Wissen und Gesundheit
25.02.2015

Mit dem Burnout auf Reisen

Eine Vorarlberger Psychotherapeutin bietet Burnout-Vorsorge bei einem Zehn-Tage-Aufenthalt in Spanien an.

Niedergeschlagen, erschöpft, ausgebrannt – 40 Prozent der Österreicher stehen kurz vor dem Burnout wie Studien zeigen. Sie sind oft müde, fühlen sich hilflos, ziehen sich immer mehr zurück. Auf dem Weg in die Erschöpfungsdepression geraten Betroffene oft in eine Lage, aus der sie sich nicht mehr heraussehen. Die Vorarlberger Psychotherapeutin Claudia Wielander möchte diese Spirale unterbrechen. Mit dem Projekt „Despacio“ – spanisch für „langsam“ - bietet sie Burnout-Vorsorge mit fachlicher Begleitung an. Teilnehmer verbringen zehn Tage in einem kleinen andalusischen Dorf an der Costa de la Luz und sollen in Coachings und in einer Gruppe Gleichgesinnter Ressourcen mobilisieren, um sich neu zu orientieren.

KURIER: Worum geht es bei Despacio?

Claudia Wielander:Zielgruppe der Reise sind Menschen, die erschöpft und überlastet sind, keine Zeit mehr für sich selbst aufwenden, aber noch keiner Behandlung bedürfen. Es geht darum, dass Betroffene in individuellen Coachings in diesen Tagen wieder zur Langsamkeit kommen, herunterfahren und zu sich selbst kommen. Wir erarbeiten gemeinsam, was sie in ihrem Leben verändern müssen und können, damit sie nicht in eine Erschöpfungsdepression geraten.

Wie kann man sich den Aufenthalt vorstellen?

Der Tag hat eine Struktur, allerdings gibt es nicht für alle dasselbe fixe Programm. An Werktagen gibt es am Vormittag ein Gruppen-Coaching, bei dem man sich austauschen kann. Jeder hat in der Woche zwei einzelne Coaching-Stunden, die individuell ausgerichtet sind. Daneben gibt es Aktivitäten in der Natur, am Meer, im Dorf, in der Küche. Alles andere wird selbst kreiert und zwar so, dass man seinen Bedürfnissen und Wünschen folgt. Wenn jemand z.B. schon immer auf einem Surfbrett stehen wollte, sich aber nicht getraut hat, werden wir das organisieren. Es kann auch sein, dass jemand sagt, er möchte nur seine Ruhe haben und lesen. Am Abend gibt es kein Seminar, da kann man alleine sein oder in Gruppen – wie man möchte.

Wie viele sind an der Reise beteiligt?

Je nach Größe der Gruppe gibt es neben mir weitere Betreuungspersonen mit einer Fachausbildung im Bereich Burnout, sowie einen Koch und die Hotelleitung. Das Programm ist ab fünf Teilnehmern konzipiert, maximal können zwölf teilnehmen, da wir in einem kleinen Familienbetrieb wohnen.

Ist es eine gute Idee, wenn Menschen, die total erschöpft sind, eine Reise unternehmen?

Jemand, der bereits ein Burnout hat, wird es nicht mehr schaffen, einen Flug zu buchen. Vielmehr braucht er stationäre oder engmaschige ambulante Behandlung durch Fachärzte und Psychotherapeuten. Im Burnout gibt es aber verschiedene Stufen bis zu dem Moment, wo jemand seelisch zusammengebrochen ist. Ich sehe täglich Menschen, die noch gut aufzufangen wären, damit sie nicht in einen behandlungsbedürftigen Erschöpfungszustand geraten. Die möchte ich erreichen.

Kann man selbst überhaupt feststellen, dass man auf dem Weg in ein Burnout ist?

Oft sind es einzelne Dinge, die man wahrnimmt, aber dabei nicht erkennt, dass sie ein gemeinsames Phänomen darstellen. Etwa Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, mangelnde Frustrationsfähigkeit, häufige Fehler, Ängstlichkeit, erhöhter Alkohol- und Kaffeekonsum, sexuelle Probleme. Meist stehen die eigenen Werte im Weg. Man sagt sich „Das geht schon noch“ oder „Die anderen brauchen mich“. Man versucht Energiereserven zu mobilisieren, bis sie irgendwann ganz leer sind. Ein drohendes Burnout wird meist eher im Umfeld erkannt, von Freunden, vom Chef, von früher selbst Betroffenen oder von Ärzten und Psychotherapeuten.

Gibt es Situationen, in denen Sie davon abraten würden, an Ihrem Projekt teilzunehmen?

Ich plädiere an die Eigenverantwortlichkeit der Teilnehmer. Ich weise aber in jedem Fall darauf hin, dass die Reise mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten abgesprochen werden muss. Wenn jemand in einem Zustand kommt, wo er stationär aufgenommen werden müsste, ist es nicht möglich, teilzunehmen. Vor Ort kann ich allerdings durch meine Ausbildung sehr wohl darauf reagieren, wenn sich jemand an dieser Grenze bewegt.

Dürfen Begleitpersonen mitreisen?

Die Reise steht für einen Veränderungsprozess. Da ist es gut, wenn jeder auf sich alleine gestellt ist – keine Familienmitglieder, keine Ehepartner, keine Eltern-Kind-Konstellationen. In einem fremden Land, wo ich die Sprache vielleicht nicht spreche und einiges erlebt wird, das man noch nicht kennt, kann eine Irritation stattfinden, die Veränderung begünstigt. Wenn ich mich dabei an jemanden Vertrauten klammern kann, verhindert das dies.

Was passiert nach der Reise – nach zehn Tagen ist man ja nicht „geheilt“. Besteht die Gefahr, dass für die Teilnehmer zuhause alles wieder beim Alten ist?

Es geht während der Zeit in Spanien auch darum, zu schauen, welche Ressourcen der Einzelne hat. Das ist für jeden etwas Anderes. Worauf muss er oder sie ganz besonders achten. Es kann sein, dass man eine gewisse Zeit aufhört zu arbeiten oder ein Hobby wieder aktualisiert. Das erarbeiten wir während der Coachings. Geplant sind auch kürzere Follow-ups im Nachhinein, etwa eine Woche in Seminarform. Die Follow-ups sind wie eine Gesundheitsvorsorge, wenn jemand merkt, er verliert sich wieder, bieten wir kreatives Tun mit Achtsamkeitstraining an, das genau das verhindert.

Mehr Infos: www.despacio.at

Sind Sie gefährdet?

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