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Wirtschaft
03/11/2021

Hygiene Austria: "Die chinesischen Zettel haben wir weggeworfen"

Die Arbeiterkammer Wien berät ehemalige "Leiharbeiter" des Maskenherstellers Hygiene Austria. Es geht um den Verdacht des Lohndumpings.

von Kid Möchel, Patrick Wammerl, Dominik Schreiber

Der arbeitslose Anton H. (Name von der Redaktion geändert) wurde Ende Jänner 2021 von einer Leiharbeitsfirma mit Sitz in der Wiener Innenstadt telefonisch kontaktiert. Er suchte einen Vollzeitjob, sie bot ihm eine Beschäftigung an, arbeiten sollte er beim Maskenhersteller Hygiene Austria in Wiener Neudorf.

Sechs Euro netto sollten es anfangs pro Stunde sein, später sollten zehn Euro netto für die Akkord-Arbeit herausspringen.

!Die Sicherheitsfirma vor Ort hat uns Anweisungen gegeben, wie wir die Arbeit machen sollen und wie alles abläuft", sagt H. zum KURIER.

"Die Arbeit hat um sieben Uhr in der Früh begonnen, der Security hat uns am ersten Tag gesagt, hier sind die Masken und wir sollten sie umpacken von chinesischen in österreichische Schachteln. Jeden Tag haben wir Anweisungen bekommen, wie viele Paletten wir machen sollen."

Statt den chinesischen Beipackzetteln wurden deutsche in die Schachteln gelegt. "Die chinesischen Zettel haben wir weggeworfen", sagt H.

An die 50 Personen sollen mit dem Umpacken beschäftigt gewesen sein. "Es ist auch herumerzählt worden, dass einige Kollegen vor Ort schwarzarbeiten sollen", sagt H. Auch ein Russe soll dabei früher beteiligt gewesen sein. Aber das waren Gerüchte, die er nicht verifizieren konnte.

H. sollte jedenfalls einen Probemonat absolvieren und es wurde ihm zugesagt, dass man ihm den Arbeitsvertrag per Post zuschickt.

Nach 14 Tagen war Schluss mit der Arbeit, man lege eine Pause ein, hieß es. "Sie haben gesagt in ein, zwei Wochen melden sie sich wieder", schildert H. „Ich habe keinen Cent und keinen Arbeitsvertrag erhalten.“

Kein Wunder, denn H. wurde bei Sozialversicherung gar nicht angemeldet.

Gestern, Mittwoch, war H. bei der Arbeitskammer Wien, um sich rechtlich beraten zu lassen. Und er traf dort weitere Betroffene. "Die Leute waren bei unterschiedlichen Leiharbeitsfirmen beschäftigt und waren bei der Sozialversicherung entweder nicht gemeldet oder sie sind zum Teil nicht oder zu wenig bezahlt worden", sagt Arbeitsrechtsexpertin Andrea Ebner-Pfeifer von der Arbeiterkammer Wien zum KURIER. "Zum Teil haben sie Lohnabrechnungen, die einen Lohn unter dem Kollektivvertrag ausweisen. Es liegt also Lohndumping vor."

Die Arbeiterkammer versucht nun, den Betroffenen zu ihrem Recht und Geld zu verhelfen. Sie können sich unter arbeitsrecht@akwien.at melden.

Elf Angestellte

Bei den Experten der Arbeiterkammer steht das gesamte Geschäftsmodell der Maskenproduktion von Hygiene Austria in Misskredit. Besonders das Konstrukt mit einer hohen Zahl an Leihfirmen und den – gegenüber Angestellten – deutlich schlechter gestellten Leiharbeitern hätte schon viel früher ins Auge springen müssen.

"Das Verhältnis von 200 Leiharbeitern gegenüber elf fix angestellten Dienstnehmern bei Hygiene Austria in Wiener Neudorf ist mehr als auffällig. Das deutet darauf hin, dass hier von Anfang an nur kurzfristige Gewinne im Mittelpunkt standen und kein langfristiger Betrieb geplant war", erklärt Markus Wieser, Präsident der Arbeiterkammer Niederösterreich.

Um genau eine solche Ausbeuterei zu verhindern, müsste seiner Meinung nach bei der Arbeitskräfteüberlassung schon im Gesetz definiert sein, dass nur maximal zehn Prozent der Belegschaft aus Leiharbeitern bestehen darf.

Fälle aktenkundig

"In Unternehmen mit Betriebsrat ist es außerdem möglich, über eine Betriebsvereinbarung zu regeln, dass diese Mitarbeiter auch nach einem halben Jahr übernommen werden müssen", sagt Wieser. Mehrere Fälle von Arbeitern, die wochenlang bei der Hygiene Austria in Wiener Neudorf beschäftigt waren, aber kein Geld sahen, seien auch bei der AK NÖ aktenkundig und werden derzeit von Juristen der Arbeiterkammer Wien geprüft. Denn mehrere Leiharbeitsfirmen haben ihren Sitz in Wien.

Die Affäre um die Hygiene Austria wirkt sich nun auch auf die seriösen Hersteller aus. So spricht jene Firma, die an Palmers 20 Millionen chinesische MNS-Masken (aber keine FFP 2) geliefert hat, davon, dass nun Kunden Aufträge von ihnen stornieren wollen. Dabei ist diese Firma überhaupt nicht in die Affäre verwickelt.

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