Politik | Ausland
29.07.2018

Brandstätters Analyse: Die Welt ist besser, als wir glauben

Im Zeitalter des Postfaktischen müssen wir uns mit Fakten beschäftigen. Trotz großer Herausforderungen machen positive Entwicklungen Mut.

Der Globus hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern. Mit seinen Reliefs, den Bergen und Meerestiefen ist er ein echtes Schmuckstück. Und bietet einen guten Platz zum Innehalten. Europa kann man mit nur einer Hand locker abdecken. Geografisch ist Europa der Ausläufer der asiatischen Landmasse, historisch war diese Region jahrtausendelang Schauplatz von Völkerwanderungen und unzähligen Kriegen, aber dann passierten ungefähr ab dem Jahr 1500 einige Entwicklungen, die Europa heute so einzigartig erscheinen lassen: Eroberungen fremder Kontinente, die Renaissance als Wiederentdeckung der Antike, Aufklärung, industrielle und wissenschaftliche Revolution.

Triebfeder Neugierde

Der israelische Historiker Yuval Harari beschäftigt sich in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ mit der Frage, warum die Europäer „die Erde eroberten“, warum von hier aus Seefahrer neue Länder entdeckten und der Wohlstand am schnellsten wuchs. Seine Antwort ist vielfältig, aber am wichtigsten war laut Harari das Eingeständnis der Menschen, nichts zu wissen, also Fragen stellen zu müssen und Antworten zu suchen. Nicht glauben, sondern neugierig fragen. Dazu kam das Zusammenwirken von Industrialisierung und Kapitalismus. So wurde Europa Mittelpunkt aller bedeutenden Entwicklungen, obwohl etwa die Chinesen mit ihren Erfindungen und der Seefahrt zum Teil schneller und sicher ebenbürtig waren.

Westliche Überlegenheit

Das alles machte den Kontinent so anziehend, trotz aller Grausamkeiten, die auch von hier ausgingen. Wir Europäer sind auf uns bezogen und wollen uns gar nicht vorstellen, dass sich andere Regionen in den letzten Jahrzehnten viel dynamischer entwickelt haben und beste Voraussetzungen haben, das weiter zu tun. Der Ausgang des 2.Weltkriegs, der Sieg der Demokratien über Diktaturen und der darauf folgende Siegeszug des westlichen Modells der Marktwirtschaft zeigten die Überlegenheit dieses Modells, erst recht nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Im Triumph von Liberalismus und Demokratie über Diktatur und Mangelwirtschaft wollte der amerikanische Politologe Francis Fukuyama gar das „Das Ende der Geschichte“ erkennen, so sein berühmtes Buch.

Machtwende Richtung Süden

Doris und John Naisbitt beschrieben vor zwei Jahren, wie die Länder des Südens die Welt verändern – „Machtwende“ nannten sie den Vorgang und ihr Buch. Zitat: „Aufgrund des allmählichen Verlusts an wirtschaftlicher Stärke ist der Anspruch des Westens, die globale Wachstumsformel für Demokratie und freie Märkte zu haben, nicht länger haltbar.“ Wir müssen verstehen, dass anderswo mehr Dynamik entsteht und uns darauf einstellen.

Fakten lassen staunen

Dabei wiederum hilft Hans Rosling. Der Mediziner hat vor seinem Tod noch ein Buch fertiggestellt, das bei uns im Frühjahr erschienen ist und uns auf knapp 400 Seiten mit den wichtigsten Fakten der Entwicklung der Erde vertraut machen will: „Factfulness“. Dem weit gereisten Wissenschafter Rosling, geht es um Fakten, mit denen er Orientierung schaffen und auch Mut machen will.

Mit offiziellen Daten zeigt Rosling, dass sich auf der Erde in den letzten Jahrzehnten vieles zum Besseren verändert hat: Immer weniger Menschen hungern, bessere Ausbildung in ärmeren Ländern reduziert die Geburtenraten, die Impfraten von Kindern sind deutlich gestiegen. Was Rosling so betont und ihn auch zu diesem Buch veranlasst hat: Wo auch immer in westlichen Ländern der Arzt Vorträge hielt, überall schätzten die oft sehr gebildeten Zuhörer die Zahlen viel schlechter ein, als sie wirklich sind. Die reichen Eliten, Politiker, Unternehmer und natürlich auch Journalisten haben die positiven Entwicklungen, die es etwa auch in vielen afrikanischen Staaten gibt, nicht mitbekommen. Und treffen dann eben auch falsche Entscheidungen.

Optimismus mit Grundlagen

Mit Fakten Optimismus erzeugen will auch der amerikanische Psychologe und Harvard-Professor Steven Pinker mit einem eben erschienenen Buch: „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“. Pinker arbeitet auch mit Zahlen und Statistiken, die beweisen, dass noch nie so viele Menschen in relativem Wohlstand und demokratischen Verhältnissen gelebt haben wie heute.

