© Kurier/Jeff Mangione

Wirtschaft
04/18/2020

Branchenblick: Nach fünf Corona-Wochen sind die Herausforderungen vielfältig

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Forstwirtschaft aus, Wie auf einen Hygienespezialisten wie Hagleitner? Sechs Branchen im Überblick.

von Daniela Kittner, Hermann Sileitsch-Parzer, Robert Kleedorfer, Irmgard Kischko

Der Lockdown des Landes trifft die Branchen unterschiedlich hart. Am nachhaltigsten sind die Folgen für den Tourismus. Es gibt aber Bereiche, die weniger betroffen sind. Zum Beispiel die Chemieindustrie, „die fährt mit 100 Prozent weiter“, meint ein Branchenkenner. Die Industrie generell ist zum Teil von Lieferschwierigkeiten betroffen, zum Teil gibt es Absatzprobleme.

Die Auswirkungen auf den Handel sind ebenfalls unterschiedlich. Der Lebensmittelhandel blieb geöffnet. Andere Händler können davon ausgehen, dass sie den versäumten Umsatz aufholen können. „Wenn sich jemand ein Möbelstück anschaffen wollte, wird er es dennoch tun, aber halt später“, meint ein Branchenkenner. Andererseits drücken steigende Arbeitslosigkeit und die Unsicherheit, wie es weitergeht, die Konsumlaune. Es wird auch von der Politik abhängen, ob sie nach der Krise beispielsweise mit Steuersenkungen den Konsum ankurbelt. Kalt erwischt es Geschäfte, die von Auslandstouristen abhängen.

Betroffen ist auch die Bauwirtschaft. Der Bauboom in Österreich wurde abrupt gebremst. Die grassierende Unsicherheit hält von Investitionen ab, die Erwartung, dass Bauen billiger wird, verschiebt Auftragsvergaben nach hinten.

Wirtschaftsexperten erwarten, dass in der Krise eingebürgerte Verhaltensweise auch danach beibehalten werden. So dürfte die Häufigkeit von Dienstreisen merklich abnehmen und durch Videokonferenzen ersetzt werden – wie generell der virusgetriebene Zwang zur Kontaktarmut einen Schub in Richtung Digitalisierung erwarten lässt.

Branchenblick: Wie österreichische Unternehmen durch die Krise kommen: 

Man könnte meinen, ein Hersteller von Desinfektionsmitteln ist jetzt Profiteur der Krise. Mitnichten, wie das Beispiel des Salzburger Konzerns Hagleitner zeigt. Die Produktion läuft derzeit rund um die Uhr, aber dennoch musste für 423 von 711 Mitarbeitern in Österreich Kurzarbeit angemeldet werden. Ihre Arbeitszeit verringert sich auf 10 bis 80 Prozent des Normalpensums. Die Maßnahme ist vorerst auf drei Monate veranschlagt. Betroffen sind der Vertrieb, die Logistik und die Verwaltung. Forschung, Entwicklung und Produktion bleiben unberührt und laufen zu 100 Prozent weiter.

„Die Nachfrage nach Desinfektion hat sich seit Ausbruch der Corona-Krise verzwölffacht“, sagt Unternehmensinhaber und Geschäftsführer Hans Georg Hagleitner. Jedoch seien wichtige Kunden wie Hotels, Restaurants, Schulen und Sportstätten geschlossen, was bis auf Weiteres zu Rückgängen im Vertrieb von Handtuch- und Industriepapier, Hygienespendern und Dosiergeräten führe.  

Klee

Das BMW-Motorenwerk in Steyr soll Ende kommender Woche die Produktion wieder aufnehmen. Zu diesem Entschluss sei man nach Überprüfung der Bedarfssituation und Einschätzung der Gesamtlage gekommen, teilte das Unternehmen mit. Ursprünglich war der Start schon für heute, Samstag, angestrebt worden. Die Produktion in Steyr, die Motoren für BMW-Fabriken in aller Welt liefert, sowie in allen europäischen und US-Werken des deutschen Herstellers ruht seit 18. März. Mit Anfang Mai soll sie wieder starten. Am größten BMW-Standort Shenyang in China laufen die Bänder seit Mitte Februar wieder.

In Steyr ist ein Großteil der rund 4.500 Mitarbeiter (inklusive Zeitarbeiter) in Kurzarbeit. Ausgenommen davon sind Mitarbeiter in der Fertigung von Gehäusen für Elektromobilität. 

Generell fahren die Autobauer ihre Werke langsam wieder hoch – und damit auch die Zulieferer. Bei Magna in Graz etwa läuft die Produktion seit 6. April, u.a. für BMW.

Klee

Die deutsche Henkel-Gruppe (Persil, Pritt, Somat, GlemVital) produziert in Wien in großem Stil Wasch- und Reinigungsmittel, die Exportquote liegt bei 85 Prozent.  

Im März hat der Konzern die Wiener Produktion im Vergleichsmonat des Vorjahres  um fast 30 Prozent nach oben gefahren. Grund dafür war die gestiegene internationale Nachfrage.

