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Wissen Gesundheit
03/18/2021

EMA-Entscheidung zu Astra Zeneca: Wichtige Fragen und Antworten

Die Europäische Arzneimittelagentur gibt heute ihre Empfehlung ab. Virologe Krammer: "Es ist auch ein sehr guter Impfstoff, es macht keinen Sinn, auf einen besseren zu warten".

von Theresa Bittermann, Ernst Mauritz

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat sich Donnerstag klar für den Impfstoff für Astra Zeneca ausgesprochen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Diskussion um den Astra-Zeneca-Impfstoff.

Wie hat die ganze Diskussion begonnen?

Die Diskussion begann, als in mehreren EU-Ländern in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung mit Astra Zeneca  "Thromboembolien" aufgetreten sind - einerseits Thrombosen (Blutgerinnsel) in Beinvenen, andererseits Lungenembolien (ein aus dem Bein oder Becken losgelöstes Gerinnsel blockiert ein Lungengefäß). Bis zum 10. März waren es 30 Fälle unter fünf Millionen Geimpften in der EU, drei davon in Österreich. Eine Krankenschwester aus Niederösterreich verstarb zehn Tage nach der Impfung an Gerinnungsstörungen. Als erste EU-Länder setzten Dänemark, Norwegen, Island, Bulgarien und Irland die Impfung mit Astra Zeneca aus. Deutschland noch nicht - mit der Begründung,  dass die Zahl der Thrombosen nicht höher ist als auch ohne Impfungen zu erwarten gewesen wäre.

Wie kam es dann zum Impfstopp in Deutschland und weiteren EU-Ländern?

In Deutschland wurden in sieben Fällen in zeitlichem Zusammenhang mit einer Astra-Zeneca-Impfung eine spezielle Form von schwerwiegenden Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) festgestellt. Eine Analyse des Deutschen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ergab, dass rein statistisch auf die Zahl von 1,6 Millionen verabreichten Astra-Zeneca-Impfungen laut PEI nur etwa ein Fall zu erwarten gewesen wäre - sieben also eine "auffällige Häufung" sind. Deshalb empfahl das Paul-Ehrlich-Institut das Aussetzen der Impfungen mit Astra Zeneca. Daraufhin stoppten quasi im Minutentakt Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien die Impfungen mit dem Präparat. Am Dienstag stoppten dann Schweden, Portugal, Luxemburg, Lettland und Litauen den Einsatz des Vakzins vorübergehend - zumindest so lange bis es die heute erwartete Entscheidung der EMA gibt. 

Wer war in Deutschland betroffen?

Sechs Frauen und ein Mann im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Drei Personen sind verstorben. Alle Fälle traten zwischen vier und 16 Tagen nach der Impfung auf. Dies machte die Experten hellhörig. "Bei solchen Gefäßverschlüssen in Hirnvenen bei einem gleichzeitigen Mangel an Blutplättchen entgleist das Gerinnungssystem  in zwei Richtungen: Es kommt zu kleinen Blutungen und zu einem Gefäßverschluss. Solche Sinusvenenthrombosen sind sehr selten und können bei Frauen in der späten Schwangerschaft, im Wochenbett oder bei Einnahme der Pille gehäuft auftreten", sagt Johannes Schmid, Leiter des Instituts für Gefäßbiologie und Thromboseforschung der MedUni Wien.

Warum stoppte Österreich die Impfungen nicht?

In Österreich wird das Vakzin derzeit weiterhin eingesetzt, man will die heutige Empfehlung der EMA abwarten. "Ein positives Nutzen‐Risiko‐Verhältnis besteht unverändert", hatte das Nationale Impfgremium (NIG) zuletzt zu noch ungeklärten Thrombose‐Fällen nach Impfungen betont. Das ist übrigens auch der Standpunkt, den die EMA aktuell vertritt. EMA-Chefin Emer Cooke sprach sich bei einer Pressekonferenz ganz klar für einen weiteren Einsatz des Vakzins aus, auch während die Prüfung der oben genannten Fälle läuft. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt vorerst weiter den Einsatz des Corona-Impfstoffs von Astra Zeneca. "Die WHO ist der Meinung, dass die Vorteile die Risiken überwiegen", hieß es in einer Stellungnahme.

Wie schätzen heimische Experten die Situation ein?

"Ich würde aus heutiger Sicht hier nicht ausschließen, dass es hier ein Signal gibt, ich sehe das Signal aber auch noch nicht bestätigt", sagte der Pharmakologe Markus Zeitlinger von der MedUni Wien im Ö1-Morgenjournal. Wichtig sei zu betonen, "auch wenn das Signal da ist, löst sich der enorme Nutzen der Impfung nicht in Luft auf, der wird weiterhin da sein. Aber man muss dann natürlich die Menschen, die sich impfen lassen, darüber informieren, so wie bei allen anderen Nebenwirkungen bei jedem anderen Medikament auch", betonte Zeitlinger.  "Und dann kann jeder Mensch entscheiden, lässt er sich trotzdem impfen oder ist mir das Risiko dann doch irgendwie zu groß. Auch wenn das eine Nebenwirkung sein sollte, wäre es eine extrem seltene, weit seltener als 1 von 100.000." Ähnlich auch der österreichische Virologe Florian Krammer Mittwochabend bei einer vom Wiener Billrothhaus organisierten Online-Fortbildungsveranstaltung:  "Auch wenn es einen Zusammenhäng gäbe, wäre es eine extrem geringe Rate."

