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Wissen Gesundheit
04/18/2021

Erhöhen auch RNA-Impfstoffe das Risiko für seltene Gehirnthrombosen?

In einer vorveröffentlichten Studie der Universität Oxford wird das behauptet. Deutsche und US-Behörden sehen dafür aber keine Hinweise.

Eine vorveröffentlichte Studie der Universität Oxford (sie ist noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet) sorgte vor einigen Tagen für Aufsehen: Das Risiko einer Sinusvenenthrombose (SVT) - einem Blutgerinnsel im Gehirn -  ist demnach bei einer Covid-19-Erkrankung rund 100 Mal höher als in der nicht erkrankten Gesamtbevölkerung. 30 Prozent der Fälle treten demnach bei Personen unter 30 Jahren auf.

Während das hohe Risiko durch Covid-19 unumstritten ist, sorgt aber die Einschätzung des Impfrisikos für die RNA-Impfstoffe durch die britischen Experten für Diskussionen und Widerspruch:

  • Bei vier von einer Million Menschen, die mit Biontech/Pfizer geimpft wurden, soll nach der ersten Impfung ein derartiges Blutgerinnsel im Gehirn aufgetreten sein. Damit sei das Risiko für eine solche Thrombose durch Covid-19 im Vergleich zu einem RNA-Impfstoff um das Zehnfach höher.
  • Bei Astra Zeneca (Vektorimpfstoff) sollen es fünf Geimpfte mit einer Sinusvenenthrombose auf eine Million Geimpfte nach der ersten Dosis gewesen sein. Dies bedeute, dass das Risiko durch Covid-19 eine derartige Komplikation zu erleiden im Vergleich zu diesem Impfstoff ungefähr um das Achtfache erhöht ist.

"Wir sind zu zwei wichtigen Erkenntnissen gekommen", sagte einer der Studienleiter Paul Harrison, in einer Pressemitteilung der Universität (sein Forschungsteam arbeitete unabhängig von jenem der Uni Oxford, das den Impfstoff von Astra Zeneca entwickelte):

"Erstens: Covid-19 erhöht das Risiko für eine Sinusvenenthrombose deutlich. Und zweitens: Das Risiko durch Covid-19 ist höher als jenes durch die Impfstoffe - auch für die Unter-30-Jährigen. Das sollte man berücksichtigen, wenn man zwischen Risiken und Vorteilen einer Impfung abwägt."

Die Analyse ist umstritten

Doch die Angaben zu den RNA-Impfstoffen sind in der Fachwelt umstritten. Denn die Aussage, dass es bei einer Million mit einem RNA-Impfstoff Geimpften zu vier Sinusvenenthrombosen komme, beruht auf nur zwei Fällen aus knapp 490.000 in den USA Geimpften.

Und: Die Oxford-Forscher verwenden - da Astra Zeneca in den USA nicht zugelassen ist - zwei unterschiedliche Datensätze: "In Wahrheit werden hier zwei Zahlen in Bezug gesetzt, die nicht vergleichbar sind", schreibt etwa spiegel.de: "Die einen stammen von der EU-Arzneimittelbehörde, also aus dem EU-Meldesystem für Nebenwirkungen, bei dem es eher zu einer Untererfassung kommt. Die anderen aus (US-amerikanischen, Anm.) Patientendatensätzen, bei denen es auch eine Untererfassung geben kann, aber ebenso das Risiko einer Übererfassung besteht."

Kritik von Biontech und Pfizer

In einem in deutschen Medien veröffentlichen Statement erklärten Biontech und Pfizer, dass die Universität Oxford "nicht sauber zwischen ,normalen Thrombosen`, die durch eine Impfung auftreten können, aber nicht lebensbedrohlich sind und Sinusvenenthrombosen unterscheide, die im Hirn und im Zusammenhang mit einer Impfung von Astra Zeneca und Johnson & Johnson aufgetreten sind."

