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Wirtschaft
06/27/2021

Rohstoffpreise stehen vor einem Superzyklus

An den Börsen geht es mit den Kursen der Rohstoffe bergauf und das Potenzial nach oben ist noch nicht ausgeschöpft.

von Robert Kleedorfer, Anita Kiefer

Stillstehende Fertigungslinien in der Autoindustrie mangels Computerchips, Verzögerungen am Bau wegen zu hoher Materialkosten oder generelle Lieferengpässe im weltweiten Warenverkehr mangels Schiffscontainern. Das sind nur drei aktuelle Beispiele, mit denen die internationale Wirtschaft derzeit zu kämpfen hat. Schuld daran trägt die Pandemie.

Brach zunächst im Frühjahr des Vorjahres die Wirtschaft brutal ein, so gab es viel früher als erwartet die Rückkehr zu einem rasanten Wachstum. Die Folge: Lieferanten waren vielfach nicht darauf eingestellt und haben jetzt Probleme, die globale Nachfrage zu befriedigen. Natürlich steigen somit die Preise.

Es ist nicht immer möglich, die höheren Kosten in vollem Umfang und sofort an die Kunden weiterzugeben, in vielen Branchen ist der Konkurrenzdruck zu groß. Bei den Rohstoffen, die am Beginn der Versorgungskette stehen, geschieht dies derzeit aber. Denn die Nachfrage übertrifft bei vielen Produkten den Abbau, sodass ungeachtet von Konkurrenten hohe Preise verlangt werden können.

„Generell schauen die Märkte positiv aus“, sagt Thomas Kaiser, Fondsmanager des IQAM Strategic Commodity Fund. Neben der wieder anlaufenden Konjunktur als Hauptgrund und dem Abarbeiten der aufgestauten Investitionen gibt es noch einen zweiten Grund für die Preisanstiege. Und zwar den strukturellen Trend hin Richtung Nachhaltigkeit – „weg von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas hin zu Industrie- und Edelmetallen“.

Einen dritten Grund nennt Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien der Steiermärkischen Sparkasse: die steigende Inflation. „Neben der höheren Nachfrage werden die Rohstoffpreise voraussichtlich auch deshalb steigen, weil Finanzinvestoren verstärkt zu realen Assets greifen, wenn höhere Inflationszahlen die realen Anleiherenditen wieder stärker ins negative Terrain drücken.“

Als vierten Grund sieht Alexander Toth, Fondsmanager des Raiffeisen-Active-Commodities-Fund, die hohe Nachfrage aus dem aufstrebenden China. „Rund 60 Prozent der Rohstoffe werden dort benötigt.“ Freilich, die Preisanstiege würden nicht ins Unendliche gehen, irgendwann sei der Punkt erreicht, wo Käufer lieber auf bessere Preise warten würden.

Grund fünf spricht Gerhard Massenbauer, Chefanalyst von Censeo Consulting, an. „Der Preisrückgang im vergangenen Jahrzehnt hat dazu geführt, dass wenig Mittel in die Exploration neuer Abbaugebiete gesteckt worden ist. Viele Minenunternehmen haben um ihr Überleben gekämpft.“ Der Preisrückgang sei genutzt worden, um Minen stillzulegen und Schulden zurückzuzahlen. „Es dauert bei Metallen 3-5 Jahre, bis neue Vorkommen gefunden, zugelassen und erschlossen werden können.“ So lange würden auch in diesem Bereich die Preise steigen.

Von einem bevorstehenden „Superzyklus“ für Industrie- und Edelmetalle, die eine Rolle in einem nachhaltigen Zukunftsszenario spielen, sprechen aktuell die Experten. Dieser soll im April 2020 begonnen haben. Denn der aktuelle Zyklus zeige einen ähnlichen Verlauf wie jener, der 1999 am Anfang eines Superzyklus stand, der bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 anhielt. Auch Steinberger ist optimistisch. „Wir erwarten, dass es noch ein Stück weiter nach oben geht.“ Das „verlorene Jahrzehnt“ nach der Finanzkrise sei jedenfalls definitiv vorbei.

Doch wie werden sich die einzelnen Rohstoffe in nächster Zeit konkret entwickeln? Die Experten wagen einen Blick in die nahe und fernere Zukunft.

Gold: Der Klassiker zeigte in den vergangenen eineinhalb Jahren ein zwiespältiges Bild. Nach einem Höhenflug ging es heuer um rund fünf Prozent bergab. „Der Impfstofffortschritt und die möglichen Zinserhöhungen sind nicht hilfreich“, sagt Toth. Denn steigende Zinsen stehen auch für weniger Inflation. Gold gilt aber als klassisches Schutzinstrument gegen Inflation. Dieses Argument fiele dann weg.

Masenbauer sieht den Goldpreis zu Jahresende bei 2.200 Dollar/Unze, bei Mitte des Jahrzehnts bei 4.000 Dollar. „In den kommenden 15 Jahren droht eine massive Verknappung bestehender Minen und derzeit bekannte Vorkommen werden ab Mitte des Jahrzehnts deutlich weniger produzieren.“ Laut Ronald-Peter Stöferle vom Liechtensteiner Vermögensverwalters Incrementum könnten es bis 2030 4.800 Dollar sein.

