menschen, wo auch immer sie aufeinandertreffen, nicht infektiös sind, hat man kein Problem mehr.

Aber PCR-Tests sind in der Auswertung aufwendig und zeitintensiv.

Das stimmt so nicht. Das ist ein Logistikproblem, das man in den Griff bekommen kann. Warum es derzeit vielerorts so lange dauert, bis ein Testergebnis vorliegt, hat mit dem Prozess davor (Abnahme, Datenerhebung, etc.) und danach zu tun. Wenn das clever gemanaged wird, kann man mehrere Besucher problemlos in kurzer Zeit testen.

Was braucht es beim Testen?

Es gibt Anbieter – Lead Horizon, das ich mitgegründet habe, ist einer davon – die Konzepte für preiswertes und rasches Contact Tracing mit weniger Personalaufwand entwickelt haben. Wir selbst können jeden Testfall innerhalb von 48 Stunden abklären und jeden Cluster innerhalb von 72 Stunden. Wir liefern dieselben Detektionsraten wie die Behörden und greifen auf ein Konzept aus der Wirtschaft zurück.

Was ist das für ein Konzept?

Wir haben hunderte Verteilerzentren und Einsammelstellen, die für die Ausgabe und Rücknahme der Tests zuständig sind. Wir haben einen Kit, der es den Menschen ermöglicht, selbst die Probe abzunehmen, ihre Daten digital einzugeben – und ab diesem Punkt läuft alles automatisiert ab bis zur Meldung ans Epidemiologische Meldesystem. Mit dieser wird nicht nur das Ergebnis an den Patienten rückgemeldet, sondern könnte künftig für rascheres Contact Tracing auch ein Fragebogen zur Erhebung der Kontakte ausgeschickt werden, die elektronisch kontaktiert werden und sich mit einem Gutschein eine Testbox holen könnten.

Sollte man Risikogruppen stärker schützen und etwa den Zutritt in Spitälern oder Pflege- oder Seniorenheimen nur mit negativen PCR-Test erlauben?

Wenn man damit Erleichterung schafft, sicher. Wenn man den Aufwand betreibt, vorher per PCR eine Infektion abzuklären, kann man zum Beispiel auch wieder mehr Besuche in den genannten Einrichtungen erlauben.

Über 100.000 Österreicherinnen und Österreicher sind von ihrer Ansteckung wieder genesen. Weiß man schon, ob sie immun sind?

Noch nicht zu 100 Prozent. Aber man geht davon aus, dass eine durchgemachte Infektion ausreichend Schutz gewährt, dass man nicht kurzfristig erneut infiziert werden kann, oder eine Gefahr für seine Umwelt darstellt.

Wenn eine Corona-Impfung da ist: Ab wann kann man mit einem deutlichen Effekt auf die Ausbreitung rechnen?

Im besten Fall mit Sommer. Es ist unwahrscheinlich, dass die Impfungen bei allen Menschen ausreichend wirksam sein werden. Problematisch könnte das bei älteren Menschen werden. Es ist sehr fraglich, ob wir binnen kürzester Zeit auf alle Maßnahmen verzichten werden können. Keine der bisher präsentierten Impfungen aus Phase III ist zu 100 Prozent wirksam. Die Schutzraten sind aber sensationell, das macht sie auch ungewöhnlich. Man kann es fast nicht glauben. Weswegen man jedenfalls noch die Veröffentlichung und Prüfung der Daten abwarten sollte.

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