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Wirtschaft
04/18/2020

Die 800-Millionen-Euro-Frage: Brauchen wir die AUA noch?

Nein, sagen Steuerzahler, die ohnehin nie fliegen. Doch, kontern Experten. Sonst drohe „eine Katastrophe“.

von Simone Hoepke

Um 800 Millionen Euro kann man hochemotional streiten. Vor allem, wenn diese kolportierte Summe an die AUA gehen soll. Also eigentlich an den deutschen Lufthansa-Konzern, der die rot-weiß-rote Airline 2009 übernommen hat – inklusive einer Mitgift von 500 Millionen Euro.

Und jetzt soll schon wieder Geld in Richtung Frankfurt fließen, wettern die einen. Eine Frechheit, schließlich handelt es sich um Steuergeld. Und ein Drittel der Österreicher steigt laut einer VCÖ-Umfrage ohnehin so gut wie nie in ein Flugzeug. Trotzdem ist es eine Notwendigkeit, kontern die anderen. Denn was wäre Österreich ohne die Austrian Airlines?

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Zugegeben: Schon geschichtlich gesehen, florierte die Wirtschaft immer an Verkehrsknotenpunkten. Erst dort, wo Brücken Ufer verbanden, später an Eisenbahnknotenpunkten, heute dort wo es viele Flugverbindungen gibt. Nicht umsonst buttern Staaten Millionen in ihre Airlines – siehe Singapur oder auch die Golfstaaten.

Farbe der Strümpfe

Die Bedeutung der Flugverbindungen steht auch René Siegl außer Frage. Er ist Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA) und damit mit Betriebsansiedlungen internationaler Konzerne in Österreich beschäftigt: „Wir brauchen das Streckennetz der AUA“, sagt er. Dieses sei mit ein Grund, warum knapp 400 internationale Konzerne eine Niederlassung in Wien eröffnet haben und insgesamt rund 20.000 Menschen in der Stadt beschäftigen. „Bei der Frage, ob Stewardessen rote oder blaue Strümpfe tragen sollen, bin ich aber leidenschaftslos“, sagt Siegl. Nachsatz: „Da bin ich Marktwirtschaftler.“

Nicht ganz so emotionslos ist Peter Malanik, Präsident des Österreichischen Luftfahrtverbandes. Er war von 2008 bis 2012 Vorstand der Austrian Airlines und ist der Meinung, dass die Fluglinie gerettet werden muss, um den Wirtschaftsstandort abzusichern. Hier könne man sich nicht auf andere Airlines verlassen. „Nach Antalya, Barcelona oder Palma werden bestimmt andere Airlines fliegen, das sind ja die attraktiven Strecken.“ Also quasi die Autobahnen der Luft, auf der sich Billigairlines ein Wettrennen liefern.

Bedeutend für den Wirtschaftsstandort Wien sind aber vor allem auch die Langstreckenverbindungen und klassische Business-Strecken in den Osten, die sonst mangels großer Nachfrage schlicht wegfallen würden. Und damit auch die sogenannte „Drehscheibenfunktion“ des Flughafens Wien.

Das ist auch die Sorge von Norbert Kettner, Geschäftsführer des Wien Tourismus. Mehr als 80 Prozent der Touristen in der Bundeshauptstadt reisen aus dem Ausland an. „Knapp 50 Prozent mit dem Flugzeug, bei Kongresstouristen sind es sogar 75 Prozent“, rechnet Kettner vor. Bei der Frage, wo Kongresse über die Bühne gehen, seien die Flugverbindungen entscheidend. „Wenn ich den Organisatoren erklären muss, dass sie ‚nur‘ zwei Mal umsteigen müssen, um nach Wien zu kommen, kann ich mir die Präsentation gleich sparen.“ Der Wegfall der AUA-Verbindungen wäre aus seiner Sicht „eine Katastrophe. Nicht nur für den Tourismus, sondern für den ganzen Wirtschaftsstandort“.

Für den Ökonom Marcus Scheiblecker, der derzeit für einen IWF-Job beim Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) karenziert ist, ist eine Gegenleistung für die Rettung naheliegend. „Wenn der Staat ein Unternehmen rettet, hat er aus ökonomischer Sicht das Recht etwas dafür zu verlangen“, sagt er zur APA. Dieser Meinung ist auch Infrastrukturministerin Leonore Gewessler: „Wenn wir mehrere Hundert Millionen in die Hand nehmen, muss dieses Geld an Bedingungen geknüpft werden. Es ist Steuergeld, und der Steuerzahler muss davon etwas haben, wenn es dem Unternehmen wieder besser geht.“

Branche stürzt ab

Übrigens ist die AUA mit ihrem Ruf nach staatlicher Hilfe nicht allein. „Staatliche Unterstützung gibt es für die Luftfahrtindustrie in praktisch allen Erdteilen und Ländern, so hat etwa die USA bereits 28 Milliarden Dollar Soforthilfe bereitgestellt“, betont auch Günther Ofner, Vorstand der Flughafen Wien AG.

Der Mutterkonzern Lufthansa hat auch in Berlin um staatliche Hilfe angesucht. Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr verbrennt die Airline derzeit „ungefähr eine Million Euro“ ihrer Liquiditätsreserven – pro Stunde. Ohne staatliche Hilfe könne das nicht lange gut gehen.

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