Wirtschaft
28.01.2013

Streitfrage Lebensmittelpreise

Konsumenten kritisieren hohe Preise – gleichzeitig wirft jeder 19 Kilo Essen pro Jahr weg.

Die Lebensmittelpreise sind ein beliebtestes Diskussionsthema: „An der Supermarktkasse bekommt man immer weniger für sein Geld, alles wird teurer“, wird kritisiert. Die Zahlen der Statistik Austria scheinen das zu belegen: Der typische tägliche Einkauf hat demnach im Dezember 2012 um 4,1 Prozent mehr gekostet als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Spezialbrot war um 5,1 Prozent teurer, Schinken um 6,7 oder Paradeiser um acht Prozent.

Dass die Hälfte der Nahrungsmittel letztlich auf dem Müll landet, ist weniger oft Gesprächsthema. Jeder Österreicher wirft laut Statistik 19 Kilogramm essbare Lebensmittel im Jahr weg. In Summe ergibt das einen Berg von 157.000 Tonnen im Wert von mehr als einer Milliarde Euro. Pro Kopf macht das 300 Euro im Jahr. Am häufigsten landen Brot sowie Obst und Gemüse in der Tonne, geht aus den Zahlen des Lebensministeriums hervor.

Teufelskreis

Die Lebensmittelindustrie klagt angesichts solcher Zahlen über die „geringe Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln“. Der enorme Preisdruck der Supermärkte und Diskonter setze eine Preisspirale nach unten in Gang. Die Handelshäuser werben mit Bestpreisgarantien, 2+2-gratis-Aktionen oder gleich Rabatten auf ganze Warensortimente. Preiserhöhungen seinen für die Industrie – die unter steigenden Rohstoff-, Energie- und Transportkosten stöhnt – kaum durchsetzbar.

Die Arbeiterkammer rechnet Konsumenten dagegen regelmäßig vor, dass sie in Berlin billiger einkaufen könnten als hierzulande. „Wir berücksichtigen bei unseren Preismonitorings Aktionen, sofern sie nicht an Mindestmengen oder an eine Kundenkarte gebunden sind“, betont Gabriele Zgubic, Leiterin der AK Konsumentenpolitik. „Denn speziell die Bindung an Mindestmengen verlockt Konsumenten, mehr einzukaufen, als sie tatsächlich konsumieren können. Vieles landet letztlich im Müll.“

Die Händler weisen den Vorwurf, dass sie sich ein Körberlgeld verdienen, entschieden zurück. Vergleiche mit Deutschland seien sinnlos, weil niemand wegen des Wocheneinkaufs nach Deutschland fährt. Sie wären zudem unseriös. Höhere Steuern, Abgaben und Gehälter für österreichische Handelsbeschäftigte, eine kleinteilige Landwirtschaft, die nicht so billig produziert wie industrielle Kollegen aus Deutschland und viele entlegene Dörfer, deren Belieferung eben auch Geld kostet, sind nur einige Argumente. Zudem sei das Qualitätsniveau der Lebensmittel in Österreich höher und das habe eben ihren Preis. Billiges Essen gäbe es schlicht nicht. Irgendwer, ob Bauer, Verarbeiter, Händler oder Konsument, zahlt den Preis dafür, sind sich alle einig.

Schweinebörse-Chef Hans Schlederer forderte diese Woche, dass „Fair-Trade nicht bei Bananen aufhören darf“. Deutsche Schlachthöfe hätten einen Wettbewerbsvorteil von 30 Euro je Schwein, weil in Deutschland mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte Leiharbeiter seien und wegen fehlendem Mindestlohn oft um die Hälfte weniger verdienen als österreichische Schlachthofmitarbeiter.

Landwirtschaftskammer-Präsident Gerhard Wlodkowski verweist auf den gestiegenen Preisdruck auf Bauern. Die vielen Gütesiegel würden immer höhere Anforderungen an die Landwirte stellen und ihren Wertschöpfungsanteil senken. Wlodkowski: „Am Ende des Tages zahlen wir die Zeche.“

Kosten Lebensmittel zu viel oder zu wenig?

Niki Berlakovich, Landwirtschaftsminister:


„Die Österreicher geben heute rund zwölf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Im Jahr 1950 waren es noch 45 Prozent. Lebensmittel sind in Österreich noch immer sehr preiswert. Und das bei höchster Qualität aus bäuerlicher Hand. Damit es auch in Zukunft so bleiben kann, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen und Ausgleichszahlungen.“

Gabriele Zgubic, AK Wien:

„In Berlin sind die billigsten Lebensmittel im Schnitt um 14,1 Prozent billiger als in Wien. Die Frage ist, ob die Qualität bei uns wirklich höher ist, was bei Markenartikeln gar nicht möglich ist. Ob das Preisniveau eine Folge der Konzentration ist. Bei uns haben die großen drei Anbieter mehr als 80 Prozent Marktanteil, in Deutschland teilen sich die größten Fünf 76 Prozent des Marktes.“


Josef Domschitz, Referent Lebensmittelfachverband:

„Dass Lebensmittel noch immer zu billig sind, sieht man an der Tatsache, dass wir die Hälfte wegwerfen. Nahrungsmittelpreise orientieren sich an den weltweiten Rohstoffpreisen. Lebensmittel waren noch nie so sicher wie jetzt und noch nie so in der Kritik. Sie müssen als Schuldige für das Übergewicht und die Inflationsrate herhalten.“

Lebensmittel sind kostbar

In Österreich landen jährlich Lebensmittel im Wert von einer Milliarde Euro auf dem Müll. Weil das „inakzeptabel“ ist, startet Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich die Initiative „Lebensmittel sind kostbar“. Ziel: Die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

150 Experten aus den Bereichen Lebensmittelproduktion, Handel und Transport, Gastronomie, soziale Einrichtungen, Gebietskörperschaften, Abfallwirtschaft und NGOs schnüren bis Ende März einen Maßnahmenkatalog. Berlakovich: „Ziel ist es, bis 2016 die Lebensmittelverschwendung um ein Fünftel zu verringern. Denn Lebensmittel gehören auf den Teller und nicht in die Tonne.“

Mit dem Wettbewerb "Viktualia 2013" werden Wirtschaft, soziale Einrichtungen, Landwirtschaft und Schulen aufgerufen, Projekte einzureichen. Einsendeschluss ist Mitte März, die besten Projekte werden Ende April ausgezeichnet. Unternehmen wie LGV Frischgemüse, Österreichs größter Gemüseproduzent, engagieren sich bereits gegen Verschwendung. LGV spendet etwa 138 Tonnen Gemüse an Partner der Wiener Tafel, Vinzimärkte und Caritas.

Auch die EU ruft 2014 das Jahr gegen Lebensmittelverschwendung aus. In der EU werden jährlich 89 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Gleichzeitig leben 79 Millionen Bürger unter der Armutsgrenze, 16 Millionen sind von Zuschüssen karitativer Institutionen abhängig. Ziel ist die Halbierung der Verschwendung bis 2025.