Für Schwangere gibt es dutzende Ernährungsempfehlungen.

© pojoslaw/iStockphoto

Ernährung in der Schwangerschaft: Der Mythencheck
09/25/2016

Ernährung in der Schwangerschaft: Der Mythencheck

Für Schwangere gibt es dutzende Ernährungsempfehlungen. An welche man sich halten und welche man getrost vernachlässigen kann, erklären drei Expertinnen.

Während der Schwangerschaft ganz bewusst auf die Ernährung zu achten ist richtig und wichtig. Über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt bestimmter Ernährungsempfehlungen herrscht jedoch bei vielen Unwissen.

Die Wahrheit über Dos & Don'ts

In ihrem neu erschienenen Buch "Mein Baby isst mit - Die besten Rezepte für die Schwangerschaft" haben die Ernährungsberaterin Ariane Hitthaller, die Ernährungswissenschafterin Lisa Kerschbaumer und die Medizinjournalistin Petra Ruso die besten Gerichte für Mutter und Kind während der Schwangerschaft ausgewählt. Gespickt mit Tipps, Zubereitungshinweisen und Hintergrundinfos zu Dos und Don'ts der Ernährung stellt das Buch ein praktisches Handbuch für Schwangere und die ganze Familie dar.

Im Mythencheck von kurier.at geben die drei Expertinnen Auskunft über gesundheitlich relevante Ernährungsvorgaben und weitverbreitete Irrtümer.

1. Schwangere müssen für zwei essen.

Nicht selten wird schwangeren Frauen bereits vor dem Erreichen des ersten Trimesters geraten, unbedingt auf eine ausreichende Nahrungsaufnahme "für zwei" zu achten. Viele Frauen neigen daher dazu bereits unmittelbar nach der Bestätigung der Schwangerschaft dazu nicht nur anders, sondern auch viel mehr zu essen. Geht hier Quantität tatsächlich vor Qualität?

In vielen Familien herrscht immer noch der Glaube, dass während der Schwangerschaft die doppelte Menge gegessen werden soll. Spätestens ab Beginn der Schwangerschaft sollte aber das Motto gelten: "Doppelt so gut, statt doppelt so viel!". Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt gekommen um besser auf die eigene Ernährung zu achten, denn die Ernährung während der Schwangerschaft hat einen wichtigen Einfluss auf die spätere Gesundheit des Kindes.

Schwangere brauchen nur durchschnittlich 250 kcal mehr pro Tag, bei Zwillingen oder Mehrlingen muss entsprechend mehr Energie aufgenommen werden. 250 kcal entsprechen in etwa einer Banane und einem Joghurt oder einem Vollkornweckerl mit etwas magerem Käse und Gurke. Also nicht besonders viel!

2. Schwangere haben seltsame Gelüste.

Das klassische Bild einer schwangeren Frau mit Essiggurke in der einen und Schokostück in der anderen Hand ist weit verbreitet. Neben dieser bekannten Kombination sollen Frauen während der Schwangerschaft generell zu einem mitunter absurden Ernährungsverhalten neigen. Auch der nicht zu bändigende Heißhunger auf ganz bestimmte Lebensmittel gilt gemeinhin als Begleiterscheinung beziehungsweise Anzeichen einer Schwangerschaft. Ist da wirklich etwas Wahres dran?

Wissenschaftlich belegt ist Heißhunger während der Schwangerschaft noch nicht, aber ein möglicher Zusammenhang zwischen Verlangen nach bestimmtem Essen und Nährstoffdefiziten wird heiß diskutiert. In der Praxis sehen wir oft, dass die Lust auf süße, salzige oder fettige Speisen zunimmt und zwar in sehr eigentümlichen Kombinationen. Wer weiß, vielleicht verlangt der Körper nach Salzigem, weil er gerade Natrium braucht oder nach Obst weil Vitamin C fehlt? Wichtig ist es mit Maß und Ziel an die Sache heran zu gehen und nicht zu übertreiben. Ein selbstgemachtes Popcorn oder ein selbstgemachter Smoothie sind sicherlich besser als Chips und schwere Milchshakes.

3. Schwangere dürfen keinen Tropfen Alkohol trinken.

Kleine Mengen Alkohol in der Schwangerschaft, ja oder nein? Bei diesem Thema gehen die Ansichten von Experten und Medizinern nach wie vor auseinander. Während die Einen ein "Schlückchen in Ehren" als absolut verzeihenswert beurteilen, raten andere strikt von jeglichem Alkoholkonsum ab. Was stimmt wirklich?

Von Alkohol in der Schwangerschaft ist strikt abzuraten und zwar schon bei kleinen Mengen. Am besten man verzichtet auf alkoholische Getränke während der Schwangerschaft gänzlich, denn die Entwicklung des Kindes kann stak beeinträchtigt werden und das Risiko für Frühgeburten steigt. Keine der großen Fachgesellschaften hat bis dato einen sicheren Schwellenwert für Alkohol während der Schwangerschaft festgelegt, weil es diesen schlichtweg nicht gibt. Das Risiko für negative Effekte ist zu hoch. Kleiner Hinweis: Auch beim Kochen sollte während der Schwangerschaft kein Alkohol genommen werden. Je nach Zubereitungsart kann der Restalkohol in den Speisen beträchtlich sein. Deshalb ist das Kochen mit Alkohol auch für die kindgerechte Küche nicht geeignet.

4. Schwangere leiden in den ersten drei Monaten an Übelkeit.

In Filmen gern als sicherer Hinweis auf einen Schwangerschaft verkauft, ist die Morgenübelkeit im kollektiven Gesellschaftsgedächtnis eng mit der Schwangerschaft verknüpft. Auch eine erhöhte Geruchsempfindlichkeit wird Schwangeren gerne attestiert. Doch neigt wirklich jede Frau in den ersten drei Monaten zu Übelkeit und Erbrechen?

