Tilman Fritsch begreift den Mund als Ort der Heilung.

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Warum uns kranke Zähne krank machen
11/04/2016

Warum uns kranke Zähne krank machen

Der deutsche Zahnarzt und Buchautor Tilman Fritsch macht den Mund zum Ort der Heilung. Im Sinne einer ganzheitlichen Medizin sei der Mundraum maßgeblich für die Gesundheit verantwortlich. Wissenschaftlich bewiesen ist das nur bedingt.

von Marlene Patsalidis

Was wäre der Mensch ohne Zähne? Diese Frage stellt Tilman Fritsch dem Leser gleich zu Beginn seines Buches "Der Mund als Ort der Heilung". Für den deutschen Zahnmediziner stehen die Zähne und deren Gesundheit im Zentrum des Menschseins. Obwohl in Fachkreisen längst bekannt sei, dass zahlreiche körperliche Beschwerden ihre Ursache in den Zähnen haben, werde krankhaften Prozessen in der Mundhöhle in der Praxis noch immer wenig Bedeutung beigemessen. "Leider suchen die wenigsten Zahnärzte mögliche Gründe für Beschwerden in den Mündern ihrer Patienten", schreibt Fritsch. Dabei stehe der Zahn in einer engen Beziehung zu den inneren Organen und wirke daher auch "in den Körper hinein". Tatsächlich sind sich Zahnärzte bis heute nicht einig, wie groß die Rolle der Mundgesundheit für den restlichen Körper ist.

Wechselwirkung umstritten

Dass die Mundhöhle eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der Gesundheit spielen kann, wurde tatsächlich in mehreren Studien nachgewiesen. Allerdings nur ansatzweise. Von aussagekräftigen Thesen und der Benennung von Kausalzusammenhängen sei man weit entfernt, wie Dr. Claudius Ratschew, Pressereferent der österreichischen Zahnärztekammer und selbst niedergelassener Zahnarzt, betont. "Eine vernachlässigte Mundhygiene kann natürlich Entzündungsprozesse im Zahnfleisch und im Kiefer verursachen. Dann hat man Bakterien im Mund, die da nicht hingehören." Diese Bakterien würden in weiterer Folge ins Blut ausgeschwemmt, wodurch wiederum verschiedenste Erkrankungen im Körper hervorgerufen werden könnten.

Zugeschrieben wird den Zähnen in der Wissenschaft vieles. In jedem Fall können Ratschew zufolge Herzerkrankungen mit Entzündungen im Mundraum verbunden sein. Auch eine Neigung zu Thrombosen, Gelenkschmerzen und Frühgeburten bei Schwangeren können theoretisch damit in Verbindung stehen. In der Schwangerschaft sei die Mundhygiene daher besonders wichtig.

Erst kürzlich hat eine großangelegte Studie der US-amerikanischen Virginia Commonwealth University mit 26.000 Probanden ergeben, dass Menschen, die sich keinen zahnmedizinischen Kontrollen unterziehen, ein um 86 Prozent höheres Risiko für Lungenentzündungen aufweisen. Studien, die einen Zusammenhang mit Atemwegsbeschwerden oder gar Lungenentzündungen andeuten, hält Ratschew dennoch für wenig glaubwürdig. "Solche Erkenntnisse muss man mit Vorsicht genießen", so der Zahnmediziner.

Unterschätzte Mundhöhle

Um den Ursprung bestimmter Krankheitsbilder zu erfassen und den Mund dabei nicht auszusparen, hat der praktizierende Zahnarzt die sogenannte NAM-Zahnheilkunde entwickelt. Dabei geht es nicht nur um die Folgen, die kranke Zähne für den Menschen haben können, beleuchtet werden auch die Auswirkungen einer falschen Ernährungsweise und verschiedene mechanische Prozesse im Mund. "NAM" steht für "neuro-anato-metabolisch", der Name ist bei dieser Methode Programm. Berücksichtigt werden sowohl neurologische Faktoren als auch die individuelle Körperstruktur und der Stoffwechsel. "Diese drei Bereiche hängen eng zusammen und sind für den psychischen und energetischen Zustand des Menschen entscheidend." Die Mundhöhle wird dabei zum zentralen Ort, an dem der Zahnarzt gemeinsam mit dem Patienten Entscheidendes für den Körper bewirken kann. Dem Patienten selbst will Fritsch Werkzeug in die Hand geben, das es ihm ermöglicht, den Mund täglich als Ort der Heilung für sich zu nutzen.

Gesunde Zähne, gesunder Mensch

Für Fritsch steht außer Zweifel, dass gesunde Zähne einen gesunden Köper bedingen – und umgekehrt. Bei der täglichen Mundpflege setzt der Autor daher auf ein umfassendes Konzept. Dem Zähneputzen räumt er dabei eine zentrale Rolle ein – "würden wir zuckerfrei essen und belastete Nahrung meiden, könnten wir uns Zahnbürste und Zahnpaste sparen". Da eine derartige Ernährung eher Wunschtraum als Realität ist, sei die Zahnpflege jedoch unumgänglich.

Den Großteil der sogenannten Pflegeprodukte rät Fritsch zu entsorgen. Mundspülung, weißmachende Zahncremes und fluorhaltige Zahnpasta möge man aus dem Badezimmer verbannen. Elektrische Zahnbürsten und Zahnseide seien empfehlenswert aber kein Muss – "das möge jeder für sich entscheiden". Mit der richtigen Technik, die vom Zahnarzt beigebracht wird, einer morgendlichen Zungenreinigung zur Entfernung von Giftstoffen und Ölziehen zur Bindung der Bakterien und Ausscheidung der Toxine hält man den Mund gesund. Ölhaltige Zahncremes und ein Öl-Mundspray komplettieren das Programm. Kombiniert mit einer stoffwechselgerechten Ernährung steht der Mundgesundheit so nichts mehr im Weg.

Praktisch keimfrei bleiben

Ratschew empfiehlt bei der täglichen Mundhygiene einen pragmatischeren Ansatz. "Gute Mundpflege, das heißt in erster Linie zwei Mal am Tag Zähne putzen, und zwar gründlich und ordentlich." Regelmäßige Besuche beim Zahnarzt, eine von diesem in regelmäßigen Abständen verordnete und durchgeführte Mundhygiene und die Reinigung der Zahnzwischenräume durch Zahnseide gehören auch dazu. Bei der Zungenreinigung rät Ratschew einfach mit der Zahnbürste mitzuputzen, von entzündungshemmenden Techniken wie Ölziehen hält er weniger. "Es schadet nicht, würde ich sagen, aber man kann die Bakterien damit wohl nicht namhaft verringern." Auch Rauchen gilt es zu vermeiden. Das verschlechtert die Durchblutung der Mundschleimhaut und macht sie anfälliger für Entzündungen.

Wesentlich sei aber auch die Ernährung, vor allem bei Süßem. Hier sind sich die beiden Mediziner einig. "Man muss sich gesund ernähren, das bedeutet ausgewogene Kost, natürlich auch manchmal Süßigkeiten, aber dann nur einmal am Tag und nicht immer wieder." Danach ist Zähneputzen Pflicht. Sollten Bakterien im Mund dennoch kurzzeitig überwuchern, so kann man Ratschew zufolge "kurzfristig mit Medikamenten behandeln", um das Problem dauerhaft zu lösen.

Buchtipp: "Der Mund als Ort der Heilung" von Tilman Fritsch, Irisiana Verlag, ISBN: 978-3-424-15302-6, um 16,99 Euro.