Projektstandort ist das ehemalige Gelände der „Vereinigten Österreichischen Textil-Industrie Mauthner  Aktiengesellschaft“

© Kurier/Jeff Mangione

Wirtschaft Karriere
10/24/2021

Jobgarantie für Langzeitarbeitslose: Marienthal präsentiert erste Ergebnisse

Das Projekt "Marienthal reversed" soll neue Lösungen zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit aufzeigen. Das zeigt eine erste Analyse.

von Ornella Wächter

Dass es in einem kleinen Ecklokal in Wien Wieden am Dienstagabend um ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema ging, ließ sich auf den ersten Blick nicht vermuten. Nur ein kleiner Kreis an Menschen bekam den ersten Zwischenstand des Modellprojekts „Arbeitsplatzgarantie Marienthal“ präsentiert, das vor einem Jahr in Niederösterreich gestartet wurde und weltweit einzigartig ist.

Seit Oktober erhalten alle Langzeitarbeitslosen in der Gemeinde Gramatneusiedl bis 2024 einen Job. Die Betriebe, die bereit sind, neue Arbeitsplätze zu schaffen, werden mit 100-prozentiger Lohnkostenförderung unterstützt.

Für jene, die keinen Job in privaten Unternehmen finden, gibt es Stellen im gemeinnützigen Bereich. Die Frage, die mit dem Projekt beantwortet werden soll: Was passiert, wenn Menschen die lange arbeitslos waren, plötzlich wieder eine Beschäftigung haben?

"Marienthal reversed"

Gramatneusiedl hat bereits Erfahrung mit Sozialstudien. Bereits in den 1930ern wurde in der Gemeinde, damals noch Marienthal, eine Studie durchgeführt, bei dem ein Forscher-Team rund um Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit untersuchten. Die Studie wurde weltbekannt und gehört zu den Klassikern der empirischen Sozialforschung.

In der Begleitstudie des Modellprojekts, „Marienthal reversed“, durchgeführt vom Institut für Soziologie der Universität Wien, geht es um den umgekehrten Effekt. Wie verändert sich Lebenszufriedenheit, Berufsvorstellung, Selbstwirksamkeit, die finanzielle Situation oder die soziale Teilhabe von Langzeitarbeitslosen mit einer Jobgarantie?

Positive Reaktionen

Dazu wurden die Projektteilnehmer, zwischen 18 und 64 Jahre alt, in Interviews befragt. Obwohl erst zehn von bisher 25 Interviews analysiert seien, würden sich bereits erste positive Resultate abzeichnen, sagt Hannah Quinz, die am Forschungsprojekt beteiligt ist.

„Wir sehen auch, dass die Reaktion der Teilnehmenden auf das Projekt positiv ist – obwohl zu Beginn der Maßnahme eine große Skepsis vorhanden war.“

Gerade bei jenen mit besonders geringen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt aufgrund niedriger Bildungsabschlüsse, mehrfach unterbrochenen Erwerbsbiografien oder gesundheitlichen Einschränkungen, zeigen sich „erste positive Veränderungen“, so Quinz. „Sie möchten auf jeden Fall Teil des Projekts bleiben, es wird über mehr Antrieb, mehr Energie, mehr Freude und neues Selbstbewusstsein berichtet.“

Erfolgreiche Jobvermittlung

Sven Hergovich, Landesgeschäftsführer des AMS Niederösterreich und Initiator des Projekts, zeigt sich zufrieden: „Wir sehen, dass Teilnehmer sich gut entwickeln, dass sie motiviert sind und arbeiten wollen.“ Bisher sei etwa ein Drittel erfolgreich an Jobs auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt vermittelt worden.

Es sind vielversprechende erste Ergebnisse. „Sie helfen evidenzbasierte Lösungen zu finden, die in der Praxis funktionieren“, sagt Hergovich, dem es um nichts weniger geht, als die Abschaffung der Langzeitarbeitslosigkeit.

Diese ist seit der Corona-Krise in Österreich eines der größten Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Jeder dritte Arbeitnehmer ist von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Aktuelle Zahlen zeigen:

Im September waren rund 120.500 Menschen beim AMS gemeldet, die länger als ein Jahr keinen Job gefunden haben, im Vorjahr waren es in etwa genau so viele – insgesamt aber sind es um 28 Prozent mehr, als noch vor der Pandemie.

250 Millionen Euro Budget für 2022

Ein Budget von 250 Millionen Euro sind für 2022 für Langzeitarbeitslose reserviert, um damit Programme zu finanzieren, die bei der Jobsuche unterstützen sollen. Doch bereits 2023 soll das Budget wieder sinken – was für Kritik bei der Arbeiterkammer sorgte, da Langzeitarbeitslose in der Regel länger brauchen, um einen Job zu finden und sich am Arbeitsmarkt zu integrieren.

Gleichzeitig verursacht Arbeitslosigkeit auch Kosten. Laut AMS-Schätzungen sind es pro Kopf 30.000 Euro im Jahr. Das Modellprojekt soll nun untersuchen, ob die Kosten auch für das Schaffen von Jobs genutzt werden könnten und ob es sich lohnt, in eine Arbeitsplatzgarantie zu investieren. Die nächsten Ergebnisse werden Antworten liefern.

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