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Wissen Gesundheit
12/04/2020

Covid-Psychologie: Warum wir beim Ansteckungsrisiko irrational handeln

Psychologinnen und Psychologen haben untersucht, wie sich die zwischenmenschliche Beziehung auf die Risikoeinschätzung auswirkt und in welcher Gesellschaft wir das Virus unterschätzen.

von Marlene Patsalidis

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Beim Abschätzen von viralem Risiko geht er im Alltag deswegen nur allzu gerne Kompromisse ein. Je nachdem, wie sehr ein Individuum einem anderen emotional zugeneigt ist, wird dem Gegenüber ein höheres oder niedrigeres Infektionsrisiko unterstellt. Das berichten Forschende der University of Miami und der Amsterdamer Vrije Universität in einer kürzlich im Fachblatt Psychological Science veröffentlichten Studie.

Schon bisher gaben sozialpsychologische Untersuchungen Aufschluss darüber, wie der Mensch Anzeichen von Infektionskrankheiten erkennt und zu vermeiden versucht. Immerhin ist im Alltag die feinfühlige Navigation durch ein Minenfeld infektiöser Mikroben, die darauf abzielen, unseren Körper zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen, erforderlich. Die meisten dieser Krankheitserreger meiden wir geschickt, als ob uns bewusst wäre, wo sie lauern – trotz ihrer Unsichtbarkeit fürs bloße Auge.

Kompromisse bei Verhaltensimmunität

Dieses Vermeidungsverhalten ist oft durch Gefühlsregungen motiviert. Zum Beispiel lösen unangenehm wahrgenommene Körpergerüche aus, dass der Mensch aus Ekel auf Abstand geht und Kontakt vermeidet. Ähnlich verhält es sich bei optischen Hinweisen auf Krankheiten – etwa Pocken, Pusteln, Schwellungen, Husten, Niesen oder Schnupfen.

SARS-CoV-2 und die dadurch ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 offenbaren hier Tücken: Oftmals verläuft eine Infektion sehr mild oder gar gänzlich ohne Beschwerden. Wie umschiffen wir also Krankheitserreger, die bei ihren Wirten keine Symptome hervorrufen?

Ein Team um den niederländischen Psychologen Joshua M. Tybur und die US-Psychologin Debra Lieberman hat sich dieser Frage gewidmet und erforscht, welchen Einfluss die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen dabei hat.

Um zu ihren Erkenntnissen zu gelangen, wurden die Probandinnen und Probanden unter anderem angeleitet, sich ihre eigenen Lebenspartner und Lebenspartnerinnen, ihre Freunde und Bekannten sowie Personen vorzustellen, die ihnen unsympathisch waren. Hier wurde die generelle Vermeidungstendenz bei Krankheitserregern gemessen und analysiert, wie wohl sie sich im Kontakt mit den genannten Personen fühlten.

In einem weiteren Experiment präsentierte das Team den Versuchsteilnehmern Bilder von Gesichtern und Beschreibungen von unterschiedlich attraktiven Frauen und Männern. Aus den Beschreibungstexten erfuhren die Teilnehmer, wie sozial verträglich, bescheiden und aufrichtige die Person ist. Infolge dessen musste sie angeben, in welchem Ausmaß sie mit den gezeigten Personen in Kontakt treten wollen würden, für wie sympathisch sie diese hielten und wie (angenehm, unangenehm) sie sich einen eventuellen Austausch mit ihnen ausmalen würden.

Vertraute Erreger

In der Analyse von insgesamt drei Einzelstudien und knapp 1.700 Probanden zeigte sich, dass wir bei lieb gewonnenen Mitmenschen im Vergleich zu gering geschätzten Zeitgenossen eher infektionsgefährdendes Verhalten an den Tag legen. Wie gehen also davon aus, dass Freunde, nahe stehende Verwandte oder nette Kollegen uns eher nicht mit dem Virus anstecken. Auch sympathische Fremde verleiten im Gegensatz zu zwielichtigen Unbekannten eher zum Überbordwerfen der Vorsicht. Auch hier wissen wir um das potenzielle Risiko Bescheid, sind um Umgang aber entspannter.

Wenn es ums Infektionsrisiko geht, agieren wir also durchaus irrational. Die  Wissenschafter folgern daraus auch, dass das Ansteckungsrisiko in vertrauten sozialen Gefügen durch das Missachten von Abstandsregeln oder Hygienemaßnahmen höher ist.

Sympathie und gesunde Ausstrahlung

Diese verhaltensbezogene Tendenz subsumieren Psychologen unter dem Begriff des "Verhaltensimmunsystems", das gewissermaßen als zusätzliche Instanz zur biologischen Immunabwehr klassifiziert wird. Es funktioniert nach dem Prinzip der "Welfare Tradeoff Ratio", das beschreibt, wie ein Individuum Risiken oder die Interessen eines anderen im Vergleich zu seinen eigenen beimisst.

Umgelegt auf den Kontext der neuen Studie bedeutet das: Wenn es um den wertvollen und nützlichen sozialen Austausch mit wichtigen Mitmenschen geht, nehmen wir das Risiko mit Erregern in Kontakt zu kommen in Kauf – zumindest solange Partner, Familie oder Freunde äußerlich gesund wirken.

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