© REUTERS/ALESSANDRO BIANCHI

Wirtschaft
05/18/2021

Kryptowährungen: Warum sich das "Schürfen" in Europa nicht mehr lohnt

Bitcoin, Ethereum und Co. zu erzeugen, frisst mehr Strom, als ganze Staaten verbrauchen. Österreichische "Minen" gaben auf.

von Johannes Arends

Für Krypto-Fans war 2021 bisher ein besonderes Jahr, die unterschiedlichen Digitalwährungen sind seit Monaten in aller Munde, erreichten einen Rekordwert nach dem anderen. Doch dann das: Am Sonntagabend setzt Tesla-Chef Elon Musk einen Tweet ab, in dem er Zweifel an Bitcoin aufflammen lässt. Die Branche verfiel sofort in Panik, der Wert der bekanntesten Kryptowährung fiel von fast 50.000 auf knapp 42.000 Dollar - so niedrig war er seit Februar nicht mehr.

Es wird rückblickend wohl nur ein kleiner Dämpfer bleiben, denn die hohe Volatilität von Kryptowährungen macht für viele Anhänger den besonderen Reiz aus. Zudem verdienen sich inzwischen weltweit Menschen über Kryptowährungen ihren Lebensunterhalt. Nicht nur, weil sie mit ihnen handeln, sondern indem sie Bitcoin, Ethereum und Co. mithilfe leistungsstarker Rechner erschaffen - das sogenannte “Schürfen”.

Kryptowährungen basieren auf der Blockchain-Technologie. Neue digitale Münzen werden erschaffen, indem Nutzer die Rechenkapazität ihrer Computer für die Verschlüsselung von Transaktionen zur Verfügung stellen. Weil das Verschlüsseln mit der Zeit immer aufwendiger wird, bleibt das System sicher. Der Stromverbrauch steigt aber auch immer weiter. Als Anreiz, sich am Erhalt des Systems zu beteiligen, erhalten die Nutzer – je nachdem, wie viel Rechenkapazität sie beigesteuert haben – eine bestimmte Menge der jeweiligen Währung als Belohnung. Diese Belohnung wird vom System sozusagen "aus dem Nichts" geschaffen, also "geschürft".
Bei Bitcoin werden vom System aktuell pro generiertem Block, also ca. alle zehn Minuten, 6,25 Bitcoin auf die Nutzer aufgeteilt – das sind knapp 230.000 Euro. Der dabei verbrauchte Strom dient sozusagen als realer Gegenwert für die rein digitale Münze.

Das oberösterreichische Startup Bittex beispielsweise ist vor knapp vier Jahren ambitioniert gestartet: Im alten UNO-Shoppingcenter in der Nähe von Linz hat das Team um Gründer Simon Ehrenmüller innerhalb kürzester Zeit die damals wohl größte Serverfarm Zentraleuropas aufgebaut. Mithilfe von knapp 1.000 Rechnern mit je sechs Grafikprozessoren, in der Krypto-Branche “Rigs” genannt, wollte man in einer großen Computerhalle rund um die Uhr Ethereum “schürfen” - seit jeher hinter Bitcoin die Nummer zwei am Krypto-Markt.

Zunächst lief es gut, doch anders als erwartet: Weil die Kühlung der vielen Rechner in der voll betriebenen Halle irgendwann zu viel Energie verschlang, stellte Bittex außen mehrere Schiffscontainer auf, die mithilfe eines Umluftkonzepts gekühlt wurden - Ehrenmüller hatte es damals selbst entworfen. So konnte nicht nur die Temperatur überschaubar gehalten, sondern auch die Zahl der betriebenen Rigs insgesamt verdreifacht werden.

Doch schon bald kam der Wendepunkt: Durch einen rasanten Kursabsturz Ende 2018 rentierte sich das Geschäft bereits nicht mehr. Zu hoch waren die Kosten für Strom, Infrastruktur und Personal, zu niedrig der Wert des geschürften Ethereums. Damals entschied man sich, die Serverfarm stillzulegen - sie wurde nie wieder voll in Betrieb genommen. Der Fall zeigt, wie schnell Träume durch die extremen Kursschwankungen am Krypto-Markt platzen können.

