Airline Pilots from Recover Irish Aviation group undergo COVID-19 rapid antigen tests, in Dublin

Laut dem deutschen Virologen Christian Drosten sind Antigentests bei Geimpften nicht treffsicher.

© REUTERS / CLODAGH KILCOYNE

Wissen Gesundheit
07/22/2021

Funktionieren Antigentests bei Geimpften noch zuverlässig?

Den Menschen schützt die Corona-Impfung vor schweren Covid-Verläufen, beim Ansteckungsnachweis kann sie zum Störfaktor werden.

von Marlene Patsalidis

Dem deutschen Star-Virologen Christian Drosten zufolge werden Antigentests "als epidemiologisches Tool" zunehmend an "Bedeutung verlieren". Der KURIER erklärt, was es damit auf sich hat.

Funktionieren Antigentests bei Geimpften?

"Im Großen und Ganzen: ja", sagt Virologe und Antikörper-Spezialist Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien. "Wir gehen derzeit davon aus, dass Antigentests auch bei geimpften Menschen gute Infektionsnachweise erbringen." Antigen-Schnelltests weisen Virusproteine, die vom Genom von SARS-CoV-2 kodiert werden, in Abstrichen nach. "Die Delta-Variante beeinflusst diesen Prozess grundsätzlich nicht", sagt der Experte. Der Impfstoff selbst kann keinen positiven Test verursachen.

Ist ihre Sensitivität bei Proben von Geimpften eingeschränkt?

"Man muss bedenken, dass Geimpfte verschiedene Impf-Antikörper bilden, wahrscheinlich auch solche, die über die Schleimhaut der Lunge und des Nasen-Rachen-Raums ausgeschieden werden." Der Vorteil für den Einzelnen liegt auf der Hand: "Diese Antikörper machen eingedrungene Krankheitserreger in Nase und Rachen schnell unschädlich und hindern sie an der Vermehrung. Die Viruskonzentration bleibt dadurch gering."

Die abgeschwächte Infektion bleibt per genauerem PCR-Test nachweisbar, Antigentests können "die kleinere Menge an Virusmaterial aber nicht mehr entdecken, weil eben insgesamt weniger Zellen infiziert wurden", sagt Weseslindtner. Die Tests liefern so eher falsch negative Ergebnisse. Für Ungeimpfte kann man als Geimpfter mit einer asymptomatischen oder mild symptomatischen Infektion aber trotzdem infektiös sein: "Deswegen ist es so wichtig, dass möglichst viele Menschen sich impfen lassen."

Welche Rolle spielt die Viruslast beim Antigen-Ergebnis? Was bedeutet das im Hinblick auf die Delta-Variante?

Die grassierende Delta-Variante ist nicht nur weitaus ansteckender, sondern breitet sich wahrscheinlicher auch rascher im Körper aus als ihre Vorgänger. Weseslindtner: "Die Delta-Variante vermag es, mit weniger Viren mehr Zellen zu befallen und so die Viruskonzentration im Körper rasch hinaufschnellen zu lassen." Für Antigentests sei das quasi eine gute Nachricht: "Sie schlagen dann nämlich an."

Wie wirkt sich die Probenabnahme aus? Stichwort: Nasenbohrer-Tests vs. Abstriche im Nasen-Rachen-Raum.

Die Sensitivität der besten Antigen-Schnelltests liegt mit professionell entnommenen Proben aus dem tiefer liegenden Nasen-Rachen-Raum bei asymptomatischen Infizierten nur bei 50 Prozent, zeigen Studien. "Das ist so, als würde man würfeln, ob jemand infiziert ist oder nicht", fasst Weseslindtner zusammen. Treten Symptome auf, steigt die Treffsicherheit der Tests, sie kann aber durch eine ungenaue Probenabnahme wiederum eingeschränkt werden. "Bei Geimpften, die womöglich noch weniger Virusmaterial ausscheiden, detektieren Wohnzimmer-Tests das Virus nochmal um einiges schlechter."

Wenn Delta sich rascher im Körper ausbreitet, sind die Gültigkeitszeiträume der Antigentests dann noch sicher?

Professionell durchgeführte Antigentests in Apotheken oder Teststraßen gelten derzeit 48 Stunden, Antigentests mit Selbstabnahme zu Hause 24 Stunden. Durch den schnellen Anstieg der Viruskonzentration bei der Delta-Variante könnten diese Zeiträume ins Wanken geraten: "Im Gültigkeitszeitraum von 48 Stunden gibt es bei der Delta-Variante eine riskante zeitliche Lücke, wo die Viruskonzentration nach einem negativen Testergebnis ansteigen kann. So könnte ein Infizierter zwar negativ getestet sein, aber ansteckend fortgehen."

Warum brauchen Genesene künftig einen PCR-Test für Nachtgastronomie?

Die Nachtgastronomie gilt als Hochrisikobereich für Corona-Infektionen. "Eine Person, die doppelt geimpft ist, ist der sicherste Disco-Gast", weiß Weseslindtner. "Ihr kann wenig passieren, und wenn alle um sie herum geimpft sind, zeigt sich ein etwaiger SARS-CoV-2-Ausbruch im schlimmsten Fall nur mehr als milde Erkältungskrankheit." Einmalig Geimpfte seien im Vergleich viel weniger geschützt, ebenso wie Genesene: "Wenn jemand vor vielen Monaten eine Infektion durchgemacht hat, kann es sein, dass sein Antikörperschutz derart abgesunken ist, dass er bei einer Infektion mit der Delta-Variante zwar vor schweren, aber nicht vor langwierigen, symptomatischen Verläufen geschützt ist." Damit stellt er wiederum ein größeres Risiko für andere dar.

Außerdem wisse man derzeit zu wenig darüber, wie Genesene das Virus im Falle einer erneuten Infektion weitergeben. PCR-Tests schlagen jedenfalls sofort an, wenn jemand infektiös ist. Am wenigsten geschützt sind Getestete. Sie stellen auch das größte Risiko für andere dar: "Wenn jemand mit einem 48 Stunden alten negativen Antigentest in die Disco geht, kann der schnelle Virusanstieg im Hintergrund Risiken bergen." Gefährlich wird es, wenn der Anteil der Getesteten in der Disco überwiegt – "ist der Großteil doppelt geimpft, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus".

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