Chronik
11.04.2016

Moderne Greißlerei in Graz: Grammgenau und unverpackt

Freundinnen wagen mit moderner Greißlerei den Weg in die Selbstständigkeit.

Verena ist studierte Kunsthistorikerin. Sarah hat einen Master-Abschluss als Umweltsystemwissenschafterin. Beruflich hat es die beiden Steirerinnen allerdings in eine ganz andere Ecke verschlagen: Sie haben eine moderne Greißlerei.

Demnächst sperren Verena Kassar und Sarah Reindl "Das Gramm" in der Grazer Innenstadt auf. Dort gibt es die Lebensmittel ohne überflüssige (Plastik-)Verpackung. Der Name gibt das Geschäftsmodell vor: Vom Mehl über Linsen bis zu Gewürzen und Popcorn ist die Ware lose und grammgenau zu haben. Milch gibt es in Glasflaschen, Eier stückweise und Fleisch auf Vorbestellung nach Schlachtplan des Bauern. Verpackt wird in Papier oder im eigenen Geschirr des Kunden, zum Heimtragen dienen Stoffsackerln.

"Einkaufen nach Bedarf, damit nichts weggeschmissen werden muss", beschreibt Verena das Konzept. Damit treffen die Jungunternehmerinnen den Zeitgeist; Nachhaltigkeit, Plastikmüll und nicht benötigte Nahrungsmittel im Abfall werden verstärkt zum Thema.

Singles und Senioren

"Das ist halt auch gerade in und es passt für viele, ältere Menschen, Singles, Leute, die nachhaltig einkaufen wollen", zählt Verena auf. "Mich wundert ja, dass das noch keiner in Graz vor uns gemacht hat", überlegt Sarah: Sie geht seit Jahren mit der Idee schwanger, seit sie vom Berliner "Original Unverpackt"-Laden hörte. "Das Gramm" wird das erste Geschäft dieser Art in Graz sein: Eröffnet wird Ende des Monats, der exakte Tag steht noch nicht fest.

Verena tauchte vor einem Jahr in das Projekt ein. "Wir haben die Entscheidung getroffen, das einfach gemeinsam zu machen. Und dann einen Schritt nach dem anderen", beschreibt Verena, die auch einige Jahre im Marketingbereich gearbeitet hat. Noch wird umgebaut im Geschäftslokal: Das Lastenfahrrad, das sich die Kunden ausborgen können, steht noch beim Händler, die Ware muss erst geliefert werden. Apropos Ware: Viele kleine regionale Produzenten haben die Steirerinnen aufgetan und im Vorfeld besucht. "Das war wirklich schön, zu sehen, wie etwas hergestellt wird", erinnert sich Verena.

Vergeudet wird nichts: Was nicht verkauft wird, wird im Laden verkocht oder verbacken. Das soll eine Köchin übernehmen oder hin und wieder die Chefinnen selbst. "Das ist ja das Lässige, dass man machen kann, worauf man Lust hat", meint Verena. "Das kann ein normaler Job gar nicht erfüllen."

Finanziert haben sie ihr Projekt durch Crowdfunding: Binnen eines Monats waren 60.000 Euro aufgestellt, binnen 24 Stunden war die Schwelle von 20.000 Euro überschritten. 870 Investoren ließen sich von der "Greißlerei 2.0" überzeugen. "Jetzt bin ich gespannt darauf, die Leute dann auch einmal zu sehen", hofft Verena auf Besuche der Investoren. Sarah fühlt sich vor der Eröffnung "wie vor einer Tanzaufführung. Ich hab’ das Gefühl, ich hab’ jetzt genug geübt, jetzt kann ich’s."

Link

www.dasgramm.at

Vorbilder aus Berlin und London

International

Im September 2014 wurde der „Original unverpackt“-Supermarkt in Berlin eröffnet, ebenfalls von zwei Freundinnen und nach einer Crowdfunding-Aktion. In London machte 2007 „unpackaged“ auf.

National

In Wien gibt es mit „Lunzers Maß-Greißlerei“ ebenfalls ein Lebensmittelgeschäft, das auf unverpackte Ware setzt. In Linz setzt „holis Markt“ so ein Konzept um.