Jede Schwangerschaft ist individuell und einzigartig. Und so ist das auch bei Schwangerschaftsbeschwerden. Manche Frauen leiden vor allem im ersten Schwangerschaftsdrittel unter Übelkeit oder sogar Erbrechen. Das liegt vor allem an der hormonellen Umstellung. Ab der 12-14. Schwangerschaftswoche werden die Beschwerden in der Regel deutlich besser. Vielen Frauen hilft es vor dem Aufstehen schon eine Kleinigkeit zu essen (Zwieback, Vollkornkekse) oder ein wenig Ingwertee zu trinken.

Eine Schwangerschaft kann zu vorübergehenden Veränderungen im Geruchs- und Geschmackssinn führen. Eine erhöhte Geruchsempfindlichkeit ist also in vielen Fällen ganz normal.

5. Nahrungsergänzungsmittel sind für Schwangere Pflicht.

Folsäure, Eisen, Magnesium und Co.: Vielen Schwangeren wird gleich zu Beginn der Schwangerschaft zur Einnahme von Vitamin- und Mineralstofftabletten geraten. Ist das wirklich sinnvoll und wichtig, oder kann der erhöhte Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen auch über die Ernährung gedeckt werden?

Der Bedarf an vielen Mikronährstoffen nimmt während der Schwangerschaft zu, kann aber in den meisten Fällen durch eine bunte und abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl gut gedeckt werden. Gerade deshalb ist nun Qualität so wichtig! Bei Eisen, Folsäure und Vitamin D beispielsweise ist der Mehrbedarf um einiges höher und Kombipräparate können hier angebracht sein. Das sollte aber in jedem Fall mit dem Arzt abgesprochen werden, denn nur er kann richtig abschätzen was benötigt wird und was nicht. Darüber hinaus ist in der Regel eine ausgewogenen Ernährung vollkommen ausreichend.

6. Kaffee ist für Schwangere tabu.

Für viele Frauen ist es die schwerste Form des Verzichts: Kaffee soll dem Kind während des Wachstums im Bauch schaden. Schwangeren wird daher oft gänzlich vom Genuss des koffeinhaltigen Heißgetränks abgraten. Ist Kaffee wirklich gefährlich fürs Kind und wenn nicht: Wie viel kann täglich ohne schlechtes Gewissen getrunken werden?

Hier gibt es gute Neuigkeiten, denn Kaffee in kleinen Mengen ist vertretbar. Zwei bis drei Tassen pro Tag – sofern diese auch vor der Schwangerschaft getrunken worden sind - werden toleriert. Das gilt übrigens auch für schwarzen oder grünen Tee. Wer völlig darauf verzichtet hat vielleicht zusätzlich den Vorteil weniger mit Sodbrennen und Unruhe zu kämpfen. Viele Frauen haben gerade zu Beginn der Schwangerschaft gar keine Lust auf Kaffee. Unser Körper zeigt uns recht gut was er braucht und was nicht. Gesüßte, koffeinhaltige Getränke (Energydrinks) sollten übrigens gänzlich gemieden werden.

7. Beim Essen müssen Schwangere auf einiges verzichten.

Keine Salami oder roher Fleisch, kein Tiramisu oder rohe Eier, kein Weichkäse, keine abgepackten Salate, keine Rohmilchprodukte, keine chininhaltige Getränke (wie Bitter Lemon), keine streng vegetarische oder vegane Kost: Ernährungstechnisch gibt es in der Schwangerschaft jede Menge Tabus. Welche dieser Lebensmittel sollten wirklich nicht gegessen werden und bei welchen Ernährungsempfehlungen kann man getrost ein Auge zudrücken?

Während der Stillzeit wird alles wieder einfacher aber gerade in der Schwangerschaft sollten zum Schutze des Kindes und der Mutter manche Lebensmittel und Speisen vermieden werden. Rohe und halb durchgegarte Produkte wie Rohwürste, Beef Tatar, Sushi, Rohmilchkäse sowie rohe Eier und Speisen die daraus hergestellt werden (Tiramisu, Mayonnaise etc.) zählen dazu. Die Gefahr einer Lebensmittelinfektion ist einfach zu groß. Das gleiche gilt für vorgeschnittene und abgepackte Salate, denn da können sich Mikroorganismen in bedenklich hoher Anzahl ansammeln. Lieber alles gut durchkochen und –garen und frische Salate kaufen, die selbst sorgfältig gewaschen werden.

Schwangere Vegetarierinnen sind jetzt besonders gefordert auf eine ausreichende Nährstoffversorgung zu kommen. So ist vor allem auf eine adäquate Eiweißzufuhr zu achten. Mit ein bisschen Geschick und dem nötigen Wissen ist das aber leicht möglich. Bei Veganerinnen wird es nochmals schwieriger. In einer Stellungnahme der DGE von April 2016 zum Thema Veganismus wird erneut explizit während der Schwangerschaft davon abgeraten. Das Risiko eines Nährstoffmangels (Vitamin B12, Vitamin D, Zink und Eisen) ist sowohl für die Mutter als auch für das Ungeborene zu groß. Wer aber dennoch nicht darauf verzichten möchte, sollte zusätzlich die Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel mit dem Arzt besprechen.

Buchtipp: "Mein Baby isst mit - Die besten Rezepte für die Schwangerschaft", von Ariane Hitthaller, Lisa Peterlik (jetzt Kerschbaumer), Petra Ruso, Verlag: Facultas / Maudrich, EUR 20,60, ISBN 978-3-99002-035-7.