Wieso sind derartige Hirnvenenthrombosen in England nicht in erhöhtem Ausmaß aufgetreten?

Die Häufung der Sinusvenenthrombosen in Deutschland sei besorgniserregend, aber andererseits habe man in anderen Ländern nichts Entsprechendes gefunden, sagte Krammer. In Österreich hätte man keinen Einblick in alle Einzelheiten, gibt Zeitlinger zu denken. Zudem seien in Großbritannien dreimal so viele Menschen mit Astra Zeneca geimpft worden, ohne dass diese Thrombosen von Hirnvenen aufgetreten wären. "Man muss sehr aufpassen, dass man hier das gesamte Bild sieht", meinte der Pharmakologe.

Der deutsche Virologe Christian Drosten erklärte im NDR-Podcast Coronavirus update, dass es sich um ein statistisches Problem handeln könnte: In Deutschland seien Menschen unter 65 Jahren mit Astra Zeneca geimpft worden (so wie auch in Österreich), weil es zunächst keine Empfehlung für Ältere gegeben hatte. In England hingegen seine bevorzugt Ältere damit geimpft worden - möglicherweise ist trotz einer höheren Zahl an Impfungen deshalb dort keine solche Häufung an Gehirnvenenthrombosen aufgetreten.

Denn solche Hirnvenenthrombosen treten aus hormonellen Gründen häufiger bei jüngeren Frauen auf, was ja auch die Fälle in Deutschland zeigten. Schwangerschaft, Wochenbett und Pillenkonsum sind Faktoren, die das Risiko erhöhen können.

Wie funktioniert der Impfstoff von Astra Zeneca?

Der Impfstoff ist ein sogenannter Vektorimpfstoff: Für solche Vektorimpfstoffe nutzt man ein Trägervirus ("Vektor"), das für Menschen harmlos ist. Beim Impfstoff von Astra Zeneca handelt es sich um ein abgeschwächtes Schnupfenvirus von Schimpansen. Es wird genetisch so verändert, dass es die genetische Information für das Oberflächeneiweiß des Coronavirus enthält. Das Trägervirus gelangt in Körperzellen, die daraufhin mit der Produktion des Oberflächeneiweiß beginnen. Das Immunsystem erkennt es als fremd und  bildet Abwehrstoffe. Der Impfstoff kann normal gekühlt (plus zwei bis plus acht Grad) für mindestens sechs Monate aufbewahrt und transportiert werden.

Was weiß man über seine Wirksamkeit? 

"Real-World"-Daten von der laufenden Impfkampagne in Großbritannien, darunter vor allem Schottland, zeigen, dass das Astra-Zeneca-Vakzin Krankenhauseinweisungen auch bei Personen über 80 Jahren schon wenige Wochen nach der ersten Dosis deutlich verringert. In Schottland gab es in allen Altersgruppen vergleichbare Wirkungen zur Reduktion eines Covid-19-bedingten Spitalsaufenthalts um 94 Prozent 28 bis 34 Tage nach der ersten Dosis. Nationale und internationale Experten bestätigten immer wieder eine vergleichbar hohe Wirksamkeit gegen schwere Covid-Verläufe wie bei den bisher in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffen, wobei die unterschiedlichen Studiensettings nicht 1:1 vergleichbar seien.

Wie gut schützt Astra Zeneca vor der südafrikanischen Variante?

Die Effizienz von Astra Zeneca gegen den Wildtyp des Coronavirus und die britische Variante B.1.1.7 sei "recht gut", aber der Impfstoff habe "sehr wenig Effizienz gegen B 1.351", die südafrikanische Variante, sagte Krammer. Bei Biontech/Pfizer und Moderna wisse man es noch nicht endgültig, weil es - im Gegensatz zu Astra Zeneca - noch keine Daten aus der Bevölkerung dazu gibt. Anhand von Laboruntersuchungen mit Zellkulturen "hoffen und glauben wir, dass diese Impfstoffe nach wie vor funktionieren, aber Daten dazu gibt es noch nicht." Krammer betonte: "Es ist wichtig zu sagen, dass all diese Impfstoffe wahrscheinlich gegen schwere Verläufe all dieser Varianten helfen."

Die zweimalige Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer hat auch in Israel in der Bevölkerung eine Effektivität gegen symptomatische Erkrankungen von 94 Prozent gezeigt. "Die Astra-Zeneca-Impfung funktioniert in der Bevölkerung fast gleich gut wie der Biontech/Pfizer-Impfstoff - er ist also auch ein sehr guter Impfstoff."

Sollte man auf einen anderen Impfstoff warten, wenn einem Astra Zeneca angeboten wird?

"Nein", sagt Florian Krammer: "Alle drei Impfstoffe, die in Österreich momentan verwendet werden, sind gute Impfstoffe, die gegen eine Großteil der derzeit zirkulierenden Viren schützen und es hat meiner Meinung nach keinen Sinn, auf einen besseren Impfstoff zu warten. Wenn man einen Impfstoff angeboten bekommt sollte man den nehmen und sich impfen lassen. Nur ein Impfstoff, der verimpft wurde kann auch gegen Erkrankungen schützen."

Sein Fazit: "Die Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 funktionieren und verhindern und verhindern Erkrankungen. Die bisherigen Daten zeigen, dass die Impfstoffe relativ sicher sind."

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