Silber: Im Windschatten von Gold entwickelte sich der Silberkurs ebenfalls nach oben, blieb aber im Gegensatz zu Gold in den vergangenen Monaten stabil (siehe Chart). „Silber ist eines der Materialien bei der Herstellung von Microchips“, sagt Massenbauer. „Die Zahl der benötigen Microchips wird weiter explodieren.“ Silberminen würden nicht in der Lage sein die Nachfrage mit bestehenden Ressourcen zu decken. Zugleich schränkt er aber auch ein, dass es bei Silber ähnlich wie bei nach der Finanzkrise zu einer preislichen Übertreibung kommen könnte. 2025 könnte der Preis schon bei 300 Dollar je Unze liegen, bis Jahresende bei 35 bis 38 Dollar.

Öl: 2019 wurden täglich weltweit 100 Millionen Fass Erdöl pro Jahr verbraucht. Im Vorjahr gab es zunächst zu Beginn der Krise einen Einbruch von knapp einem Drittel. Doch schon bald besserte sich die Nachfrage und für heuer wird schon fast wieder das Niveau von 2019 erwartet.

„Der bisherige Anstieg der Ölpreise war erst ein Vorgeschmack, was kommen kann, wenn wieder alle Flugzeuge in der Luft sind, wieder alle Reisewilligen in ihren Autos sitzen und die Industrie einen Energiebedarf haben wird wie selten zu vor“, sagt Eberan von der Steiermärkischen Sparkasse. Ein Barrel (159 Liter) der für Europa maßgeblichen Sorte Brent kostet erstmals seit gut zwei Jahren wieder mehr als 75 US-Dollar. Bei der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) sind es mit mehr als 73 Dollar so viel wie zuletzt im Oktober 2018.

Kupfer: Der Kurs des Industriemetalls Kupfer hat alleine in den vergangenen 12 Monaten um mehr als die Hälfte zugelegt, in der Spitze waren es sogar plus 80 Prozent. Der überproportionale Anstieg im Vergleich zu anderen Industriemetallen wird auch damit erklärt, dass der Rohstoff hauptsächlich in Südamerika und Afrika abgebaut wird, wo die Covid-Pandemie immer noch akut und die Impfungen noch nicht weit fortgeschritten sind. Hier gibt es immer wieder Lieferprobleme.

„Kupfer bedeutet Wirtschaftswachstum“, so Fondsmanager Toth. Das Metall komme zum einen in Leitungen zum Einsatz, die mit der zunehmenden Digitalisierung vermehrt benötigt würden. Zum anderen steht Kupfer auch für Green Tech. Laut Toth benötigt alleine eine Windkraftanlage drei bis vier Tonnen des Metalls, ein Elektroauto kommt auf 83 Kilo verbautes Kupfer, bei einem Verbrenner sind es nur 23 Kilo. Auch für die Verkabelung der vielen Ladestationen sei Kupfer nötig.

Platin: Apropos Auto: Laut Toth entfallen bei Platin 30 bis 40 Prozent der Nachfrage auf die Autoindustrie. Da das Metall vor allem in Dieselkatalysatoren zum Einsatz kommt, ist die Nachfrage im Sinken. Dennoch konnte im Februar der höchste Stand seit 2014 erzielt werden. Dies wird mit dem Einsatz von Platin in der wieder boomenden Industrie erklärt. Massenbauer teilt zudem die Einschätzung, dass mit dem Fortschritt bei der Wasserstofftechnologie der Kurs deutlich anziehen könnte – auf bis zu 7.000 Dollar im Jahr 2025. Und bis Jahresende von aktuell über 1.000 auf 1.400 bis 1.500 Dollar.

Palladium: Dieses Edelmetall kommt ebenfalls zu rund 50 Prozent in der Autoindustrie zum Einsatz, allerdings in Benzinmotoren. Da diese gegenüber Dieselantrieben seit Jahren verstärkt nachgefragt werden, steigt auch der Kurs von Palladium. „Aber auch die Schmuckbranche ist dafür verantwortlich“, sagt Kaiser. Massenbauer zufolge könnte Palladium ein Problem bekommen, wenn auch die Nachfrage nach Benzinern zurückgehen sollte. „Es fehlt die Fantasie, wo man den Rohstoff sonst noch brauchen könnte.“

Wie können Anleger nun von den boomenden Rohstoffmärkten profitieren? Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten.

Einzelaktien: Wer Risiko eingehen will, kann in Einzelaktien investieren. Deren Entwicklung ist aber stark konjunkturabhängig und – was vor allem Ölaktien betrifft – auch zunehmend von der Umweltpolitik geprägt. Mit geschäftlichen Einschränkungen und juristischen Auseinandersetzungen ist in den nächsten Jahren zu rechnen. Bezüglich Edelmetallen sieht Stöferle Minenaktien, die 2020 ihr profitabelstes Jahr in der Geschichte hatten, weiter im Aufwind. „Die Bilanzen sind makellos, es werden mehr Dividenden ausgeschüttet und die Bewertungen sind günstig.“ Als Beispiele nennt er die Konzerne Newmont und Barrick. Bei Industriemetallverarbeitern ist die Auswahl teils überschaubar, auch notieren sie nicht zwingend in etablierten Märkten.

