Wissen
05.08.2018

Familie: Der gestrenge Vater ist ein Auslaufmodell

Die Rollenbilder verändern sich, partnerschaftliche Beziehungen werden selbstverständlicher.

Für die Standesbeamten heißt es am 18. 8. 18 Sonderschichten schieben. Denn an dem leicht zu merkenden Datum wollen besonders viele Menschen heiraten. Sie befinden sich damit in guter Gesellschaft – die Zahl der Eheschließungen steigt bereits seit zehn Jahren (siehe Grafik).

Ob diese Entwicklung eine Trendumkehr ist, will Rudolf Schipfer vom österreichischen Institut für Familienforschung nicht beurteilen. Was er sehr wohl sagen kann: „Die Bedeutung von Familie, Ehe und Beziehung ist bei der Jugend nach wie vor ein Thema.“ Was sich allerdings geändert hat: „Heute erfolgt die Entscheidung für Familie aus freien Stücken.“

Das war früher anders. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert war die Familie eine Wirtschaftsgemeinschaft – nichr nur auf den Bauernhöfen wurde jede Arbeitskraft gebraucht. Sobald mehr Frauen berufstätig wurden und das Sozialsystem eine Grundsicherung bot, wurden die Männer nach und nach als Versorger obsolet.

Da die wirtschaftliche Komponente heutzutage kaum eine Rolle mehr spielt, gibt es immer mehr Paare, die ohne Trauschein zusammen leben. Ein Umstand, der von der Gesellschaft mittlerweile als völlig normal angesehen wird. Das hat Folgen für die Kinder, die aus einer solchen Partnerschaft hervorgehen: „Das uneheliche Kind ist heute kein Makel mehr“, sagt Schipfer.

Und doch ist ein Kind oft der Anlass, sich das Ja-Wort zu geben: „Häufig wird erst beim zweiten Kind geheiratet.“ Es ist in jedem Fall eine emotionale Entscheidung.

Und die Männer wollen Familie und Kinder bewusster erleben. Dies zeige sich am Beispiel der Väterkarenz, wie Bernhard Baier, Präsident des Familienbundes sagt. „Die Väterkarenz nimmt nicht nur in der Akzeptanz, sondern auch in der Realität deutlich zu. Da werden wir bald einen noch stärkeren Wandel bemerken“, ist er überzeugt.

Noch die Ausnahme

Wirklich? Noch ist es die Ausnahme, dass ein Mann mehr als ein, zwei Monate bei seinem Kind bleibt. Vor allem auf dem Land gilt es noch als wenig schick, sich als Mann um die Kinder zu kümmern. Allerdings: „Neue gesellschaftliche Entwicklungen gehen immer stärker vom urbanen Raum aus, irgendwann werden sie auch in ländlichen Gebieten voll durchschlagen. Und die Jungen ticken ganz anders – die haben die alten Rollenbilder aufgebrochen und wollen die Familie bewusst genießen“, stellt Baier fest.

Ein Meilenstein sei da die Einführung des Papamonats gewesen, ist Alfred Trendl, Präsident des katholischen Familienverbands überzeugt: „Dass der Vater im ersten Monat nach der Geburt zu Hause bleiben kann, ist ein gutes Zeichen.“

Es ist aber noch nicht alles eitel Wonne. Noch immer gibt es Arbeitgeber, die wenig begeistert sind, wenn einer ihrer männlichen Mitarbeiter längere Zeit in Karenz geht. Das Kind wird da auch für Männer zum Karrierehindernis. „Doch Firmen haben längst erkannt, dass sie davon profitieren, wenn Menschen ihre Familienarbeit gut untereinander aufteilen können“, glaubt Baier. Oft sind es nicht die Chefs, die jungen Papas Steine in den Weg legen. „Manchmal fehlt es am Verständnis der Kollegen, die ihre Arbeit umorganisieren müssen“, berichtet Trendl. „Um an der Einstellung der Kollegen etwas zu verändern, kann der Staat wenig tun. Da muss sich im Denken der Gesellschaft etwas ändern.“

Immerhin: Gegenüber Kindern sind die Österreicher toleranter geworden, stellt Baier fest: „Das zeigt sich im Alltagsleben. Auf Familien wird Rücksicht genommen – egal, ob im Supermarkt oder im Freibad. Selbst das Herumtollen der Jüngsten wird akzeptiert. Wo man vor 20 Jahren noch strenge Blicke geerntet hatte, gibt’s heute ein Lächeln.“

