Wirtschaft
11/05/2020

Ewald Nowotny: "Die richtige Medizin ist Liquidität"

Der Ex-Notenbanker sieht die Finanzpolitik in der Krise am meisten gefordert.

von Robert Kleedorfer

Ewald Nowotny (76) war bis Herbst des Vorjahres Gouverneur der Nationalbank. Vor dieser Tätigkeit hatte er schon bewegte Jahre hinter sich. So wurde er über Nacht Chef der Bawag, als die Bank wegen Fehlspekulationen vor der Pleite stand, und dann 2008 OeNB-Chef, ehe zwei Wochen später Lehman crashte. In seinem Buch „Geld und Leben“ blickt er auf viele Jahre in der Finanzbranche zurück. Für den KURIER Grund genug, über seine Erfahrungen und die Lehren für die aktuelle Krise zu sprechen.

KURIER: Sie haben schon in Ihrer Jugend viel mit Geld und Finanzen zu tun gehabt. Wie kam es dazu?

Ewald Nowotny: Ich habe in der Familie Verwandte gehabt, die sich mit Geld beschäftigt haben, die mir das ein bisschen nahe gebracht haben. Aber vor allem dann während meines Studiums habe ich mich intensiv mit diesen Dingen auseinandergesetzt.

Sie hatten auch schon in jungen Jahren ein Aktiendepot.

Ich hatte einen Onkel, der wollte aus mir einen Banker machen. Er hat mir zu meinem 15. Lebensjahr ein kleines Aktiendepot gegeben. Von dem ausgehend habe ich weiter investiert, soweit das möglich war. Über einen langen Zeitraum ist das sicher Erfolg versprechend. Man braucht aber einen längeren Atem und muss aufpassen, dass man sich sowohl nach oben als auch nach unten nicht von Hysterie treiben lässt. Es gibt ja auch Leute, die sagen, sie haben nur ein Sparbuch. Das ist aus dem Blick eines Ökonomen keine wahnsinnige Empfehlung.

Österreicher sind aber nicht sehr affin Wertpapieren gegenüber. Woran liegt das?

Ich glaube, sie haben historisch ein gewisses Finanzmisstrauen. Das ist auch nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die ältere Generation schon zwei Mal ihre Ersparnisse verloren hat. Darüber hinaus wird der gesamte Bereich als eine Art Mysterium gesehen. Das ist es sicherlich nicht, das kann man alles erklären. Und der dritte Punkt ist, dass es in der Vergangenheit immer wieder Fälle von Missbräuchen und Missständen gegeben hat.

Wenn sie die Finanzkrise von damals mit der aktuellen Situation vergleichen: was wiegt schwerer?

2008 handelte es sich um eine sehr ernste Krise. Wir hatten in der Europäischen Zentralbank die Befürchtung, dass das Weltfinanzsystem zusammen brechen kann. Jetzt haben wir die Krise nicht aus dem Bankensystem heraus, sondern extern aus dem Gesundheitssystem. Damit ist die Unsicherheit viel größer. Aber die Reaktion muss im Prinzip dieselbe sein: man muss versuchen, wieder größere Sicherheit zu schaffen. Das heißt, die Finanzpolitik muss die nötige Liquidität bereitstellen. Die richtige Medizin ist also dieselbe wie damals.

Alleine der Staat Österreich stellt dutzende Milliarden Hilfen bereit. Sind die überhaupt leistbar?

Sicherlich, auch weil wir derzeit ein sehr niedriges Zinsniveau haben. Die Zinssätze der zehnjährigen Staatsanleihen sind negativ, das heißt, die Geldaufnahme ist sogar ein Geschäft für Österreich. Man darf aber in dieser Situation nicht nur Löcher stopfen, sondern muss auch überlegen, wie es längerfristig weitergeht. Das ist sicher noch ausbaufähig, weil wir darüber hinaus auch Strukturprobleme haben, etwa in der Automobilindustrie.

Was halten Sie von den wirtschaftlichen Maßnahmen der Bundesregierung?

Ich glaube, sie hat richtig gehandelt, weil sie sich mit voller Energie gegen die Krise wendet. Ich bin aber sehr skeptisch, was die Diskussion rund um die sogenannten Zombieunternehmen betrifft. Natürlich gibt es vielleicht einige Unternehmen, die ein falsches Geschäftsmodell haben. Aber das kann man nur in konjunkturell guten Zeiten bewerten. Jetzt Unternehmen, wie etwa die Stadthotellerie abzudrehen, wäre ein Rückfall in ein gefährliches Denken der 30er-Jahre. Das heißt, man wäre bereit, Konkurse und Massenarbeitslosigkeit zuzulassen, in einem blinden Vertrauen in die Dynamik des Marktes. Das hat sich damals als katastrophal erwiesen und würde es jetzt auch. Jetzt braucht man einen langen Atem, um Unternehmen längerfristig zu unterstützen. Erst in normalen Zeiten soll der Markt seine Selektion machen. Ich glaube aber, die Menschen haben aus der Geschichte gelernt.

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