Typhus könnte weltweit bald unheilbar sein

Mangelnde Hygiene führt vor allem in Entwicklungsländern dazu, dass Typhus sich ausbreitet. © Bild: APA/AFP/FLORENT VERGNES / FLORENT VERGNES

Erstmals verbreitet sich ein gegen bereits fünf Antibiotika resistenter Keim. Experten warnen vor drohenden Todesfällen.

850 Menschen haben sich bereits mit einem weitgehend arzneimittelresistenten Typhus-Stamm infiziert, vier sind daran verstorben. Der Stamm ist bereits gegen fünf Arten von Antibiotika resistent und verbreitet sich derzeit vor allem in Pakistan, ein Todesfall ereignete sich in Großbritannien, nach der Rückkehr eines Patienten aus Pakistan. Experten gehen aber davon aus, dass sich der kaum behandelbare Typhusstamm auch weltweit ausbreiten könnte. Derzeit gibt es mit Azithromycin nur ein verbleibendes orales Antibiotikum, das zur Behandlung eingesetzt werden kann. Eine weitere genetische Mutation könnte Typhus in einigen Gebieten allerdings jederzeit unbehandelbar machen.

Experten alarmiert

Für Forscher des National Institute of Health Islamabad ist die aktuelle Epidemie ein Warnsignal. Wenn es nicht gelingt, mit Impfkampagnen und modernen Sanitärsystemen den Erreger einzudämmen, erwarte uns eine Rückkehr in die präantibiotische Ära. Dies hätte einen deutlichen Anstieg an Todesfällen zur Folge. „Es geht nicht nur um Typhus“, sagte Rumina Hasan, Pathologin an der Aga Khan Universität in Pakistan der New York Times. „Antibiotikaresistenz ist eine Bedrohung für die gesamte moderne Medizin und der gruselige Teil ist, dass wir keine Optionen mehr haben.“

Typhus wird durch die Bakterien Salmonella Typhi verursacht und ist eine hochinfektiöse Krankheit. Die Bakterien werden durch verunreinigtes Essen oder Wasser übertragen. Es kommt zu hohem Fieber, Kopfschmerzen und Erbrechen. Ungefähr 21 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr an Typhus und etwa 161.000 sterben jährlich laut Weltgesundheitsorganisation WHO.

Mutationen führen zu Resistenzen

Typhus ist in Pakistan in jenen Regionen stark verbreitet, wo schlechte Infrastruktur, niedrige Impfraten und überbevölkerte Stadtwohnungen bestehen. Die Ärzte sind daher von Typhus-Ausbrüchen nicht überrascht – neu ist allerdings, dass Bakterien nicht mehr auf das Antibiotikum Ceftriaxon reagieren, das zur Behandlung von multiresistenten Typhus-Stämmen eingesetzt wurde.

Lediglich vier isolierte Fälle von extensiv medikamentenresistentem Typhus wurden zuvor weltweit berichtet, so Elizabeth Klemm, Genetikerin für Infektionskrankheiten am Wellcome Sanger Institute in England, gegenüber der New York Times. Die genetische Sequenzierung der Bakterien zeigte, dass ein gewöhnlicher, aggressiver Typhus-Stamm namens H58 mit einem anderen Bakterium, wahrscheinlich E. coli, interagierte und von ihm ein zusätzliches DNA-Molekül, ein so genanntes Plasmid, erhielt. So entwickelte sich die Resistenz gegen Ceftriaxon.

Worst-Case-Szenario überall möglich

Die Ergebnisse waren beunruhigend einfach: Die multiresistenten Stämme können in einem einzigen Schritt praktisch überall entstehen, wo sowohl der H58-Stamm als auch das hinzugefügte Plasmid vorhanden sind - sei es ein Abwassersystem oder sogar ein einzelner menschlicher Darm.

"Es gibt mehrere Worst-Case-Szenarien", sagte Klemm. "Zum einen verbreitet sich diese Belastung durch Migration auf andere Regionen. Aber das andere ist, dass es anderswo auftaucht - Plasmide mit Medikamentenresistenz sind überall. "

Die Entdeckung der antibiotischen Behandlung gegen Typhus im Jahre 1948 ließ die Todesrate der Infektion von fast einem Viertel auf nur ein Hundertstel sinken. Derzeit werden weltweit jährlich schätzungsweise 50 Millionen Antibiotika-Dosen für Typhus verschrieben. In Karachi, der Hauptstadt der Provinz Sindh in Pakistan, steigt die Antibiotikaresistenz laut WHO jedes Jahr um 30 Prozent. Bei diesem Voranschreiten werden alle Typhusfälle in der Stadt bis 2020 gegen mehrere Medikamente resistent sein. "Wenn wir es nicht mehr effektiv behandeln können, kehren wir in die präantibiotische Ära zurück. Das würde viele Todesopfer in der Zukunft bedeuten ", sagte Genetikerin Klemm.

Impfen und Hygiene zur Prävention

Um die letzte Verteidigungslinie zu bewahren, haben Beamte des pakistanischen Gesundheitswesens eine Kampagne zur Impfung von 250.000 Kindern in Hyderabad mit einem neuen Typhus-Impfstoff gestartet. Die Impfung hält mindestens fünf Jahre und kann Kindern, die erst sechs Monate alt sind, verabreicht werden. Experten setzen sich auch für die Hygienegewohnheiten zur Prävention ein: häufig Hände waschen, Trinkwasser kochen und gut gekochtes Essen. Längerfristig wird eine moderne Sanitärinfrastruktur benötigt.

Die Impfkampagne wurde lokalen Berichten zufolge mit Gegenwind konfrontiert. Es kamen Gerüchte auf, dass die Impfstoffe in einem westlichen Versuch, Kindern zu schaden, vergiftet worden seien. Ähnliche Verdachtsmomente bestehen seit 2011, als eine Kampagne gegen Hepatitis B dazu genutzt wurde, Informationen über Osama bin Laden zu sammeln, der schließlich in Pakistan getötet wurde. Zwei Polio-Impfarbeiter wurden in diesem Januar in Pakistan getötet.

GAVI, The Vaccine Alliance, eine öffentlich-private globale Gesundheitspartnerschaft, die daran arbeitet, den Zugang zu Impfungen zu verbessern, hat 85 Millionen US-Dollar zugesagt, um sicherzustellen, dass Typhusimpfstoffe die Entwicklungsländer erreichen.

( kurier.at , ege ) Erstellt am 16.04.2018