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Wissen Gesundheit
10/13/2020

Intensivmediziner zu Covid-19: "Kein Grund zur Entwarnung"

Fachgesellschaften warnen vor weiterem Anstieg der Patientenzahlen auf Intensivstationen. Ausbreitung von SARS-CoV-2 weiterhin "sehr besorgniserregend". 50- bis 64-Jährige am längsten auf Intensivstationen.

Drei intensivmedizinische Fachgesellschaften warnen jetzt in einer gemeinsamen Stellungnahme vor Fehleinschätzungen, was die intensivmedizinische Versorgung betrifft. Es gebe in diesem Punkt keinen Grund zur Entwarnung.

In der schriftlichen Stellungnahme schreibt Intensivmediziner Klaus Markstaller vom Wiener AKH / MedUni Wien (Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin), dass es zu begrüßen sei, "dass die Frage der intensivmedizinischen Ressourcen im Zusammenhang  mit der SARS-CoV-2-Pandemie einen wichtigen Stellenwert in der Diskussion einnimmt. Allerdings wird sie häufig mit Argumenten außerhalb der intensivmedizinischen Fachexpertise geführt.  Hier tragen wir gerne Fakten bei. Denn die Ausbreitung von SARS-CoV-2 hierzulande ist weiterhin sehr besorgniserregend und aus intensivmedizinischer Sicht gibt es keinen Grund für eine Entwarnung, was die Ressourcensituation betrifft."

In den zwei Monaten zwischen 12. August und 12. Oktober stieg die Zahl der Patientinnen und Patienten, die wegen einer Covid-19 Erkrankung auf einer Normalstation aufgenommen wurden, von 118 auf 561, die Zahl der Intensivpatientinnen und -patienten von 25 auf 97, erinnert Markstaller. Ungefähr jede fünfte Person, die wegen einer Infektion mit SARS-CoV-2 stationär aufgenommen werden muss, benötigt eine intensivmedizinische Behandlung.

"Die weltweite Dynamik der Infektionszahlen spricht dafür, dass SARS-COV-2 zukünftig ein fixer Bestandteil unseres Viruspools sein wird. Zusammen mit anderen saisonalen Viruserkrankungen wie Influenza oder RSV werden Covid-19 Infektionen daher zu zusätzlichen Fallzahlen von intensivmedizinisch zu betreuenden Patientinnen und Patienten beitragen", wie Michael Joannidis von der MedUni Innsbruck (Präsident der Österreichische Gesellschaft für Internistische und Allgemeine Intensivmedizin und Notfallmedizin) erläutert. "Ein dauerhafter, vermutlich jahreszeitlich fluktuierender Mehrbedarf an intensivmedizinischen Ressourcen kann zwar bei Spitzenbelastungen durch die vorübergehende Reduktion anderer ressourcenintensiver Interventionen für kurze Zeit kompensiert werden, das Ziel muss jedoch eine kontinuierliche Versorgung aller Patientinnen und Patienten mit intensivmedizinischem Behandlungsbedarf sein."

Die Sicherstellung der intensivmedizinischen Versorgung für alle kritisch kranken Personen erfordere zumindest die Aufrechterhaltung der bisherigen Ressourcen, in manchen Bereichen auch ihren weiteren Ausbau, so der Experte. Zusätzlich liege die Verantwortung für die Eingrenzung der Pandemie und damit auch der Schonung intensivmedizinischer Ressourcen bei jeder und jedem Einzelnen.

Keine Durchbrüche bei neuen Medikamenten

Nicht nachvollziehen kann Markstaller Darstellungen, wonach sich im Vergleich zum Frühjahr die Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 dramatisch verbessert hätten und schon deshalb trotz steigender Infektionszahlen die Versorgungsressourcen nicht in Gefahr seien, überfordert zu werden: "Tatsache ist, dass wir seit Beginn der Pandemie sehr viel über diese Erkrankung, die zunächst eine große Unbekannte war, gelernt haben und weiter lernen. Es ist aber auch so, dass große therapeutischen Durchbrüche mit experimentell eingesetzten Substanzen, auf denen viele Hoffnungen ruhten, so bisher nicht eingetreten sind."

Laut Joannidis gab es Verbesserungen bei den Behandlungsergebnissen im Wesentlichen durch den Einsatz gerinnungshemmender Substanzen und durch Cortisonpräparate, die nachweislich die Sterblichkeit bei beatmeten Patienteninnen und Patienten senken. "Die schweren Verläufe der Erkrankung mit der Konsequenz langer Aufenthalte auf der Intensivstation und großen Herausforderungen für die daran anschließende Rehabilitation bleiben aber ressourcenintensiv." Es gebe somit auch im Vergleich zum Frühling keinen Grund zur Entwarnung.

Unverändert hohe Rate an schweren Verläufen

Nach wie vor benötigen 20 Prozent aller in Österreich hospitalisierten Covid-19-Patientinnen und Patienten intensivmedizinische Betreuung. Derzeit ist ein gesamtösterreichisches Register mit Daten aus Intensivstationen aus ganz Österreich. "Die höchste Verweildauer an Intensivstationen ist laut einer aktuellen Analyse des Gesundheitsministeriums bei den 50- bis 64-jährigen Betroffenen zu verzeichnen und liegt im Schnitt bei 14 Tagen. Das zeigt auch die hohe Belastung, die eine weitere Ausbreitung von SARS-CoV-2 für unsere Ressourcen bedeuten kann und die es zu vermeiden gilt", betont Andreas Valentin vom Kardinal Schwarzenberg Klinikum in Schwarzach / Salzburg (Präsident des Verbandes der intensivmedizinischen Gesellschaften Österreichs).

"Wenn wir nicht weiter sehr achtsam sind und die Anstrengungen der Infektionsvermeidung wieder verstärken, werden nicht nur die Infektionszahlen weiter steigen, sondern natürlich auch die Zahl der Hospitalisierungen und intensivpflichtigen Fälle", betont Valentin. "Wir müssen jedenfalls alle Anstrengungen unternehmen, um eine Situation zu vermeiden, in der wir womöglich zur Absicherung von ausreichenden Intensivkapazitäten für die Pandemie in der Routineversorgung nicht mehr alle erforderlichen Leistungen für alle Patientengruppen erbringen können." Zu Recht werde häufig eingefordert, über Covid-19 nicht andere Erkrankungen zu vernachlässigen. "SARS-CoV-2 wird uns noch länger begleiten, deshalb müssen wir unser Versorgungssystem rechtzeitig an den erhöhten Bedarf anpassen", so die Präsidenten der drei Fachgesellschaften.

 

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