Während Deutschland den Einsatz von Astra Zeneca auf Menschen ab 60 Jahren beschränkt, sieht die EMA dafür vorerst keinen Grund.

© APA/AFP/JOEL SAGET

Wissen Gesundheit
03/31/2021

Faktencheck: Wie sicher ist Astra Zeneca tatsächlich?

Umstrittener Impfstoff. Die Europäische Arzneimittelagentur sieht derzeit keinen Anlass dafür, eine bestimmte Altersgruppe nicht mit diesem Vakzin zu impfen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

von Theresa Bittermann, Ernst Mauritz

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA steht weiterhin zum Impfstoff von Astra Zeneca: „Nach heutigem Wissen gibt es keine Evidenz, die eine Einschränkung des Einsatzes in irgendeiner Bevölkerungsgruppe rechtfertigen würde“, sagte EMA-Direktorin Emer Cooke Mittwochnachmittag. Die Überprüfung läuft. Österreich wird das Vakzin von Astra Zeneca inzwischen weiter an alle Altersgruppen verimpfen, hieß es dazu am Mittwochabend aus dem nationalen Impfgremium. Demgegenüber steht die deutsche Empfehlung, nur noch über 60-Jährige mit dem Vektorimpfstoff zu impfen – aufgrund „derzeit verfügbarer Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen“ bei jüngeren Geimpften.

Was steckt hinter diesen Thrombosen?

Es handelt sich um eine Thrombose (Blutgerinnsel) in einer Sinusvene des Gehirns in Zusammenhang mit einem Mangel an Blutplättchen. Mit der bekannten Beinvenenthrombose hat das nichts zu tun. Kürzlich erschien eine erste wissenschaftliche Arbeit („Pre-Print Paper“) deutscher und österreichischer Experten. „Dahinter steht ein immunologischer Mechanismus, der vier bis 20 Tage nach der Impfung einsetzt und zu einer massiven Aktivierung der Blutgerinnung führt“, erklärt Paul Kyrle, Co-Autor und Thrombosenforscher der MedUni Wien.

Dabei „kommt es dann zu diesen seltenen Thrombosen im Gehirn aber auch im Bauchraum oder in den Schlagadern, alles sehr ungewöhnliche Lokalisationen“. Was genau diesen Mechanismus in Gang setzt ist noch unklar. Ein direkter, kausaler Zusammenhang ist laut EMA noch nicht endgültig bewiesen, „aber möglich“.

Wie häufig ist diese Beobachtung?

Die EMA berichtete von 62 Hirnvenenthrombosen in der EU bei 9,2 Millionen Impfungen – ein Risiko von 1:100.000. In Deutschland waren unter 31 Verdachtsfällen überwiegend Frauen. Sie wurden bisher aber auch doppelt so oft geimpft. Bei den unter 60-Jährigen sehe man mehr Hirnvenenthrombosen als normalerweise zu erwarten wären, so die EMA. Auch in der ungeimpften Bevölkerung sind Frauen deutlich häufiger betroffen, mit dem größten Risiko zwischen 35 und 45. In Österreich gibt es laut Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) zwei bestätigte Fälle.

Laut Kyrle gibt es drei weitere Verdachtsfälle. Was die tatsächliche Häufigkeit betrifft kursieren je nach Land unterschiedliche Angaben. „Eine genaue Zahl zur Risikoeinschätzung können wir noch nicht geben, wir kennen die Dunkelziffer nicht. Ich gehe aber davon aus, dass die Nebenwirkung sehr selten ist.“ Demgegenüber steht das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung. Allerdings liegt im Alter von 25 Jahren das Sterberisiko (Infektionssterblichkeit) bei nur rund 0,01 Prozent, im Alter von 50 Jahren jedoch schon mehr als 0,1 Prozent der Infizierten.

Warum sind vor allem jüngere Frauen betroffen?

Bisher wurde vor allem Lehrpersonal und medizinisches Personal geimpft, „in dieser Gruppe gibt es eben überwiegend Frauen“, sagt Kyrle. Aus dem Alter, dem Geschlecht oder der Krankheitsgeschichte ließen sich derzeit noch keine spezifischen Risikofaktoren ableiten, so die EMA. Eine allgemeine Thrombose-Neigung zählt momentan auch noch nicht dazu. Kyrle: „Wir suchen nun nach Charakteristika der Betroffenen – was genau hat diese Leute anfällig gemacht?“

Auf welche Symptome soll man achten?

Grippeähnliche Symptome (Gelenks-, Muskel und Kopfschmerzen) über ein bis drei Tage unmittelbar nach der Impfung sind kein Anlass zur Sorge. Achten sollte man auf Kopfschmerzen, Schwindel oder Bauchschmerzen von Tag 4 bis 20. „Wenn man schnell ins Spital geht, ist das recht gut behandelbar. Man sollte das also ernst nehmen“, so der Thromboseforscher.

Wie sieht es bei anderen Impfstoffen aus?

In einer US-Studie wird von 20 Fällen von akuter ITP (Form des Bluttplättchenmangels) nach Moderna- und Pfizer-Impfungen berichtet. „Das muss man aber strikt trennen“, betont Kyrle. ITP sei eine bekannte seltene Nebenwirkung nach Impfungen. Sinusvenenthrombosen wurden bisher bei den anderen Impfstoffen laut dem Forscher noch nicht beobachtet.

Warum wurden ursprünglich Ältere nicht geimpft?

Zu Beginn des Astra Zeneca Impfstarts wurden nur Jüngere geimpft. Der Grund waren damals fehlende Daten bei Älteren. Nun weiß man aber schon länger, dass das Vakzin auch bei Älteren gut wirkt.

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