Shia Su lebt zusammen mit ihrem Mann seit zwei Jahren Zero Waste.

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Shia Su: Mein Leben ohne Müll
08/08/2016

Shia Su: Mein Leben ohne Müll

Shia Su bloggt über Zero Waste - und lebt dies auch. Ein Porträt einer Bloggerin und ihres ganz normalen, müllfreien Lebens.

von Marlene Patsalidis

Shia nimmt zwei Esslöffel aus der Roggenmehlpackung und rührt sie mit einem Schneebesen mit etwas lauwarmem Wasser in einer hellen Porzellanschale an. So lange, bis die Masse eine shampooähnliche Konsistenz hat. Dann steigt die junge Frau in die Dusche und wäscht sich mit dem Gemisch die Haare. Shias Shampoo kommt schon lange nicht mehr aus der Plastikflasche. Auch sonst sucht man im Badezimmer der Bloggerin vergeblich nach abgepackten und industriell hergestellten Pflegeprodukten. Neben waschbaren Abschminkpads findet man auf dem Regal Zahnseide aus echter Seide mit Bienenwachsbezug und eine selbstgemachte antibakterielle Mundspülung im Marmeladenglas. Und die Zahnbürste? Die ist bei Shia vegan – und kompostierbar. Das dazugehörige Zahnputzpulver macht die DIY-Künstlerin selbst. Dafür mischt sie Natron, Heilerde und Meersalz. Gegen den salzigen Geschmack hilft eine Prise Stevia und etwas zerbröselte Pfefferminze. All das – und noch so einiges mehr – ist für Shia Su ganz normaler Alltag. Denn die deutsche Bloggerin lebt Zero Waste.

Wie alles begann

Der Begriff "Zero Waste" bezeichnet eine Lebensweise, die auf die Reduktion von Müll ausgerichtet ist. Ziel ist, müllfrei zu leben. Für Shia bedeutet Zero Waste vor allem eins: den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. "Dazu gehört eben auch die Reduktion meines Mülls, denn der steht symbolisch für eine Form der Verschwendung unserer Ressourcen, weil wir so viel für die Tonne produzieren", so die Bloggerin.

Pro Tag produziert die Weltbevölkerung dem Fachjournal Nature zufolge an die 3,5 Millionen Tonnen Müll. Und es ist keine Kehrtwende in Sicht. Schätzungen zufolge könnte sich diese Menge bis zum Jahr 2100 sogar verdreifacht haben. Neben diesem Szenario gibt es auch noch andere beunruhigende Prognosen. So werde einer Studie der Ellen-MacArthur-Stiftung zufolge im Jahr 2050 mehr Plastikmüll als Fische in den Weltmeeren schwimmen. Zudem landet bereits jetzt ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel im Müll. Das geht aus einer Studie der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aus dem Jahr 2011 hervor. Spitzenreiter in puncto Müllproduktion sind Industrieländer in Europa und Nordamerika – hier wird mit Abstand am meisten Abfall verursacht. Unterm Strich werden durch die immense globale Abfallproduktion wertvolle Ressourcen verschwendet und die Natur dauerhaft geschädigt. Doch nicht nur Maßnahmenpolitik und nationenübergreifende Vereinbarungen müssen her – jeder Einzelne kann etwas tun. So wie Shia.

Begonnen hat alles vor etwa zwei Jahren mit einem Youtube-Video. Shia und ihr Mann Hanno lebten damals bereits seit längerem vegan und waren aktive Mitglieder der veganen Community. "2014 haben wir dann bei Facebook in einer veganen Gruppe einen Video-Beitrag über Bea Johnson gesehen. Sie gilt als Gründerin der Zero-Waste-Bewegung und wir dachten gleich: 'Das ist ja toll, wie viel Müll man eigentlich sparen kann!' So haben wir auch das erste Mal mitbekommen, dass man beim Einkaufen Dinge direkt abfüllen und portionieren lassen kann, ganz ohne Verpackung", erzählt die 32-Jährige.

