Wissen | Gesundheit
18.07.2018

Studie zu Omega-3: "Statt Fischölkapseln lieber Gemüse kaufen"

Laut einer großangelegten Übersichtsstudie haben Omega-3-Präparate keinen nennenswerten Effekt auf die Gesundheit.

Die weitverbreitete Annahme, dass Omega-3-Fettsäuren Herz und Hirn schützen, wurde im Zuge einer vom renommierten Wissenschaftsnetzwerk Cochrane Collaboration anerkannten Erhebung widerlegt. Demnach reduzieren die in fettem Fisch, Walnüssen, Avocados, Chiasamen, Raps und anderen Pflanzensamen enthaltenen ungesättigten Fettsäuren das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht – wenn man diese isoliert in Tablettenform zu sich nimmt.

Im Zuge der Erhebung wurden 79 Einzelstudien und in Summe Daten von über 112.000 Menschen aus Nordamerika, Europa, Australien und Asien erfasst und analysiert. Bei einem Großteil der Erhebungen wurden die Probanden angewiesen, Omega-3 täglich über Ergänzungspräparate einzunehmen. Eine Handvoll Studien untersuchte die Wirkung von fettreichem Fisch. Einige weitere befassten sich mit dem Effekt der pflanzlichen 3-fach ungesättigten Fettsäure Alpha-Linolensäure.

Kein nennenswerter Effekt

Es zeigte sich: Nahrungsergänzungsmittel, die Omega-3-Fettsäuren enthalten, wie beispielsweise Fischöl- oder Leinölkapseln, reduzieren das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen nicht. Auch bei der pflanzlichen Alpha-Linolensäure konnten die Wissenschaftler keinen signifikant positiven Effekt auf die Herzgesundheit feststellen. Einzige Ausnahme: Diese Omega-3-Fettsäure scheint in geringem Maß gegen Herzrhythmusstörungen zu schützen. Nahmen die Teilnehmer Alpha-Linolensäure verstärkt ein, sank ihr Risiko für Arrhythmien von 3,3 Prozent auf 2,6 Prozent.

"Wir sind von den Ergebnissen dieser Übersichtsstudie, die gegen die gängige Annahme, dass langkettige Omeg-3-Fettsäuren das Herz schützen sprechen, überzeugt", erklärt Studienautorin Lee Hooper von der englischen University of East Anglia. Die Studie habe große Mengen an Daten über einen langen Zeitraum untersucht – "dennoch haben wir keine schützenden Effekte festgestellt." Der Glaube an die gesundheitsfördernden Wirkungen der Fettsäuren gründet Lee zufolge auf frühen wissenschaftlichen Erhebungen aus den 80er- oder 90er-Jahren: "Wir haben es alle eine recht lange Zeit lang geglaubt, aber seither hat keine Untersuchung die Ergebnisse bestätigt."

Angestoßen wurde die Erhebung von der Weltgesundheitsorganisation WHO, die derzeit eine Anpassung ihrer Richtlinien zum Konsum mehrfach ungesättigter Fettsäuren erarbeitet.

Fetter Fisch ratsam

Ob sich der Konsum von fettem Fisch positiv auf die Gesundheit auswirkt, konnte in der Erhebung aufgrund der limitierten Datenlage explizit nicht ermittelt werden. Lee Hooper gibt allerdings zu bedenken, dass durch den Verzehr auch Jod, Selen, Kalzium und Vitamin D zugeführt würden. Inhaltsstoffe, die in anderen Lebensmitteln nur in kleinen Mengen oder gar nicht vorkommen und im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung wichtig sind. Fisch gehört auch laut der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) ein- bis zweimal die Woche auf den Speiseplan. Wichtig ist, Produkte mit anerkannt nachhaltiger Herkunft zu wählen (mehr dazu hier).

Davon, Omega-3-Fettsäuren extrahiert in Kapselform zu schlucken – und sich auf deren gesunde Wirkung zu verlassen – rät Hooper jedenfalls ab: "Wenn man Fischöltabletten schluckt, könnte man denken, dass man sich schon genug Gutes getan hat und sich jetzt entspannen kann." Indem andere Komponenten einer ausgewogenen Ernährung dann vernachlässigt werden, könne sich dies insgesamt schädlich auf den Körper auswirken.

Gemüse statt Kapseln kaufen

Dem stimmt auch Tim Chico, Herzmediziner an der Sheffield University und unbeteiligter Experte, im Interview mit dem Guardian zu. Es sei jedenfalls vermessen zu glauben, dass ein einzelner Baustein der Ernährung zuverlässig gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen könne. Auch die Kostenfrage sei für den Verbraucher nicht unwesentlich: "Solche Ergänzungsmittel sind mit signifikanten Kosten verbunden." Konsumenten, die Unsummen dafür ausgeben, rät er, das Geld im Sinne einer gesunden Ernährung lieber in "Gemüse zu investieren".