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Wissen Gesundheit
04/17/2021

Spanische Grippe und Covid-19: Sind die Pandemien vergleichbar?

Damals starben vor allem 15- bis 40-Jährige, jetzt sind es die über 65-Jährigen.

von Ernst Mauritz

Drei Millionen Todesfälle durch Covid-19 zählt die Johns Hopkins Universität mittlerweile offiziell, tatsächlich werden es weit mehr sein, weil etwa in Indien oder Lateinamerika die Dunkelziffer groß ist. Angesichts dieser Zahlen kommt  auch immer wieder die Frage auf: Lässt sich ein Vergleich mit der Spanischen Grippe 1918/1919 ziehen?

„Vergleicht man die Kurven der Sterblichkeit sieht man, dass Covid-19 deutlich weniger Todesfälle verursacht als die Spanische Grippe. Damals war die Gesamtsterblichkeit viel höher“, sagt Franz Trautinger von der Landesstatistik Wien.

„Das liegt auch daran, dass die Sterberate der Spanischen Grippe unter den 15- bis 40-Jährigen deutlich höher war als bei Covid-19. In dieser Altersgruppe gibt es einfach mehr Menschen als in der Gruppe 65 plus, die jetzt von Covid-19 hauptgefährdet ist.“ Laut Studiendaten entfielen damals 40 Prozent der Todesfälle auf 25- bis 40-Jährige, bei Covid-19 sind es nur 3,9 Prozent.

Die starke Verbreitung unter jüngeren Menschen wurde auch durch den Ersten Weltkrieg begünstigt: Unter den Soldaten konnte das Virus sich leicht ausbreiten.

Und extrem hoch war 1918 bis 1920 auch die Sterberate der erkrankten Schwangeren - zwischen 23 und 37 Prozent. Bei Schwangeren mit einer bestätigten Covid-19-Infektion beträgt sie 0,1 bis 0,2 Prozent, das entspricht in etwa dem Wert der Allgemeinbevölkerung.

Allerdings hat auch Covid-19 eine Übersterblichkeit in Österreich verursacht: Die bisher mehr als 9500 offiziell in Österreich an Covid-19 Verstorbenen bedeuten eine Übersterblichkeit seit Anfang 2020 von acht Prozent im Vergleich zur Sterblichkeit der Jahre 2015 bis 2019.

"Damals ganz andere Verhältnisse"

Skeptischer, was die Möglichkeiten eines Vergleichs betrifft, ist die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien: „Ich glaube nicht, dass man einen Vergleich herstellen kann. Damals waren die Umstände – die Hygiene, der Ernährungszustand, die Vorerkrankungen – ganz andere. Wir wissen nicht, wie die Letalität durch das Coronavirus unter den damaligen Verhältnissen gewesen wäre. Heute überleben viele Patienten dank besserer Hygiene, Diagnose und moderner Therapien.“

Die Spanische-Grippe-Pandemie mit ihren vier Wellen dauerte rund zwei Jahre – ob das jetzt auch so sein wird, sei nicht vorhersagbar – heute ist z. B. die Mobilität eine ganz andere. Danach zirkulierte dieser Grippe-Erreger als normales jährliches epidemisches Influenza-Virus.

Bei SARS-CoV-2 könnte es nach der Pandemie ebenfalls, wie bei der Influenza, jährliche saisonale Coronawellen geben – „oder es zirkuliert wie die anderen Coronaviren ständig unter uns und verursacht nur hie und da kleine Wellen.“

Unterschiede in der Todesursache

Sehr unterschiedlich sind übrigens auch die Todesursachen. Bei der Spanischen Grippe starben die meisten Menschen - geschwächt durch die virale Infektion und generell die oft schlechten Lebensbedingungen an den Folgen einer bakteriellen Lungenentzündung, die zu dem ursprünglichen Virusinfekt hinzugekommen war ("Sekundärinfektion"). Bei Covid-19 ist es hingegen ein überschießende Entzündungsreaktion, eine Überreaktion des Immunsystems, die zum Lungenversagen und zu Schädigungen anderer Organe führt.

Eine Forschergruppe am Universitätsspital Zürich hat die Autopsiebefunde von 411 Patienten ausgewertet, die zwischen Mai 1918 und April 1919 an der Spanischen Grippe in dem Spital verstorben sind - und diese mit Covid-19-Autopsien verglichen. Dabei zeigte sich ein eklatanter Unterschied. In keinem einzigen der Autopsieberichte zur spanischen Grippe werden sichtbare Blutgerinnsel erwähnt. Dagegen wird in 36 Prozent der bis zum Studienzeitpunkt publizierten 75 Covid-19Autopsien eine Lungenarterien-Thrombose bzw. eine Lungenembolie angegeben.

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