Ab dann nahm alles seinen Lauf. Zunächst knöpften sich Shia und ihr Mann die wohnungseigenen Schränke vor. Aussortieren und bewusst konsumieren stand dabei auf dem Programm. "Unsere Kästen quellten quasi über. Die meisten Sachen hatten wir schon vergessen, weil wir sie irgendwann auf Vorrat gekauft hatten. Wir haben dann erst einmal schrittweise alle Vorräte aufgebraucht und nur das nachgekauft, was wir wirklich gebraucht haben", erinnert sich die in Bochum lebende junge Frau.

Schritt für Schritt

Die erste echte Herausforderung stellte das Einkaufen selbst dar. "In Deutschland war das erst einmal gar nicht so einfach. Es gab damals einfach keine Einkaufsoptionen oder Unverpackt-Läden", so Shia. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert, so wie auch Shias Lebensstil an sich. Was mit einer engagierten Idee und zielstrebigem Willen begann, hat über die Monate und Jahre Form angenommen. "Wir haben anfangs einfach geschaut, was wir direkt in unserem Alltag verändern und einbauen können. Wir hätten aber damals nie gedacht, wie weit das gehen könnte. Das ist dann quasi ausgeartet, weil wir immer wieder neue Möglichkeiten entdeckt haben, wie man Müll vermeiden kann", beschreibt sie. Was nach elf Monaten Zero-Waste-Leben übrig blieb, ist beachtlich: Der gesamte Plastik- und Restmüll der beiden passte in ein 750-ml-Einweckglas – "und da ist noch Luft", so Shia.

In ihrem Umfeld wurde Shias Lebensentscheidung gar nicht großartig kommentiert. "Wir hatten ja vorher schon so einen gewissen Öko-Einschlag. Klar, wenn man sagt 'Wir reduzieren jetzt unseren Müll' hat erst einmal keiner eine Ahnung, was das bedeutet. Da wir das alles Schritt für Schritt gemacht haben, war es nie so krass sichtbar. Man merkt das aber auch heute nicht, weil es nicht offensichtlich ist."

Auch auf die Frage, wie weit sie mit ihrem Zero-Waste-Ansatz gehe, hat die 32-Jährige eine klare Antwort: "Bei Zero Waste geht es mir darum, mir an die eigene Nase zu fassen. Ich bin keine Politikerin oder Konzernchefin. Ich kann keine Gesetze erlassen oder entscheiden, dass ab jetzt überall die Produkte in weniger Plastik verpackt werden. Worüber ich als Konsumentin tatsächlich direkte Kontrolle habe, ist mein eigenes Konsumverhalten. Direkte Kontrolle hat man als Konsument eben nur auf den letzten Schritt in der ganzen Lieferkette."

Dort, wo noch keine Einsicht herrscht, versucht Shia mit Engagement ein Umdenken zu provozieren. So kommt es schon mal vor, dass die Bloggerin Hersteller und Geschäftsinhaber direkt anschreibt und beispielsweise ihr Wissen über alternative Verpackungsmaterialien teilt oder schlichtweg um weniger Verpackung bittet. "Bei nachhaltigeren Onlineshops rege ich die Ergänzung der Produktbeschreibung um die Art der Verpackung an. Man ist ja maßgeblich auf die Information angewiesen, die einem der Shopbetreiber zur Verfügung stellt", erzählt Shia.

Der Müll lauert überall

Auch heute gibt es noch Bereiche, in denen es Shia schwer fällt, Müll gänzlich zu vermeiden. Wer jetzt an Kosmetik, die weibliche Monatshygiene oder den täglichen Coffee-to-go denkt, ist auf dem Holzweg. Für diese "Probleme" hat die Deutsche schon längst Lösungen gefunden. Immerhin gibt es ja abwaschbare Abschmink-Pads, natives Olivenöl als Hautcreme-Ersatz, wiederverwendbare Menstruationstassen und To-go-Becher aus Edelstahl. Im Alltag steht Shia in puncto unvermeidbarem Müll vor einer ganz anderen Challenge: Kassenbons. "Was bis heute ein Problem ist, sind Kassenbons. Man soll die ja nicht im Papier recyceln, weil sie eine BPA-Beschichtung haben (Bisphenol A wird als Hauptbestandteil bei der Herstellung von Kunststoffen eingesetzt und gilt als gesundheitlich bedenklich, Anm.). Das BPA geht nämlich sonst ins Grundwasser. Also da tun wir uns wirklich schwer, weil man ja immer einen Kassenbon bekommt, egal ob man einen Kaffee kauft oder mal Essen geht", so Shia.