“Das große Problem beim Schürfen sind nicht die Kosten bei der Anschaffung, sondern beim Aufrechterhalten der Infrastruktur. Man muss oft hunderttausende Euro an Stromkosten vorfinanzieren können, um negative Kursentwicklungen zu überbrücken”, erklärt Rudolf Engelsberger, der als externer Strategieberater für Bittex tätig ist, dem KURIER. “Das würde sich heutzutage in Europa, wenn überhaupt, nur für große Industriebetriebe als zusätzliche Einnahmequelle anbieten, die billige Stromverträge oder sogar ein eigenes Umspannwerk haben.”

Schürfen als Geschäftsidee war in Zentraleuropa also schon 2017 ein ziemlich riskantes Unterfangen, heute ist das nur noch an ganz wenigen Orten weltweit rentabel. Denn mit jeder neu geschürften digitalen Münze steigt der Stromverbrauch, der für das Erzeugen der nächsten nötig ist.

Hat China die Kontrolle?

Deshalb steht der absolute Großteil der Serverfarmen inzwischen in Ländern, in denen der Strom besonders billig ist. Neben einigen wenigen Ausnahmen in Osteuropa, Nordamerika oder Afrika ist das vor allem in China der Fall, wo Schätzungen zufolge 80 Prozent der weltweit neu geschürften Kryptowährungen entstehen.

Knapp 40 Prozent der in China betriebenen Serverfarmen werden in der Provinz Xinjiang betrieben, die in den vergangenen Jahren vor allem aufgrund der Unterdrückung der dort lebenden uigurischen Minderheit im Fokus stand. Dort ist nicht nur der aus etlichen Kohlekraftwerken generierte Strom unvergleichlich billig, wo meist Uiguren Zwangsarbeit verrichten müssen. Auch die in den Serverfarmen selbst angestellten Chinesen arbeiten für Niedrigstlöhne.

Muslimische Uiguren werden in China unterdrückt

“Der asiatische Markt ist da hemmungslos. Sie werden in Europa niemanden finden, der für vergleichbares Geld in einer Serverfarm arbeiten würde”, meint Engelsberger. “Alleine die Hitze, die durch die tausenden Rigs entsteht, ist enorm. Und ständig fallen einzelne Rechner aus und müssen gewartet werden.”

Doch nicht nur aufgrund der vorherrschenden Arbeitsbedingungen sorgt die Verlagerung der Serverfarmen nach China für massive Kritik. Wie eine kürzlich in Peking(!) veröffentlichte Studie zeigt, ist der Stromverbrauch der Schürfhallen inzwischen so enorm, dass er die Klimaziele der Volksrepublik für das Jahr 2030 ernsthaft gefährdet: Demnach sollen chinesische Serverfarmen schon 2024 für einen CO2-Ausstoß von knapp 130 Millionen Tonnen verantwortlich sein - mehr als doppelt so viel wie ganz Österreich.

Hinzu kommt, dass die Grundidee der Kryptowährungen - nämlich sich selbst regulierende, dezentrale Währungen zu sein - ad absurdum geführt wird, wenn sich deren Produktion zu einem Großteil in einem einzigen Land konzentriert. Die chinesische Regierung könnte somit mit energiepolitischen Entscheidungen direkt auf die Kurse von Bitcoin, Ethereum und Co. Einfluss nehmen. Diese Sorge ist bei westlichen Experten groß, weshalb manche US-Experten bereits im Bezug auf Bitcoin abfällig von der “Chinacoin” unken.

Und auch der große Elon Musk schrieb in der Nacht auf Montag auf Twitter: “Eine einzige Kohlemine in Xinjiang wird überschwemmt, Minenarbeiter kommen beinahe um und die weltweite Bitcoin-Produktionsrate sinkt um 35 Prozent. Klingt das für Sie dezentralisiert?”

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