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Wissen Gesundheit
11/16/2021

Ivermectin: Ausverkauftes Entwurmungsmittel sorgt für Vergiftungen

Sogar der Hersteller riet davon ab, das Medikament bei Covid-19 zu verwenden. Dennoch ist es stark nachgefragt.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die steigenden Infektionszahlen sorgen offenbar dafür, dass einige Menschen Vorkehrungen treffen wollen. So stieg etwa die Nachfrage nach dem Medikament Ivermectin, das angeblich bei einer Covid-19-Erkrankung helfen soll. Einige Apotheken berichten, dass das Mittel immer wieder ausverkauft ist, die Nachfrage danach sehr groß.

Wenige Studien, falsche Einnahme

Tatsächlich gibt es aber keinen wissenschaftlichen Nachweis darüber, dass das Medikament bei einer Infektion hilft. Vielmehr gibt es Warnungen davor, es gegen seine ursprüngliche Zulassung – hauptsächlich ist es ein Entwurmungsmittel für Pferde und Kühe – einzusetzen. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA prüfte etwa Erkenntnisse aus zahlreichen Studien und kam zu dem Schluss, dass "die vorliegenden Daten die Verwendung von Ivermectin zur Behandlung von Covid-19 außerhalb klinischer Studien nicht unterstützen", heißt es auf der Website des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG).

Zwar gibt es wenige Studien, die einen möglichen Nutzen zeigen, allerdings mit Einschränkungen. "Die Studien waren klein und wiesen zusätzliche Einschränkungen auf, wie z.B. unterschiedliche Dosierungen oder die Verwendung von weiteren Arzneimitteln." Für die gefundenen antiviralen Effekte bräuchte es zudem Dosierungen des rezeptpflichtigen Medikaments, die zu starken Nebenwirkungen führen können.

Der Präsident der Oberösterrichischen Apothekerkammer, Thomas Vetschegger, warnte in den OÖN vor den Folgen der starken Nachfrage. "Viele Leute nehmen das Medikament völlig falsch ein. Sie nehmen die weitaus höhere Dosis, die eigentlich für Pferde gedacht ist", so Veitschegger. "Es gab schon Vergiftungen." Apotheken müssten das Medikament aus dem Ausland nachbestellen, in seiner in Bad Leonfelden beispielsweise habe es aus Frankreich nachgeordert werden müssen, schilderte Veitschegger und wunderte sich: "Da braucht es erst einmal einen Mediziner, der dieses Medikament zur Vorbeugung und Behandlung von Würmern auch verschreibt."

Verschreibungen "auffällig"

Der oö. Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser sagte auf APA-Anfrage, er habe keinerlei Hinweise, dass Ärzte das Präparat leichtfertig verschreiben würden. Ihm liegen auch keine Rückmeldungen der Mitglieder vor, dass es vermehrt von den Patienten angefordert werde. Aber "wenn das in einer Menge verschrieben wird, wie das früher noch nie war, ist das sicherlich auffällig", räumte er ein. "Wir wissen nicht, wer etwas verschreibt, diese Daten liegen uns nicht vor. Wir haben kein Recht in das Verschreibeverhalten einzusehen", so der Ärztekammer-Präsident. Er betonte aber: "Eine Verschreibung ist eine ärztliche Tätigkeit, die hat eine gewisse Verantwortung, da ist man verpflichtet mit Patienten über Nebenwirkungen etc. zu reden."

Vonseiten der Apothekerkammer hieß es, man verzeichne seit Anfang des Jahres eine starke Nachfrage nach Ivermectin in ganz Österreich. Wie viel tatsächlich verkauft werde, wisse man aber nicht. Die Standesvertretung wies gegenüber der APA auf den Kontrahierungszwang hin, d.h. Apotheker müssen den Patienten aushändigen, was auf dem Rezept steht, außer es bestehe der Verdacht der missbräuchlichen Verwendung. Dann muss beim verschreibenden Arzt rückgefragt werden. Sei dies nicht möglich, sei die Abgabe zu verweigern.

Toxische Wirkung "nicht ausgeschlossen"

EU-weit ist Ivermectin nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen. In Österreich sind derzeit 28 rezeptpflichtige Präparate mit dem Wirkstoff Ivermectin in Österreich zugelassen, vier davon zur Behandlung von Menschen, der Rest für den Einsatz in der Veterinärmedizin. Beim Menschen wird das Mittel für die Behandlung von Krätze sowie parasitären Wurmbefällen sowie für spezielle Hauterkrankungen genutzt. Im Tierbereich wird das Mittel gegen Parasiten bei einer Vielzahl von Tieren eingesetzt.

Beim BASG heißt es: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Ivermectin bei einer höheren als der zugelassenen Dosierung toxisch wirkt. Die Verwendung von Ivermectin kann somit derzeit (mit Ausnahme kontrollierter klinischer Studien) keinesfalls zu einer Vorbeugung oder Behandlung von COVID-19 empfohlen werden.“ 

Hersteller warnt

Auch der Hersteller von Ivermectin, Pharmakonzern Merck, der eigentlich vom Verkauf des Mittels profitiert, bezog Stellung und betonte in einer Aussendung, dass:

  • Es keine wissenschaftliche Grundlage für eine mögliche therapeutische Wirkung gegen COVID-19 gäbe.
  • Keine aussagekräftigen Beweise für klinische Aktivität oder klinische Wirksamkeit bei Patienten mit COVID-19-Krankheit bestehen.
  • Ein besorgniserregender Mangel an Sicherheitsdaten in den meisten Studien vorliegt.

Auch die WHO sowie die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA rieten davon ab, das Mittel präventiv oder zur Behandlung von Covid-19 einzunehmen. Die FDA zeigt aber Verständnis für die erhöhte Nachfrage: "In Anbetracht der vielen Todesfälle durch diese Krankheit ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass einige Verbraucher zu unkonventionellen Behandlungsmethoden greifen, die nicht von der Food and Drug Administration genehmigt oder zugelassen sind. Auch wenn dies verständlich ist, sollten Sie sich vorsehen."

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