Keine Angst vor Zero Waste

Angehenden Zero-Wastlern will Shia vor allem die Angst vor dem ersten Schritt in Richtung Müllreduktion nehmen. Der Anfang muss nämlich ganz und gar nicht schwer sein. "Vieles hat man meistens schon daheim – wie zum Beispiel den berühmten Jutebeutel. Den verwenden wir zum Beispiel fürs Brotkaufen, oder wenn wir Reis oder Linsen einkaufen. Was man vielleicht auch zuhause hat sind Wäschenetze. Die benutzen wir um Obst und Gemüse einzukaufen. Wenn man lose Waren abfüllt, kann man Gläser benutzen, die man sich quasi 'erfuttert' hat, sprich, wo vorher etwas anderes drinnen war und man es nach dem Verzehr aufhebt und weiterhin verwendet."

Auch unterwegs kann man ganz leicht Müll vermeiden. Kaffeeliebhaber sollten immer einen eigenen Kaffeebecher dabei haben. Plant man morgens einen Gang zum Bäcker, so nimmt man am besten einen Brotbeutel mit. Auch ein faltbares Einkaufssackerl, eine plastikfreie Wasserflasche aus Edelstahl oder Stofftaschentücher sollten zur Grundausrüstung gehören.

Generell gilt es im Alltag achtsamer zu sein. Warum Papiertickets für Bus, Bahn und Co. kaufen, wenn man inzwischen Online-Tickets bekommt, wo es ausreicht, den scannbaren QR- oder Strichcode auf dem Smartphone vorzuzeigen? Und warum planlos durch den Supermarkt streunen, wenn man sich ganz easy eine übersichtliche Einkaufslist schreiben kann, die (teure) Fehlkäufe im Keim erstickt. Und wenn man unterwegs mal Lust auf einen Snack aber kein passendes Behältnis dabei hat, dann setzt man sich am besten einfach hin und isst entspannt vor Ort. Auch das kann Teil von Zero Waste sein.

Inspiration im Internet

Doch Shia will und wollte nicht nur in ihrem eigenen Leben aufräumen, sie will auch andere Menschen inspirieren. Mit ihrem Blog Wasteland Rebel bringt sie ihren Lesern seit gut zwei Jahren ihren Lebensstil mit praktischen Tipps, umfangreicher Information und spannenden Selbsterfahrungsberichten näher. Nebenbei führt die 32-Jährige auch den veganen Back-Blog Cake Invasion. Zudem bietet Shia Lesungen und Workshops an. Kürzlich hat sie sogar ein Buch auf den Markt gebracht. "Zero Waste – Weniger Müll ist das neue Grün" heißt der Ratgeber, der vollgepackt mit anfängerfreundlichen Tipps ist. So leistet Shia wichtige Aufklärungsarbeit und zeigt, dass Zero Waste weder kompliziert noch uncool ist. Ganz im Gegenteil. "Ich habe den Eindruck, dass meine Leser vor allem mit den kleinen alltagsnahen Tipps viel anfangen können – so können alle an einigen Stellen ihre Gewohnheiten umstellen, ohne gleich vom einen auf den anderen Tag das ganze Leben umzukrempeln", so die Autorin.

Kritiker, die hinter einer Umstellung auf einen müllreduzierten Lebensstil viele Extrakosten und Aufwand vermuten, kann die Deutsche beruhigen: "Eigentlich spart das sogar Geld und Zeit, weil man seine Zeit nicht mehr zwischen Ladenregalen verbringt. Einzelne Lebensmittel sind mal teurer, aber dafür sind andere Sachen günstiger oder werden gar nicht mehr benötigt. Zum Beispiel brauchen wir keine Einwegspülschwämme und -wattepads mehr."

Anregungen für ihren Blog holt sich die 32-Jährige auf thematisch verwandten Websites, über Selbsttests oder direkt von ihren Lesern. Mit ihrem breitgefächerten Profil ist Shia damit nicht nur am Puls der Zeit, sondern holt interessierte Menschen auch genau dort ab, wo sie es sich wünschen.