Wo Gefahren lauern

Aber sehen diese Autoren, die mit aktuellen Zahlen und Fakten arbeiten, nicht die Gefahren, die unsere Erde bedrohen? Ja, hier sollen sie auch angesprochen werden.

Jetzt lebt die Mehrheit der Menschen in Asien, bis zum Ende des Jahrhunderts wird nach einer Prognose der UNO dort noch eine Milliarde mehr leben, in Afrika gar drei Milliarden mehr, 80 Prozent der Menschheit werden in Afrika und Asien wohnen. Dort entstehen die neuen Märkte, China zeigt das vor, aber auch afrikanische Länder entwickeln sich positiv. Die EU und China werden freilich verstehen müssen, dass der Export von Lebensmitteln in Afrika Märkte zerstört. Eine TV-Dokumentation hat kürzlich gezeigt, wie chinesische Tomatendosen nach Ghana geschifft werden, während Tausende nach Italien geflüchtete afrikanische Bauern dort Tomaten ernten, die dann ebenfalls nach Afrika verkauft werden. Die Weltwirtschaft wird sich anders organisieren müssen.

Das gilt auch für die Umwelt. Nur ganz Bornierte leugnen die Erderwärmung, überall auf der ganzen Erde erlebten wir extreme Wettererscheinungen. Internationale Abkommen zur Reduktion von sind notwendiger denn je. Aber die Zeiten, in denen wir im Westen den ärmeren Ländern erklärt haben, sie dürften nicht so viele Schadstoffe ausstoßen, sind auch vorbei. Sie wollen einen gerechten Anteil am Wohlstand. Zerstörte Märkte und unfruchtbare Böden sind neben Bürgerkriegen die Hauptursachen für Flucht und Migration. Faire Handelsabkommen wären ein Anfang, und wir müssen alles tun, dass die gut Ausgebildeten in ihren Ländern bleiben, um dort am Aufbau zu arbeiten.

Die Demokratie lebt

Und die Demokratie? Sie war zuletzt auf dem Vormarsch, zeigen die Zahlen. Bleibt das so? In China erleben wir das Experiment der freien, oft mehr brutalen als sozialen Marktwirtschaft unter straffer kommunistischer Führung, Überwachung per Handy inklusive. Wladimir Putin habe nach der marxistischen Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ die Parole „Autoritäre aller Länder, vereinigt euch“ ausgegeben, so der frühere russische Außenminister Andrei Kosyrew auf CNN. Und es ist wirklich bedrückend, wie sehr die Führerpose im ehemaligen Ostblock ankommt. Kein Land ist davor sicher, dass die Freiheit wieder verloren geht. Deshalb müssen wir immer auf die Pressefreiheit achten und im Zweifel um sie kämpfen.

Der Autor Philipp Blom hat bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele von der Bedeutung der Aufklärung gesprochen, ein Stück europäisches Erbe, gegen das es heute auch bei uns „mächtige Attacken“ gebe. Stimmt. Im KURIER-Interview meinte Blom: „Ein traditionelles Versprechen der Demokratie – wenn du dich bemühst, kann aus dir etwas werden – ist gebrochen worden“. Das ist sehr eurozentristisch gedacht. In anderen Gegenden der Welt gilt das Versprechen mehr denn je. Auch in Trumps Amerika, wo Medien und Demokratie besser funktionieren, als es dem Egomanen lieb ist. Wenn wir die Welt besser verstehen, wenn wir uns nicht von Demagogen aufwiegeln lassen, wenn wir wieder mehr Chancen als Risiken sehen und vor allem, wenn den Jungen alle Chancen einer weltoffenen Ausbildung geboten werden, dann gibt es auch bei uns viel Grund für Optimismus.

Serie: Gute Nachrichten in Folge

Trotz Klimawandel, Kriegen und Katastrophen  geht es den Menschen so gut wie nie. Dieser Positivtrend ist Thema einer achtteiligen Serie: Heute lesen Sie, warum wir dennoch so pessimistisch sind. Ob es die Jugend heute schwerer hat als die ältere Generation, wird am Montag thematisiert. Am Folgetag ist die Gewalt-Statistik im Zentrum. Dass wir friedlicher werden, hat vielleicht auch etwas mit der individuellen  Zufriedenheit zu tun – wie die gemessen wird, ist Thema am Mittwoch. Danach wirft die Wirtschafts-Redaktion einen Blick auf die Entwicklung in der Arbeitswelt. Eine Reportage aus Afrika zeigt am Freitag, wie sich der Kontinent entwickelt. Die Gleichstellung der Frau und die Lust an der Familie  bilden den Abschluss.

Buchempfehlungen:

Hans Rosling: „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“

John und Doris Naisbitt: „Macht Wende: Wie die Länder des Globalen Südgürtels unsere Welt verändern werden“

Yuval Noah Harari: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Steven Pinker: „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“

Francis Fukuyama: „Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?“