Was nach wie vor bleibt: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für alle Paare ein Thema. „Diese wird immer mehr von einem Schlagwort zu einer gelebten Wirklichkeit“, glaubt Trendl. Das sei auch notwendig: „Nur so wird es weiterhin Familien mit Kindern geben.“

Österreich als Vorreiter

Der österreichische Gesetzgeber sei in vielen Bereichen Avantgarde gewesen, „indem er das Recht auf Elternteilzeit eingeführt hat“, sagt Trendl. „Das ermöglicht es Müttern und Vätern, sich bis zum 4. oder gar 7. Lebensjahr ihres Kindes auszusuchen, wie viele Wochenstunden sie arbeiten wollen.“ Was weniger bekannt sei: „Mütter erhalten seit 2005 für jedes Kind vier Jahre Pensionszeit in der Höhe des Median-Einkommens angerechnet.“ Eine große Verbesserung zu früher. „Den Frauen hat es nichts genutzt, wenn sie fünf Kinder hatten. Sie hatten eine niedrige Pension, obwohl sie wesentlich dazu beigetragen haben, das System zu finanzieren.“

Der katholische Familienverband fordert noch weitere Verbesserungen: „Die Koalition sagt, dass sie die Mindestpension für alle auf 1200 Euro festsetzen will, die mindestens 40 Jahre ins System eingezahlt haben. Das ist eine typische Männerregelung, weil Mütter fast nie die Jahre zusammenbekommen“, ärgert sich Trendl.

Unterm Strich bleibt: Vieles hat sich für Familien verbessert. Mehr Kinder werden dennoch nicht geboren – zumindest nicht von den Österreichern. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Es sind nicht nur längere Ausbildungszeiten, die dazu führen, dass sich Menschen später binden. Viele wollen sich nicht endgültig binden, weil sie das Gefühl haben, vielleicht jemanden zu finden, der noch besser zu ihnen passt.

Es wird zwar geheiratet – aber später. „Wer erst mit 35 Jahren vor den Traualtar tritt, der bekommt oft nur ein Kind“, weiß der Familienforscher Rudolf Schipfer. „Auch die Frage, welche Kinderzahl optimal ist, ändert sich. Viele sind mit einem Kind zufrieden.“ Immerhin: Wenn ein Paar sich das Ja-Wort gegeben hat, stehen die Chancen, dass die Ehe hält, heute besser als noch vor zehn Jahren – die Scheidungsrate ist im Sinken begriffen.

 

Familienbonus und 12-Stunden-Tag: Chance für Eltern?

Zwei Maßnahmen unter der türkis-blauen Regierung haben  Auswirkungen auf das Leben von Eltern: Der 12-Stunden-Tag und der Familienbonus, der für Kinder bis 18 Jahre einen steuerlichen Freibetrag vorsieht. Diesen sehen   Bernhard  Baier vom Familienbund und Alfred  Trendl (katholischer Familienverband) als familienpolitischen Meilenstein:  „Da geht es nicht nur ums Geld, sondern  auch um die Wertigkeit, die dadurch Familie erhält“, sagt Trendl.

Neos, Liste Pilz und SPÖ sehen das Steuerzuckerl kritischer.  Neos-Familiensprecher  Michael Bernhard missfällt, dass im Gegenzug die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung fällt. „Das ist ein negativer Erwerbsanreiz für Frauen und zementiert ein konservatives Familienbild.“ Und SPÖ-Frauensprecherin Gabriele  Heinisch-Hosek kritisiert, dass Frauen von dem Steuerbonus weniger profitieren, weil  sie  im Schnitt weniger verdienen.   Überhaupt hätten armutsgefährdete Familien von der Reform gar nichts: „60.000 Alleinerziehende – auch sie sind Familie – verdienen so wenig, dass sie keinen Cent mehr in der Tasche haben.“ Die Opposition würde das Geld lieber in die Kinderbetreuung investieren.

Wenig Freude haben selbst  viele Konservative  mit  dem 12-Stunden-Tag. Der katholische Familienverband fordert z. B. eine Ausnahme-Regelung für Eltern mit Kindern unter 14 Jahren. Und  Christian Oxonitsch, Vorsitzender der Kinderfreunde,  befürchtet, dass Eltern zu wenig Zeit für  die Kinder haben werden. Nur Bernhard Baier  sieht die Sache nicht so negativ: „Manche Eltern profitieren durchaus von dieser Form der Flexibilität.“