Dagegen war der Klebstoffbereich für Konsumenten und Handwerker von der Schließung der Baumärkte und zahlreicher Baustellen negativ betroffen. „Im Bereich Beauty Care Retail spüren wir insgesamt eine Kaufzurückhaltung, weil die Konsumenten ihre One-Stopp-Einkäufe in den Lebensmittelhandel verlagert haben“, sagt Konzernsprecher Michael Sgiarovello. Im Bereich Schwarzkopf Professional, hat die Schließung der Friseursalons das Geschäft komplett gestoppt.

Positiv sei aber, dass an den beiden Vorarlberger Standorten für Industrieklebstoffe (Dichtmittel) in Dornbirn und Hörbranz weiterhin produziert wird. 

sh
 

Der Klimawandel hat der Forstwirtschaft in ganz Europa massiv zugesetzt. Jetzt kommt auch noch der Nachfrageausfall durch die Corona-Krise dazu.  

80 Prozent der Holzernte der österreichischen Bundesforste waren im Vorjahr Schadholz. „Die Fichte hält der Trockenheit nicht stand. Sie verabschiedet sich aus den tiefen Lagen“, sagte Bundesforste Vorstand Rudolf Freidhager. Der Holzpreis war schon auf Talfahrt, die aktuelle Pandemie verstärkt den Abwärtstrend nun. Denn die Sägeindustrie, wichtige Abnehmerin der Forstwirtschaft, hat die Produktion massiv zurückgefahren. Der Export nach Italien steht still, die Logistik großteils ebenso. Statt drei Schichten wie im Vorjahr noch, fahren die Sägewerke derzeit nur eine Schicht.

Das heißt: Sie kaufen nur 450.000 bis 500.000 Festmeter und nicht wie im Vorjahr noch 1,4 Millionen Festmeter von den Forstbetrieben, führt Freidhager aus. „Wir erleben einen enormen Druck auf die Holzpreise“, so der Bundesforste-Vorstand. Etwa 57 Euro pro Festmeter frei Waldstraße würden derzeit lukriert.  Im Rekordjahr 2014 waren es noch 79 Euro. Wegen des Klimawandels rechnet Freidhager mittelfristig mit keiner  Entspannung. Viel zu viel Schadholz werde in den nächsten Jahren in ganz Europa auf den Markt kommen.

iko

Die rund 200 Betriebe in Österreich, die Produkte für die Solarthermie herstellen – Kollektoren, Speicher, Pumpen, Regler – könnten trotz der Vollbremsung der Wirtschaft nicht klagen.  

Mehr als die Hälfte der Betriebe hat in der Corona-Krise neue Aufträge bekommen, zitiert Roger Hackstock, Geschäftsführer des Verbandes Austria Solar, aus der jüngste Umfrage bei Mitgliedern.

Weil aber Montagearbeiten nicht möglich waren, mussten etwa zwei Drittel der Betriebe Aufträge verschieben. Stornos von Bestellungen gab es nur bei zwei der befragten Unternehmen.
Weil es der Branche vergleichsweise gut geht, gab es auch nur vereinzelt Kündigungen. Kurzarbeit mussten wegen der Montageverzögerungen  fast alle Betriebe anmelden. 

Die Auftragseingänge kommen laut Hackstock vor allem von Großkunden. Das sind etwa Industrieunternehmen oder Betreiber von Fernwärmeanlagen, die Solarwärme nutzen wollen.
Die rund 200 Unternehmen der Branche in Österreich– darunter Vaillant, Viessmann oder Greenonetech – schreiben rund 180 Millionen Euro Umsatz und beschäftigen 1.400 Mitarbeiter. Für das Hochfahren der Wirtschaft wünschen sie sich von der Regierung, den Fokus auf erneuerbare Energien zu legen.

iko

Da die Entsorgungswirtschaft zur systemrelevanten Infrastruktur  zählt, war sie von den angeordneten Betriebsschließungen nicht betroffen. Nur die Abfallsammelzentren waren geschlossen bzw. werden nun wieder langsam geöffnet. Den Stillstand in Industrie, der Gastronomie und Teilen des Handels spürt aber dennoch auch die steirische Entsorgerfirma Saubermacher.

Es fällt deutlich weniger Müll an. „Bei den Speiseresten und im Baubereich haben sich die Abfallmengen um rund 80 Prozent verringert“, sagt Saubermacher-Chef Ralf Mittermayr. Im kommunalen Geschäft, also bei den Haushaltstouren, hätten hingegen die Abfallmengen um bis zu 20 Prozent zugenommen und auch beim Lebensmittelhandel seien  die Verpackungsabfälle gestiegen. „Insgesamt sehen wir derzeit  in Österreich einen Geschäftsrückgang zwischen 25 und 30 Prozent.“ 

Da die Lage weiterhin volatil bleibe, so Mittermayr, setze Saubermacher zur Sicherung der knapp 2.000 heimischen Arbeitsplätze auf Kurzarbeit. Positiv sei, dass das Unternehmen vorerst über ausreichend liquide Mittel verfüge. Mittermayr geht davon aus, dass die Situation in den nächsten Wochen anhält und es erst in einigen Monaten wieder Normalbetrieb geben werde. Die Mitarbeiter in den Büros blieben bis auf Weiteres  im Homeoffice.

Klee


 

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