© REUTERS/Amir Cohen

Wissen Gesundheit
04/15/2021

Astra Zeneca: Wieso das Risiko für junge Frauen nicht geklärt ist

Experten und auch Impfgremien sind sich, was eine mögliche Einschränkung der Impfung betrifft, uneinig. Argumente dafür und dagegen.

von Theresa Bittermann

Dass überwiegend jüngere Frauen - das bedeutet in diesem Kontext unter 60-Jährige - von Hirnvenenthrombosen als Nebenwirkung der Astra Zeneca Impfung betroffen sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber eben nicht ausschließlich jüngere Frauen, sondern auch Männer oder Ältere sind teilweise betroffen. Wissenschaftlich geklärt ist die Häufung dieser seltenen Nebenwirkung unter Frauen bisher nicht. 

Die europäische Arzneimittelagentur (EMA)  führt derzeit abermals eine Nutzen-Risiko-Abwägung durch, betont aber auch: der Gesamtnutzen überwiegt die Risiken. Und weist gleichzeitig auch daraufhin: an Hand des Alters, des Geschlechts oder der Krankheitsgeschichte können im Moment keine spezifischen Risikofaktoren festgemacht werden.

Die Häufung unter jungen Frauen könnte vor allem damit zu tun haben, dass der Impfstoff von Astra Zeneca eben bis vor Kurzem nur unter 65-Jährigen empfohlen wurde, Ältere also gar nicht damit geimpft wurden. Das sagt auch Markus Zeitlinger, klinischer Pharmakologe der MedUni Wien: "Wir sehen zwar, dass die Fälle bis jetzt überwiegend bei Jüngeren aufgetreten sind, dafür kann es aber viele Gründe – wie die bisherigen Impfstrategien – geben." Denn Gruppen unter Jüngeren die bisher geimpft wurden sind eben vor allem pädagogisches und medizinisches Personal - beides Gruppen in denen überwiegend Frauen zu finden sind. 

Und übrigens eine neue Studie aus Oxford zeigt: Covid-19 führt zu einem acht bis zehn Mal höheren Risiko für Sinusvenenthrombosen (SVT) als die aktuellen Impfstoffe. Das Risiko eines solchen Blutgerinnsels nach einer Covid-19-Infektion verglichen mit dem Auftreten in der Normalbevölkerung sei sogar etwa 100 Mal höher. 30 Prozent der Fälle träten bei Personen unter 30 Jahren auf.

Dennoch stellen unterschiedliche Länder im Moment unterschiedliche Regeln beim Impfen auf und liefern dafür unterschiedliche Argumente. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Österreich. 

Deutsche Argumente

In Deutschland zum Beispiel werden unter 60-Jährige nicht mehr mit Astra Zeneca geimpft. Gleichzeitig räumt die zuständige Ständige Impfkommission (STIKO) ein, dass zwar überwiegend Frauen unter 55 betroffen sind, aber eben nicht nur. Auch bei Männern und älteren Personen trat die seltene Nebenwirkung auf. Untersuchungen dazu laufen, heißt es. 

"Wenn wir uns den Mechanismus (weshalb es zu diesen Sinusvenenthrombosen kommt, Anm.) anschauen, den die Uni Greifswald zugrunde legt – also Autoimmun-Antikörper, die die Blutplättchen aktivieren und verklumpen –, dann gibt es keinen Grund zu vermuten, dass dies Männer nicht genauso betreffen könnte", sagte STIKO Chef Thomas Mertens in einem Spiegel-Interview. Nur bis jetzt seien eben mehr Frauen geimpft worden (wie oben beschrieben). 

Hintergrund der deutschen Entscheidung ist: bei den Älteren fällt die Nutzen-Risiko-Rechnung eindeutiger zu Gunsten der Impfung aus, da auch ihr Risiko schwer an Corona zu erkranken höher ist.

Eine ähnliche Ansicht vertritt der unabhängige Impfstoffberater Otfried Kistner auf KURIER-Nachfrage. Es sei zwar richtig, dass es im Moment keine wissenschaftliche Evidenz gebe, die eindeutig beweist, dass Alter oder Geschlecht einen Risikofaktor für die Hirnvenenthrombose darstellen, „aber wenn man einen Zusammenhang nicht ausschließen und sich auch die Häufung in dieser Bevölkerungsgruppe klinisch nicht erklären kann, dann ist es für mich ethisch nicht ganz vertretbar diese potentielle Risikogruppe trotzdem weiter zu impfen. Aber das ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge.“

Zweitimpfung sogar mit anderem Impfstoff

Die STIKO geht aber sogar noch einen Schritt weiter und empfiehlt allen unter 60-Jährigen, die bereits ihre erste Dosis mit Astra Zeneca erhalten haben, nun die Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff, also Biontech Pfizer oder Moderna, durchzuführen. Damit schießt die STIKO aber über das Ziel hinaus, kritisieren etliche Experten. Denn Studien zum Mischen der Impfstoffe laufen zwar, sind aber noch nicht abgeschlossen. In Deutschland beruft man sich auf tierexperimentelle Daten. 

"Solange wir keine klinischen Daten vorliegen haben, würde ich mich das nicht trauen. Man kann eigentlich derzeit die Auswirkungen dieser Mischung nicht wirklich abschätzen", gibt Kistner zu denken. "So etwas jetzt schon zu machen ist für mich viel zu früh und um ehrlich zu sein, hart dran an der Fahrlässigkeit. Ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen und war ehrlich gesagt schockiert", sagt Zeitlinger. 

Österreichische Argumente

Das Nationale Impfgremium in Österreich bleibt weiter beim bisherigen Standpunkt, betont Herwig Kollaritsch: „Der Nutzen überwiegt das Risiko – auch für jedes einzelne Individuum, egal welchen Alters und welchen Geschlechts.“  Zeitlinger ergänzt: „Es wäre auch nicht richtig den Impfstoff jetzt nur einer anderen Gruppe zu geben, wenn diese dann vielleicht genauso von der Nebenwirkung betroffen ist. Das ist  eben noch nicht belegt. Für mich wäre der einzige Grund die Impfung in einer bestimmten Personengruppe auszusetzen, wenn für diese Gruppe Nutzen-Risiko nicht mehr als positiv bewertet werden kann. Dies kann für Covid-19-Impfungen für junge Patienten naturgemäß früher als für ältere eintreten.“ Ist aber eben noch nicht der Fall, auch für Jüngere liegt laut NIG der Nutzen noch höher. 

Wieso schränken andere den Impfstoff dann ein? „Einzelne Länder beugen sich wohl dem Druck der Politik und der öffentlichen Meinung“, vermutet Kollaritsch. 

„Man sieht auch an den vielen unterschiedlichen Grenzen, die einzelne Länder hier festlegen, dass es dabei keine klaren Anhaltspunkte gibt“, sagt Zeitlinger, der vor allem kritisiert, dass die wissenschaftliche Evidenz für eine Einschränkung fehlt. 

Generelles Problem der Vektorimpfstoffe

Generell könnte die Thrombose ein Problem der Vektorimpfstoffe sein – die USA stoppten wegen einiger Fälle jetzt die Impfung mit Johnson & Johnson. Kistner dazu: „Hier sagt aber die Firma selbst, man wartet mit der Auslieferung,  bis alles geklärt ist. Das bringt ihnen einen Vertrauensvorteil in der Öffentlichkeit.“ Dieser wurde bei Astra Zeneca wohl verspielt.

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