Leben
04.08.2018

Gleichberechtigt? Noch lange nicht

Auf dem Weg zur Gerechtigkeit gibt es nicht nur Erfolge – auch Österreich hinkt hinterher.

Männer und Frauen sind in Österreich gleichberechtigt – so steht es zumindest in der Verfassung.

In der Realität verdienen Frauen weniger und leisten den weitaus größeren Teil unbezahlter Arbeit. Vielerorts müssen Frauenrechte gar erst mühsam erkämpft werden. Johanna Konstenzer vom Österreichischen UN (Vereinte Nationen) Women Nationalkomitee sprach mit dem KURIER über die Fortschritte in puncto Gleichstellung und erklärt, warum man sich auf diesen Erfolgen nicht ausruhen darf.

KURIER: Viele Frauenrechtlerinnen sprechen derzeit über einen weltweiten Rückschritt in Sachen Frauenrechte. Orten Sie einen solchen auch in Österreich?

Johanna Kostenzer: Rückschritte gibt es immer wieder, weil wir in einer dynamischen Welt leben. Einen sogenannten Backlash sehe ich in Österreich nicht unbedingt, aber Frauen haben hier ein andauerndes Problem im Wirtschaftsleben: "Gleiche Gehälter für gleiche Arbeit" ist nach wie vor eine offene Forderung – auf allen Ebenen. Auch an Maßnahmen zum Thema "Gewalt gegen Frauen" muss ständig weitergearbeitet werden.

Worin sehen Sie hierzulande die größten Knackpunkte?

Vor allem in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was fehlt, ist eine handfeste Strategie zur Geschlechtergleichstellung. Ein wichtiger Schritt wäre, Verantwortungszuteilungen vorzunehmen sowie konkrete Berichte und Ziele, die evaluiert werden und zeigen, was erreicht wurde und was noch zu tun ist.

Nordische Länder belegen im Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums zur Geschlechtergleichstellung seit jeher die vorderen Plätze. Was läuft dort anders?

Geschlechtergerechtigkeit hat in diesen Ländern eine längere Tradition und ist viel stärker eine politische Agenda. Das Thema Gleichstellung wird dort auch nicht ständig hinterfragt – in Österreich ist das noch immer ein Problem. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert viel besser. Zum Beispiel wird stärker forciert, dass auch Männer die Kinderbetreuung übernehmen sollen. Solche Maßnahmen sind hierzulande noch nicht denkbar.

Eine wesentliche Rolle spielt zudem der österreichische Umgang mit Gehältern: Es gibt keine Transparenz. Auch die Frauenquote ist ein umstrittenes Thema. Es fehlt in Österreich eine sachliche Diskussion darüber.

Im Jahr 2016 belegte Österreich Platz 52. Wie kann sich das Land verbessern?

Zunächst sollte man sich die wirtschaftliche Situation konkret ansehen: Wie ist der Zugang zum Arbeitsmarkt, wie sieht die Bezahlung aus, wie steht es um Frauen in Führungspositionen und in Teilzeit?

Wie schätzen Sie den politischen Willen dafür ein?

Derzeit scheinen diese Themen in der politischen Agenda keine Priorität zu haben. Aber da lassen wir uns gerne überraschen.

Erst 2015 haben die UN 17 globale Nachhaltigkeitsziele formuliert – die Agenda 2030. Ein Punkt zielt auf Geschlechtergleichstellung ab. Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Ganz oben auf der Agenda steht das Thema "Gewalt gegen Frauen". Es geht dabei nicht nur um Gewalt, die Frauen im Alltag widerfährt, sondern – vor allem international betrachtet – auch um schädliche Praktiken, die wieder zunehmen.

Was meinen Sie mit schädlichen Praktiken?

Darunter fällt zum Beispiel Kinderheirat. In verschiedenen Bereichen der Welt kann man beobachten, dass dieses Phänomen wieder ansteigt, weil es sich dabei um eine Strategie handelt, der Armut zu entfliehen. Auch Frauenhandel nimmt in manchen Ländern, wo es einen Mangel an Frauen gibt, wieder zu. In China und Indien etwa, wo Mädchen gezielt abgetrieben wurden und werden.

Frauenrechte sind nicht in allen UN-Mitgliedstaaten von Bedeutung. Wo muss in diesen Ländern angesetzt werden?

Bildung ist ein wesentlicher Sektor, den es immer voranzutreiben gilt. Frauen die gleichen Möglichkeiten zu geben, auch an der Schulbildung teilzunehmen. Gerade bei der Grundschulbildung wurde der Zugang der Mädchen weltweit verbessert, aber es gibt noch immer großen Handlungsbedarf.

Ein weiterer Punkt ist die politische Mitsprache von Frauen. In einigen Ländern gibt es sehr patriarchale Strukturen, die Entscheidungen werden dort von Männern getroffen. Wenn in der Politik mehr Frauen vertreten sind, werden auch andere Themen aufgegriffen.

Was waren in puncto Geschlechtergerechtigkeit – international und national – die größten Meilensteine?

Wesentlich für die Frauenbewegung und die Frauenrechte waren die Gründung der UN-Frauenrechtskommission im Jahr 1946 sowie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Wichtige Ereignisse folgten in den 90er-Jahren: Die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 und die Weltfrauenkonferenz in Peking 1995. Bei Ersterer wurde eine Aktionsplattform zur Stärkung der reproduktiven Rechte von Frauen gegründet. Die zweite Aktionsplattform hatte „Gewalt gegen Frauen“ zum Thema.

Es gibt also noch viel zu tun.

Es gibt auf jeden Fall Erfolge, die man anerkennen soll. Gleichzeitig darf man sich auf ihnen aber nicht ausruhen. Man muss beobachten, wo sich die Gesellschaft hin entwickelt und davon ausgehend Maßnahmen für die Zukunft treffen.

www.unwomen-nc.at

Meilensteine in Österreich

1918: Wahlrecht für Frauen

1975: Schwangerschaftsabbruch wird bis zum 3. Monat erlaubt

1975: Frauen dürfen ohne Zustimmung des Mannes arbeiten

1978: Eröffnung des ersten

Frauenhauses in Wien

1989: Vergewaltigung in der Ehe wird strafbar

1990: Erste Frauenministerin (Johanna Dohnal); Einführung der Väterkarenz

1993: Gleichbehandlungsgesetz tritt in Kraft

1997: Frauenvolksbegehren

2006: Erste Nationalratspräsidentin (Barbara Prammer)

2018: Frauenvolksbegehren 2.0