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Wissen Gesundheit
07/17/2021

Angst vor der Dreifach-Welle im Herbst

Covid-19, Influenza, RSV: Experten befürchten ab Herbst eine Mehrfachbelastung der Spitäler durch eine dreifache Welle - das zeigen auch Berichte aus Australien und Neuseeland.

von Ernst Mauritz

In England spitzt sich die Corona-Situation zu. Eines der größten Spitäler, das Queen Elizabeth Spital in Birmingham, sagt für zwei Tage alle geplanten Operationen aus Mangel an Betten und Kapazitäten im Intensivbereich ab.

Einer der Gründe: Die steigende Zahl von Coronaviruspatienten. Wenn am kommenden Montag fast alle Corona-Maßnahmen in England enden, stehe der größte britische Landesteil vor einem "Masken-Chaos", kritisieren Experten und Gewerkschaften. Denn dann gelten weder Abstandsregeln noch Maskenpflicht. Das Schlimmste der Pandemie liege hinter dem Land, sagt hingegen Premier Boris Johnson.

Am selben Tag meldete die Regierung fast 50.000 Neuinfektionen - den höchsten Tageswert seit einem halben Jahr. Die Zahl der Fälle ist in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche um 43 Prozent gestiegen. Auch die Krankenhauseinweisungen nehmen wieder zu. Das britische Expertengremium Sage erwartet mindestens 1.000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Corona-Tote täglich.

Doch die in vielen Ländern steigenden Corona-Zahlen sind derzeit nicht die einzige Sorge, die Spitalsträger angesichts des kommenden Herbstes und Winters haben.

In einem Bericht der britischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (Academy of Medical Sciences) warnen jetzt die Autoren, dass neben Covid-19 zwei weitere Erkrankungswellen die Spitalsaufnahmen deutlich in die Höhe schnellen lassen könnten: Erkrankungen durch die echte Virusgrippe (Influenza) und anderen Viren, die Atemwegsinfekte auslösen (vor allem RSV).

Laut dem britischen Bericht könnten RSV-Ausbrüche im Herbst und die Influenza im Winter doppelt so stark sein wie in einem "normalen" Jahr und sich zumindest teilweise mit einem Erkrankungsgipfel an Covid-19 überlappen.

Beim Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) handelt es sich um "einen der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern", schreibt das deutsche Robert-Koch-Institut. In ihrem Zeitpunkt des stärksten Auftretens (November bis April) und ihrer Symptomatik ähneln RSV-Infektionen der Influenza. Ihre Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung wurde lange Zeit unterbewertet, heißt es beim RKI: "Nach aktuellen Schätzungen kommen RSV-Atemwegserkrankungen jedoch weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr vor."

Neben Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und Fieber kann die Infektion bei Säuglingen oder Kleinkindern auch zu einer Entzündung der Bronchien oder Lunge führen - ein Teil der kleinen Patienten muss wegen des schlechten Allgemeinzustands im Krankenhaus behandelt werden.

Da alle drei Krankheitserreger oft mit ähnlichen Symptomen auftreten, werde rasches Testen auf alle drei Viren notwendig sein, um zum Beispiel Influenza rasch mit vorhandenen Anti-Virus-Mitteln behandeln zu können, heißt es in dem britischen Bericht.

Neuseeland: Viele Kinder mit RSV auf Intensivstationen

Auf der Südhalbkugel wurde ein derartiger Anstieg von RSV bereits beobachtet: In Teilen Australiens kam es zu einem untypisch starken und raschen Anstieg an RSV-Infektionen.

Derzeit gibt es in Neuseeland einen RSV-Ausbruch bei Kleinkindern. "Dutzende Kinder kämpfen auf Intensivstationen mit Atemnot", berichtet der New Zealand Herald. Vergangenen Donnerstag waren im Wellington Regional Hospital 31 Kinder mit RSV- und anderen Atemwegsinfektionen stationär aufgenommen, fünf davon auf einer Intensivstation. Einen Impfstoff gegen RSV gibt es noch nicht.

Der Grund für das erwartete starke Aufflammen solcher Infektionskrankheiten: Die Wirksamkeit der Corona-Hygienemaßnahmen (Masken, Abstand, Händehygiene), die im vergangenen Herbst und Winter nicht nur die Ausbreitung von SARS-CoV-2 hemmten, sondern auch von Grippe und anderen Atemwegskrankheiten.

In der vergangenen Wintersaison 2020/2021 wurde deshalb im österreichischen Influenza-Überwachungssystem nur eine einzige Probe aus Österreich positiv auf Influenza getestet, dazu eine weitere Probe eines Reiserückkehrers.

So positiv diese Nachrichten einerseits sind, "so muss man auch bedenken, dass diese ausgebliebenen Virusaktivitäten auch bedingen, dass somit in der Bevölkerung keine natürliche Boosterung durch Viruskontakte stattgefunden hat", schrieb vor kurzem die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien in der Virusepidemiologischen Information. "Es ist daher möglich, dass mit Wegfall der Hygienemaßnahmen eine wiedereinsetzende Virusaktivität mit einer starken epidemischen Welle einhergeht".

"Keine Immunität"

Besonders bei RSV könnte dies in stärkerem Ausmaß der Fall sein. Denn die Erstinfektion erfolgt meist innerhalb des erstens Lebensjahres. Redlberger-Fritz: "Durch die ausgebliebene RSV-Aktivität haben jedoch alle nach März 2020 geborenen Kinder keine Immunität gegen dieses Virus, zusammen mit den Neugeborenen der heurigen Geburtskohorte ergibt das eine große Anzahl an RSV naiven, vulnerablen Kindern."

Deshalb könnten heuer im Herbst und Winter sehr viele RSV-Erstinfektionen auftreten - mit einer entsprechenden Belastung von Kinderstationen. Gleichzeitig zeigten die Erfahrungen vergangener Jahre, dass auf sehr schwache Grippewellen meist starke folgten.

"Wir müssen damit rechnen, dass im Herbst neben Covid-19 auch andere Atemwegskrankheiten die Spitäler belasten werden", sagt auch der Gesundheitsökonom und Mediziner Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS. "Die Menschen konnten ja ein Jahr lang keine Antikörper gegen solche Erreger bilden." Auch wenn sich die Influenzaviren von Jahr zu Jahr ändern, so gebe es normalerweise doch eine gewisse schützende Kreuzreaktion: "Aber die ist natürlich heuer auch reduziert."

Fazit: "Wir werden weiterhin genau auf die Covid-19-Infektionszahlen schauen müssen und dürfen nicht warten, bis die Covid-Spitalsaufnahmen wieder steigen. Wir können nicht erst reagieren, wenn die Spitäler mit Covid-19-Patienten voll sind. Bei einem exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen ist es dann schon zu spät. Denn wir werden heuer neben Covid-19 möglicherweise mehr Kapazitäten für Patienten mit anderen Infektionskrankheiten benötigen."

Und, was auch wichtig sein wird: Die Influenzaschutzimpfung. Sie wird auch in der kommenden Saison für Kinder von 6 Monaten bis 14 Jahren gratis im Rahmen des Kinderimpfprogramms zur Verfügung sehen.

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