© WiGeV/Agnes Schedl

Wissen Gesundheit
12/07/2021

Valipour: "Manche Aussagen von Politikern gefährden die Gesundheit"

Der Intensivmediziner im Interview über ideologisch gefärbte Falschinformation – und warum bei Covid-Patienten Antikörper bestimmt werden.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die FPÖ-Abgeordnete und studierte Medizinerin Dagmar Belakowitsch sorgte im Rahmen einer Demonstration in Wien mit einem (Falsch-)Sager für Empörung. Sie behauptete, die Spitäler wären "wegen Impfschäden" überfüllt. FPÖ-Chef Herbert Kickl hat das Entwurmungsmittel Ivermectin mehrfach zur Behandlung von Covid-19 propagiert  obwohl selbst der Pharmakonzern Merck, der vom Verkauf des Medikaments profitiert, davor warnt, das Mittel dafür einzusetzen.

Wie geht es Ärztinnen und Ärzten damit, dass Politikerinnen und Politiker sowie impfkritische Mitglieder der Bevölkerung Behauptungen aufstellen, die sich mit ihren Erfahrungen aus der Behandlung von Covid-Patientinnen und -Patienten nicht decken? Wie ist die Lage derzeit tatsächlich auf den Intensivstationen und können Medizinerinnen und Mediziner am Krankheitsverlauf erkennen, ob jemand geimpft ist oder nicht?

Der KURIER hat bei Arschang Valipour, Intensivmediziner und Lungenfacharzt an der Klinik Floridsdorf, nachgefragt.

KURIER: FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch stellte am Wochenende bei einer Demonstration die Behauptung auf, die Spitäler seien "wegen Impfschäden" überfüllt. Was sagen Sie dazu?

Arschang Valipour: Das ist schlichtweg unwahr und eine groteske Aussage, die keinem Faktencheck standhält. Es ist so, dass wir sehr gut wissen, welche schweren Nebenwirkungen aufgrund der Impfung bestehen, zum einen aus den Zulassungsstudien, aber auch aus den verpflichtenden Meldungen zu vermuteten Nebenwirkungen an das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen. Gerade bei der Covid-Impfung ist das sehr gut erfasst. Wenn man alle diese Meldungen zusammenzählt, also sowohl leichte als auch schwere, kommt es bei 0,5 Prozent der Geimpften zu Nebenwirkungen, wobei man nicht einmal sagen kann, ob sie kausal damit in Zusammenhang stehen – sie wurden zeitnah zur Impfung gemeldet. Ich halte solche Aussagen für eine politisch ideologisch gefärbte Gesundheitsgefährdung.

Wurden bei Ihnen in der Klinik Impfschäden behandelt?

Bei uns direkt nicht. Natürlich kann es zu Impfschäden kommen, wir wissen etwa, dass bei Astra Zeneca eine impfstoffassoziierte Blutgerinnungsstörung auftreten kann – das war in Österreich 15 Mal der Fall – oder, dass es nach einer Covid-Impfung zu Herzmuskelentzündungen oder Thrombosen kommen kann. Allerdings ist es so, dass die Erkrankung Covid-19 mit einem überproportional höheren Risiko für viele dieser Komplikationen einhergeht. Gerade bei der Herzmuskelentzündung wurde das gezeigt. Ja, es kann nach der Impfung dazu kommen, aber wer ungeimpft an Covid-19 erkrankt, hat ein 15- bis 20-fach höheres Risiko eine Herzmuskelentzündung zu entwickeln. Wie bei jeder Maßnahme ist die Risiko-Nutzen-Abwägung sehr wichtig.  

Was halten Sie davon, wenn Politikerinnen und Politiker Auskünfte über die Situation in Spitälern oder Tipps zu Medikamenten geben?

Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern und es liegt mir fern, einen Schranken vorzuhalten. Aber gerade aus der Position eines politisch Verantwortlichen sollten zumindest wahrheitsgetreue Informationen geliefert oder Referenzen genannt werden. Was ich problematisch finde, sind Behauptungen, die dann in den Medien oder auf Social Media kursieren, die nicht belegt werden. Das gilt für Politiker, aber für Mediziner, Wissenschafter und andere genauso. Man kann sagen, was man will, aber man sollte sich im Klaren sein, dass das auch bewiesen werden muss und man eine Verantwortung für die Gesundheit der Menschen hat. Vor Kurzem habe ich auf Twitter den Hashtag #applaudierenstattdemonstrieren gestartet, weil ich Solidarität mit dem Gesundheitspersonal vermisse, das seit zwei Jahren unter enormer Belastung steht. Bedrohungen und Pfiffe sind eine Grenzüberschreitung, oft angestiftet durch Falschinformation.

Wie ist es momentan bei Ihnen auf der Station, wie ist das Verhältnis von ungeimpften zu geimpften Patientinnen und Patienten?

Das Verhältnis auf der Intensivstation ist relativ stabil – 70 bis 80 Prozent der Patienten sind ungeimpft. Die wenigen, die geimpft sind, haben in der Regel Begleiterkrankungen, hohes Alter, die Impfung liegt schon lange zurück oder sie haben ein anderes intensivmedizinisches Grundproblem zeitgleich mit einer nachgewiesenen Covid-Infektion.

Viele Impfkritiker behaupten, es seien gleich viele Geimpfte oder sogar mehr Geimpfte auf den Intensivstationen als Ungeimpfte.

Das kann ich weder aus eigener Erfahrung noch aus offiziellen Daten und Statistiken nachvollziehen. Ich glaube, Personen, die das behaupten, sind von politischen Interessenvertretern falsch informiert worden. Ich finde es höchst problematisch, wenn Behauptungen aufgestellt werden, die nicht bestätigt sind. Selbst bei regierungskritischen Berichterstattern habe ich noch keinen Beleg dafür gesehen, dass mehr Geimpfte als Ungeimpfte auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

Erheben Sie, ob Patientinnen und Patienten geimpft sind?

Wir fragen die Patienten, wir erfassen ihren Impfschutz und aktuelle Infektionen, auch anhand von Antikörperspiegeln. Wenn jemand behauptet, er ist geimpft, können wir dies über den Antikörperstatus nachvollziehen. Nur in seltenen Fällen, etwa bei Bluterkrankungen, Lymphomen oder gewissen Medikamenten, ist trotz Impfung kein Antikörperspiegel nachweisbar. Bei jedem Covid-Patienten, der aufgenommen wird, machen wir eine Bestimmung der Antikörperspiegel, da wir gewisse Behandlungen davon abhängig machen. Monoklonale Antikörpertherapien können wir etwa Personen, die ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben, bei fehlendem Antikörperspiegel zukommen lassen.

Am Wochenende wurde ein Fall bekannt, bei dem ein Covid-Patient ein falsches Impfzertifikat vorlegte. Ärzte wurden misstrauisch, da sich sein Zustand rasch verschlechterte. Ist am Verlauf der Erkrankung erkennbar, ob jemand geimpft ist?

Das beginnt sich langsam abzuzeichnen. Die Zahlen sind aber noch zu gering, um das abschließend beurteilen zu können, da wir ja nur wenig Geimpfte auf den Intensivstationen behandeln. Ich habe den Eindruck, dass geimpfte Personen in der Regel einen etwas leichteren Verlauf haben, während die Krankheit bei Ungeimpften schneller schwer wird. Das haben wir auch in der zweiten und dritten Welle gesehen. Wissenschaftliche Daten dafür sind aber bislang noch ausständig.

Was sich auch zeigt, ist, dass Ungeimpfte viel häufiger an Long Covid erkranken: Sie haben ein um 50 Prozent höheres Risiko. Neben der Impfung ist zudem die Maske enorm wichtig, vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit, wo Öffnungsschritte bevorstehen. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, wie sich die Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten entwickelt.

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