Alzheimer: Was viele Forscher so frustriert

Diseased human brain
Foto: Getty Images/iStockphoto/carlacastagno/iStockphoto Experten befürchten starken Anstieg der von Alzheimer Betroffenen.

Nach dem Pfizer-Rückzug: Was die Forschung auf diesem Gebiet so schwierig macht. Neurologen fordern mehr Mittel für öffentliche Forschung.


"Die Patienten und ihre Angehörigen horchen bei solchen Nachrichten auf: Sie sind entmutigend für sie", kommentiert der Neurologe Univ.-Prof. Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft, die Entscheidung des Pharmakonzerns Pfizer. Dieser stellt sein Programm zur Entwicklung neuer Mittel gegen Alzheimer und Parkinson ein.

Auch der Neurologe Prim. Andreas Winkler, Leiter der Klinik Bad Pirawarth, NÖ, sieht negative Folgen bei den Betroffenen: "Das führt zu einer Art Nihilismus. Es fehlen die Erfolgserlebnisse und viele denken sich dann, ,was soll ich noch tun, ich kann eh nichts ändern‘."

Die Enttäuschung sei groß: "Es ist eine Tragödie, wenn eine Top-Einrichtung, die 20 Jahre führend forschte, 300 Wissenschaftler aus einem Gebiet abzieht. Der Exodus dieser Experten trifft uns ins Mark." Und die Pfizer-Entscheidung könnte eine Lawine auslösen, befürchtet Winkler: "Da werden auch andere den Markt verlassen."

"Kein Stillstand"

Doch die Experten beruhigen auch. Dal-Bianco: "Natürlich ist es schade, dass ein großer Player aufhört. Aber das bedeutet keinen Stillstand." Viele andere große Firmen würden in dem Bereich weiter forschen, etwa Biogen, GSK, Eli Lilly, Novartis oder Roche.

Bei Alzheimer kommt es zu zwei wesentlichen Veränderungen im Gehirn: Krankhaft veränderte Tau-Proteine und Ablagerungen von Eiweiß-Bruchstücken (siehe Grafik). Beides führt zu Funktionsstörungen und zum Tod der Nervenzellen.

In den vergangenen Jahren musste die Alzheimer-Forschung viele Rückschläge hinnehmen: Große Hoffnung setzte man etwa in bestimmte Antikörper ("Alzheimer-Impfung"), die diese Anhäufung (Plaques) von Eiweißfragmenten (Amyloid-beta ) erkennen, an ihnen andocken und sie so abbauen. Auch gegen die veränderten Tau-Proteine werden Impfstoffe entwickelt.

Das Interessante: Viele dieser in Entwicklung befindlichen Präparate werden nicht nur gut vertragen – sie zeigen auch eine "biochemische Wirkung" – das heißt, sie können zum Beispiel tatsächlich die schädlichen Eiweiß-Ablagerungen reduzieren. Allerdings macht sich das in keinem Nutzen für die Patienten bemerkbar, sagt Dal-Bianco: "Wir erwarten uns von einer 'Alzheimer-Impfung' einen merkbaren Vorteil im Alltag der Betroffenen. Der Abtransport von Amyloid-beta- und Tau-Eiweiß aus dem Hirngewebe allein ist zu wenig."

Grafik,Alzheimer Forschung Initiative e.V.… Foto: /Grafik,Alzheimer Forschung Initiative e.V. Warum ist es zu schwierig, eine Therapie gegen Alzheimer zu entwickeln? "Die Veränderungen im Gehirn beginnen 20 bis 30 Jahre vor den ersten klinischen Beschwerden. Die Erkrankung wird erst im letzten Drittel ihres Verlaufs von der Umgebung bemerkt ." Und: "Wir haben ein Wort für die Erkrankung – aber es gibt offenbar viele verschiedene Varianten und unterschiedliche Mechanismen bei der Krankheitsentstehung."

Das Ziel der Forschung müsse sein, Biomarker (biologische Merkmale) – etwa im Blut – zu finden, die früher als bisher anzeigen, ob die Krankheit schon ausgebrochen ist.

Das Beispiel von Pfizer zeige jedenfalls, dass sich die Öffentlichkeit "nicht auf die Pharmaindustrie verlassen kann", sagt Dal-Bianco: "Das sind Wirtschaftsbetriebe, die ihre Produkte verkaufen müssen. Die öffentlich finanzierte Forschung hingegen ist nicht gewinnorientiert."

"Inferior"

Die Alzheimer-Gesellschaft kritisiert schon seit langem, dass die öffentlichen Mittel für die Alzheimer-Forschung in Österreich "inferior" sind: "Die öffentlichen Mittel für die universitäre Alzheimer-Forschung sind verschwindend gering." Der Ausstieg von Pfizer sollte auf österreichischer und europäischer Ebene Anlass sein, die öffentliche Forschung zu stärken.

So sei es frustrierend für junge Wissenschaftler, wenn der Großteil der Förderungsansuchen für – auch sehr gute – wissenschaftliche Projekte vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) abgelehnt werde: "Die öffentlich finanzierte Forschung läuft auf Sparflamme – als Feigenblatt für die Gesundheitspolitik." Auch Neurologe Winkler fordert eine "großflächige Unterstützung" der öffentlichen Forschung.

Ziehen sich große Pharmafirmen zurück, werde das einen Auftrieb für kleine Start-ups bedeuten: "Wenn diese dann Erfolg haben, werden sie von den Großen aufgekauft." Dass in der Demenz-Forschung eine gewisse Resignation eingetreten sei, zeichne sich bereits seit einigen Jahren ab, sagt Winkler: "Ein großer Teil der forschenden Demenz-Experten verlässt im Schnitt nach vier Jahren dieses Gebiet, weil sie hier Frustrationen erleben. Woanders kann man mehr Erfolge verbuchen."

Notwendig sei es auch, das Bewusstsein für Prävention zu fördern, betonen die Neurologen: Wer schon im mittleren Alter auf Risikofaktoren wie einen hohen Blutdruck achtet, kann damit möglicherweise verhindern, dass es je zu einem Auftreten von Symptomen kommt.

(kurier) Erstellt am
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