Nach bisher weltweit über 200 Millionen verabreichten Dosen habe eine umfassende Analyse der Sicherheitsdaten keine Hinweise darauf ergeben, "dass arterielle oder venöse thromboembolische Ereignisse, mit oder ohne Thrombozytopenie (Blutplättchenmangel, Anm.), ein Risiko im Zusammenhang mit der Verwendung unseres Covid-19-Impfstoffes darstellen".

US-Expertengremium: "Kein Fall"

Zu diesem Schluss kommt auch das "Advisory Committee on Immunization Practices" des US-Zentrums für Gesundheitskontrolle CDC in einem Bericht: "Sowohl nach Impfungen mit dem Impfstoff von Pfizer als auch jenem von Moderna ist kein Fall einer Sinusvenenthrombose mit gleichzeitigem Blutplättchenmangel aufgetreten." Das aber ist das typische an Sinusvenenthrombosen nach einer Impfung mit Astra Zeneca oder Johnson & Johnson, dass es einerseits zu einem Blutgerinnsel, andererseits zu einem Blutplättchenmangel kommt.

In den USA werden derzeit wöchentlich 14 Millionen Dosen dieser beiden Impfstoffe verabreicht. Insgesamt sind es bereits 107 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und 90 Millionen Dosen von Moderna.

Deutsche Behörde sieht kein erhöhtes Risiko

Das deutsche Paul-Ehrlich-Institut berichtet in seinem jüngsten Sicherheitsbericht von 42 Fällen einer zentralen Venen-/Sinusvenenthrombose nach einer Impfung mit Vakzevria (Astra Zeneca), in 23 Fällen wurde auch ein Blutplättchenmangel (Thrombozytopenie, steht in engem Zusammenhang mit dieser Form der Thrombosen) beobachtet. Mit Ausnahme von sieben Fällen betrafen alle Fälle Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die Männer waren 24 bis 58 Jahre alt.

Für Frauen im Alter von 20-59 Jahren wurden deutlich mehr Fälle beobachtet (33) als aufgrund der Hintergrundinzidenz - also der ganz regulär zu erwartenden Häufigkeit - zu erwarten war.

Sieben Fälle einer Sinusvenenthrombose wurden nach der Impfung mit Comirnaty von Biontech/Pfizer gemeldet:  "In keinem Fall wurde eine Thrombozytopenie berichtet. Betroffen waren drei Frauen im Alter von 34 bis 81 Jahren und vier Männer im Alter von 81 bis 86 Jahren."

Fazit der deutschen Behörde: "Die Zahl der gemeldeten Fälle ist unter Berücksichtigung der verimpften Dosen gegenüber der erwarteten Zahl von Sinusthrombosen nicht erhöht."

Wie es mit Johnson & Johnson weitergeht

Auch bei dem Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson sind in zeitlichem Zusammenhang Hirnvenenthrombosen aufgetreten (sechs Fälle nach sieben Millionen Impfungen in den USA). Daraufhin wurde die Impfung in den USA, aber auch in Österreich vorübergehend ausgesetzt. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA will jetzt am Dienstag ihren Bericht vorlegen. Bisher hatte sie stets betont, dass der Impfstoff uneingeschränkt eingesetzt werden könne. Die "Vorzüge des Impfstoffs, Covid-19 zu verhindern", seien höher zu bewerten als die Risiken der Nebenwirkungen.

Das gilt laut Europäischer Arzneimittelbehörde auch für den Impfstoff von Astra Zeneca. Experten verweisen auch darauf, dass seltene Fälle von Blutgerinnseln mittlerweile sehr gut behandelt werden können.

Worauf Geimpfte achten sollten

"Wer vier bis 16 Tage nach einer Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von Astra Zeneca anhaltende Kopfschmerzen entwickelt oder punktförmige Hautblutungen bei sich entdeckt, sollte sich bitte dringend in ärztliche Behandlung begeben", heißt es beim Paul-Ehrlich-Institut:  "Es ist aber gleichzeitig wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich um eine sehr seltene potenzielle Nebenwirkung handelt."

 

 

 

 

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