Leben
04.01.2018

Illegale Lohnschere: Warum Österreich nicht Island ist

In Island gibt es gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Laut Experten sinnvoll, in Österreich aber noch nicht denkbar.

Island ist das weltweit erste Land, das den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen per Gesetz abschaffen will. Wie diverse Medien berichten, wurde dieses am Montag eingeführt. Unternehmen mit mehr als 25 Angestellten müssen in Zukunft belegen, dass Frauen und Männer in der gleichen Position das Gleiche verdienen. Jene die das nicht tun, müssen mit Strafen rechnen. Mit dieser Maßnahme will das Land die Einkommensschere bis 2022 schließen. Dabei ist diese in Island ohnehin vergleichsweise niedrig. Laut dem isländischen Zentrum für Geschlechtergleichstellung verdienen Frauen zwischen sieben und 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine im vergangenen März veröffentlichte Studie der Statistik Austria hat gezeigt, dass Frauen in der Privatwirtschaft in Österreich pro Stunde um 21,7 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Die Ökonomin Alyssa Schneebaum, die am Institut für Makroökonomie der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) forscht, hält Gesetze für Lohngleichheit, wie jenes in Island, für durchaus sinnvoll. "Es ist ein Zeichen dafür, dass Gleichheit ein wichtiger Wert in einer Gesellschaft ist, nach dem es für alle zu streben gilt." Sie gibt aber zu bedenken, dass ein solches Gesetz nicht alle Probleme in puncto Geschlechtergerechtigkeit auflösen kann. Eine große Rolle in diesem Zusammenhang würden implizite Erwartungen an Männer und Frauen spielen. In der österreichischen Gesellschaft würden diese laut Schneebaum oftmals noch so aussehen, dass Frauen länger in Karenz gehen und ihnen Arbeit weniger wichtig sein soll, während der Mann seinem Beruf nachgeht.

Neubewertung

Einkommensunterschiede zu beseitigen, ist auch eine zentrale Forderung des neuen Frauenvolksbegehrens in Österreich, das ab dem 12. Februar Unterstützungserklärungen sammelt. "Unternehmen dazu zu bewegen, Männer und Frauen gleich zu bezahlen, ist auf jeden Fall begrüßenswert", sagt Lena Jäger, Projektleiterin des Frauenvolksbegehrens. Diese Maßnahme allein greife aber zu kurz. Notwendig sei laut Jäger eine Neubewertung von Arbeit. "Man muss sich damit auseinandersetzen, was gleichwertige Arbeit überhaupt bedeutet und sich die Frage stellen, warum in Branchen, in denen mit Geld gearbeitet wird, der Stundenlohn viel höher ist als in Branchen, in denen mit Menschen gearbeitet wird", sagt Jäger. Vor allem in zweiterem Bereich seien vorwiegend Frauen tätig. "Es kann nicht sein, dass ein Steuerberater viel mehr Geld verdient als eine Lehrerin, der ich meine Kinder anvertraue."

Beim Thema Gleichstellung führen Island und andere nordische Länder seit Jahren diverse Ranglisten an. Sie hätten laut Schneebaum generell viel früher damit begonnen, Gleichberechtigung in allen Lebenslagen zu forcieren. Das resultiert unter anderem darin, dass mehr als 90 Prozent der isländischen Väter ihren Anspruch auf "Geburtskarenz" nutzen. Das Karenzmodell in Island sieht drei Monate für den Vater und drei Monate für die Mutter vor. Weitere drei Monate können individuell aufgeteilt werden. Verzichtet der Kindsvater auf seine Karenzzeit, verfällt diese.

Hohe Teilzeitquote

"Während in nordischen Ländern außer Frage steht, ob ein Mann ebenso gut auf ein Kind aufpassen kann, ist die Einstellung diesbezüglich hierzulande oftmals noch konservativ", sagt Schneebaum. Die Vorstellung, dass ein Elternteil länger beim Kind zu Hause bleiben sollte – und zwar im besten Fall die Mutter – sei noch immer weit verbreitet. Das vorherrschende traditionelle Familienbild und der Mangel an Kinderbetreuung gestalte es laut Schneebaum für Frauen schwierig, Vollzeit zu arbeiten. Das hat zur Konsequenz, dass fast jede zweite erwerbstätige Frau in Österreich Teilzeit arbeitet.

Diese mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie trägt erwiesenermaßen dazu bei, dass Frauen deutlich stärker von Altersarmut betroffen sind. Und dazu, dass Österreich im Gender Gap Report 2016 Platz 52 belegte, während Island in diesem Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums seit jeher unangefochtene Nummer eins im Ranking ist.