Wissen 15.06.2018

Unterrichtsprinzip Gleichstellung gestrichen: Was das bedeutet

© Bild: FREMD/Schwein Christine-Repro

Bei der Entrümpelung der Schulverwaltung wurde der Erlass gestrichen. Laut Ministerium wird ein neuer erarbeitet.

In den Klassenzimmern wird mehr vermittelt als Mathematik, Deutsch oder Physik. Die Schüler sollen schließlich fürs Leben lernen: Politische Bildung, Sexualaufklärung oder die Gleichstellung von Mann und Frau soll ihnen nahegebracht werden – und das fächerübergreifend.

Als Unterrichtsprinzip bezeichnet man Inhalte, für die es kein eigenes Fach gibt (siehe unten). Nicht nur Pädagogen sind jetzt empört, dass ausgerechnet der Erlass zum UnterrichtsprinzipGleichstellung von Frauen und Männern“ ausgesetzt wurde – er stammte noch von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP).

Geflogen ist dieser im Zuge der Entrümpelung der Schulverwaltung, bei der bisher 200 „obsolete und redundante“ Rundschreiben und Erlässe aufgehoben wurden. Neos-Frauensprecherin Claudia Gamon: „Die Regierung beschließt zwar populistische Maßnahmen wie das Kopftuchverbot unter dem Deckmantel der Gleichstellungspolitik, ist aber gleichzeitig nicht bereit, diese in der Schule zu thematisieren.“

Für die ehemalige Bildungsministerin Sonja Hammerschmid ( SPÖ) ist dies ein weiterer Mosaikstein „einer grundsätzlich rückschrittlichen bildungspolitischen und frauenpolitischen Agenda dieser Regierung. Warum streicht man dieses Unterrichtsprinzip ersatzlos? Man hätte ja ohne Probleme abwarten können, bis ein neuer Grundsatzerlass fertig ist – so etwas dauert erfahrungsgemäß einige Zeit.“

Im Bildungsministerium versteht man die Aufregung nicht: „Das Unterrichtsprinzip bleibt weiterhin bestehen. Wir sind gerade dabei, einen neuen Erlass zu erarbeiten, der spätestens im neuen Schuljahr in Kraft tritt“, will man im Büro von Heinz Faßmann beruhigen.

Mehr als nur ein Gesetz

Elisabeth Gehrer, die sich in den 90er-Jahren für dieses Unterrichtsprinzip stark gemacht hat, hält es prinzipiell für gut, dass in der Schulverwaltung ausgemistet wird und Gesetzbücher entschlackt werden. Zum aktuellen Fall möchte sie nichts sagen – „da kenn’ ich mich zu wenig aus“ – nur so viel: „Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist wichtig. In der Schule genauso wie in der Politik, wo ich übrigens für eine Quotenregelung bin. Auch in der Lehrerausbildung muss das Thema ins Bewusstsein kommen.“

Viel wichtiger als das Gesetz selbst sei nämlich, dass es auch gelebt wird. Davon ist Maria Ettl, Direktorin der Hertha Firnberg Schulen in Wien, überzeugt. Sie hat an ihren Standorten dafür gesorgt, dass Gender Mainstreaming – so der neudeutsche Begriff für die Gleichstellung – gelebt wird.

Wie sie das anstellt? „Das fängt damit an, dass ich bei der Einstellung von neuen Lehrkräften darauf achte, ob sie für das Thema sensibel sind“, sagt Ettl, deren Tourismusschulen einen Staatspreis für gendergerechte Schule erhalten haben. Früher wurden ihre Standorte belächelnd als „Knödelakademie“ bezeichnet, weshalb es noch immer Eltern gebe, die glauben, ihre Töchter seien hier besser aufgehoben, weil die Naturwissenschaften keinen großen Stellenwert haben. „Da dachte ich mir, wenn Schülerinnen nicht zur Technik gehen, bringe ich die Technik zu ihnen. Seit sieben Jahren haben wir eine Kooperation mit der Fachhochschule Technikum Wien.“ Mit Erfolg: „Wir haben jetzt einen naturwissenschaftlichen Zweig – und die Hälfte der dortigen Schüler sind weiblich.“

Doch Erziehung zur Gleichstellung ist noch mehr: „Unsere Schüler beschäftigen sich in der 2. und 3. Klasse regelmäßig mit Themen wie der Lohnschere oder stereotypen Frauen- und Männerberufen“, berichtet die Direktorin. „Am Ende präsentieren sie ihre Projekte in der Schule und werden prämiert.“

Braucht es für all das Gesetze? „Nicht unbedingt. Aber sie helfen – etwa, wenn man Lehrer dazu bringen will, die Gleichberechtigung auch umzusetzen.“

Unterrichtsprinzipien

Je nach Schultyp gibt es in den Lehrplänen zwischen acht und zwölf Unterrichtsprinzipien. Auf der Homepage des Bildungsministerium sind  angeführt: Gesundheitserziehung, · Interkulturelles Lernen, Leseerziehung, Medienbildung, politische Bildung, Sexualerziehung, Umweltbildung, Verkehrserziehung, Wirtschaftserziehung, Verbraucher/innenbildung und  Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern.  Dieses Prinzip „soll dazu beitragen, alle im Bildungsbereich tätigen Personen zu motivieren, Fragen der Gleichstellung der Geschlechter verstärkt in den Lehrinhalten der Lehrpläne, im Unterricht, in den Schulbüchern und sonstigen in Verwendung stehenden Unterrichtsmitteln zu berücksichtigen sowie die Diskussion an den Schulen über diese Themen zu intensivieren.“

 

( kurier.at , ub ) Erstellt am 15.06.2018