Investmentfonds: Leichter ist es für Kleinanleger über Investmentfonds. Der Raiffeisen-Active-Commodities-Fund etwa ist zu je einem Drittel in Edel- und Industriemetalle sowie Energiewerten investiert. Die Performance beträgt heuer bis dato rund 16 Prozent.

Der IQAM Strategic Commodity Fund baut auf Nachhaltigkeit auf. „Wir schauen uns dabei die gesamte Wertschöpfungskette eines Rohstoffs an“, sagt Kaiser. Das heißt von den ökologischen Folgen und den sozialen Aspekten (u. a.den Arbeitsbedingungen) beim Abbau, über die Verarbeitung bis hin zur Nutzung. Infolge werden die Rohstoffe gewichtet. So kommt Nickel, was vor allem zunehmend in den Batterien von Elektroautos Einsatz findet, auch rund 15 Prozent Anteil im Fonds. Palladium, Kupfer und Silber folgen, Gold bildet mit nur rund 5,5 Prozent das Schlusslicht. Auch Öl ist nicht verpönt, aber Brent werde bevorzugt, denn die Gewinnung sei eine andere als bei US-Öl, Stichwort Fracking. In den vergangenen 12 Monaten konnte der Fonds rund ein Drittel an Wert zulegen. Beide Fonds investieren nicht in Agrarrohstoffe und Lebendvieh.

Exchange Traded Commodities (ETCs):  Im Unterschied dazu ermöglichen ETCs auch Investitionen in diese beiden Bereiche. Über diese kann kostengünstig in einzelne Rohstoffe investiert werden. Doch das Risiko ist insofern höher, da es sich um eine Schuldverschreibung handelt. Sollte der Emittent Pleite gehen, kann das einen Totalausfall bedeuten. Um das Risiko zu minimieren, sind bei vielen Edelmetall-ETCs die Anlegergelder durch physische Hinterlegungen besichert, etwa Goldbarren. Andere Papiere sind durch Ausfallversicherungen oder Wertpapiere besichert.

Exchange Traded Funds (ETFs): Sie sind in der Konstruktion ähnlich zu ETCs. Der große Unterschied: um das Risiko zu minimieren, müssen aus rechtlichen Gründen  in der EU in einem ETF immer mehrere Rohstoffe abgebildet sein.

Zertifikate:  Ein Zertifikat ist eine Schuldverschreibung, deren Wertentwicklung von der Wertentwicklung eines Basiswerts abhängig ist. Was das Thema Rohstoffe angeht, gebe es etwa „Goldindexzertifikate in Form eines Wertpapiers, wir machen auch Silber und Öl“, erklärt Uwe Kolar, Vorstandsmitglied beim Zertifikate Forum Austria und Zertifikateexperte der Erste Group, aus seinem Alltag bei der Erste.

Allzu groß sei das jedoch nicht. Das liege auch daran, dass bei Gold aus Zertifikat ja eine Kapitalertragsteuer in Höhe von 27,5 Prozent anfällt. „Der richtige Goldkäufer, der Angst hat, um sein Erspartes umzufallen, liebt es eher, das Gold daheim liegen zu haben.“ Die Nachfrage nach physischem Gold war im Vorjahr aber, wie bekannt, groß. „Wenn Inflationssorgen kommen, kommt auch die Goldnachfrage.“

Ein Beispiel für ein aktuell erhältliches Zertifikat (Emittent Erste Group Bank AG): Das Partizipations-Zertifikat Brent Crude Open End. Hier hängt die Wertentwicklung von jener des Preises des Brent Crude Oil Future ab, das den Erdöl-Terminmarkt widerspiegelt. Der Kurs des Partizipations-Zertifikats liegt aktuell (Stand 23. Juni) bei 51,42 Euro (Geldkurs). Beim Produktstart im Mai 2020 waren es gut 24 Euro.

„Alles in allem ist es nicht ganz einfach, in Rohstoffe zu investieren“, sagt Experte Everian. „Einzig der Rohstoff Gold wird von vielen Anlegern physisch gekauft. Bei Silber wird es schon etwas schwieriger, da man große Lagerräume braucht, um größere Summen zu investieren.“ Abseits der Einzelaktien und ihren Anteil in Investmentfonds wird bei den anderen Möglichkeiten  nicht direkt in den jeweiligen Rohstoff, sondern in Future-Kontrakte investiert, die einen zukünftigen Preis handeln. Massenbauer rät dennoch zu physischen Veranlagungen. Sie sollten rund 25 Prozent in einem Portfolio ausmachen. Einmal jährlich  sollte  der Anleger sein Rohstoff-Portfolio anpassen. „Nichts für die Ewigkeit liegen lassen“, lautet sein Ratschlag.

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