Rodel-Star Egle: „Willst du da unten im Loch bleiben?“
Die zwei Welten von Madeleine Egle: Im März schloss die Tirolerin ihr Studium ab, im November feiert sie nach Dopingsperre ein Comeback.
Vor einem Jahr brach für Madeleine Egle eine Welt zusammen. Die neunfache Medaillengewinnerin im Kunstbahnrodeln wurde rückwirkend für 20 Monate gesperrt, nachdem sie innerhalb eines Jahres drei Dopingtests verpasst hatte.
Madeleine Egle nützte die Zwangspause, um ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften abzuschließen und erste Einblicke in die Berufswelt zu erlangen.
Nun zieht es die 27-Jährige aber zurück in den Eiskanal, wenn im November die Sperre abläuft, wird Madeleine Egle ihr Comeback feiern. „Ich habe mich entschieden, es noch einmal zu probieren.“
Madeleine Egle gewann zwei Olympia-Medaillen, bei Weltmeisterschaften rodelte sie vier Mal auf das Stockerl
KURIER: Was treibt Sie an?
Madeleine Egle: Ich bin sehr gespannt, was auf mich zukommt: Werde ich beim Rodeln noch das Gleiche fühlen, wie vor eineinhalb Jahren? Ist mir der Sport tatsächlich noch so wichtig wie damals? Ich versuche jedenfalls Spaß zu haben und es mit Freude anzugehen.
Spielt die Heim-WM im Feber in Igls eine Rolle?
Nicht wirklich. Ich möchte in erster Linie selbst entscheiden, wann ich aufhöre und meine Karriere beende. Und nicht durch ein Urteil und eine Sperre. Sollte ich die Qualifikation für das Team nicht schaffen, dann bin ich selbst dafür verantwortlich. Damit könnte ich dann abschließen.
Sie sind im März 2025 das letzte Mal auf einem Schlitten gesessen: Kann man das Rodeln eigentlich verlernen?
Ich habe keine Ahnung, ich war ja auch noch nie so lange weg. Es hat in der Zwischenzeit Materialänderungen gegeben, ich weiß nicht, wo ich umgehe. Im vergangenen Jahr habe ich das Rodeln in meinem Kopf in die hinterste Ecke gestellt und mir bis auf Olympia kein Rennen angesehen. Aus Selbstschutz.
Wie ist es Ihnen während der Sperre gegangen?
Ich habe schon einige Zeit gebraucht, um mich zu sammeln. Weil ich mein großes Ziel aus den Augen verloren habe und mir meine große Leidenschaft genommen wurde. In den ersten zwei Monaten habe ich eine große Leere gespürt.
Wie hat sich das geäußert?
Ich hatte Probleme, in der Früh aus dem Bett zu kommen. Du denkst dir: Wofür stehst du überhaupt auf? Was machst du jetzt eigentlich? Das Aufstehen war für mich jeden Tag eine Challenge.
Wie haben Sie dieses Tief bewältigt?
Indem ich mir die Frage gestellt habe: Entweder du lässt dich jetzt total hängen und bleibst da unten im Loch oder du machst was mit deinem Leben und suchst dir eine neue Aufgabe. Wenn du immer nur die negativen Dinge vor Augen hast, dann machst du dich selbst fertig.
Hat der Sport in dieser Phase für Sie eine Rolle gespielt?
Ich hatte überhaupt keine Motivation, mich zu bewegen. Zugleich war mir klar, dass ich unbedingt was machen muss, weil es sonst gefährlich für mein Herz werden hätte können. Du kannst nicht von einem Tag auf den anderen nichts zu tun. Ich musste mich überwinden, ins Fitnessstudio zu gehen. Eine Freundin hat mich irgendwann dazu überredet, Hyrox auszuprobieren. Das hat mir extrem gut getan.
Inwiefern?
Weil ich wieder Routinen in mein Leben bekommen habe. Das Training war um 6:15 in der Früh, ich musste aus dem Bett. Ich habe begonnen, als Kellnerin zu arbeiten. Genau diese Routinen, die ich als Sportlerin kannte, haben mir gut getan. Aus depressiven Phasen kommst du nur so raus. Das Schlimmste ist, wenn du einfach nur in den Tag hineinlebst.
Made
Was hat Ihnen sonst noch geholfen in diesen Monaten?
Dass ich Menschen außerhalb des Sports kennengelernt habe, Menschen, die nicht in der Bubble drinnen sind, in der ich mich bewegt habe. Am Anfang habe ich mich abgekapselt und wollte auch niemanden treffen. Ich musste mich überwinden, soziale Kontakte zu haben. Das Schöne war, dass mich diese Menschen als Madeleine wahrgenommen haben und in mir nicht die Rodlerin gesehen haben.
Apropos Rodeln: Sie waren bei den Winterspielen in Cortina mit dabei, um ihre Schwester Selina anzufeuern. Wie leicht ist Ihnen das gefallen?
Emotional war das wahrscheinlich das Schwierigste. Weil ich eigentlich dort dabei sein wollte, Olympia in Cortina war mein großes Ziel. Ich bin meiner Schwester zuliebe nach Cortina gefahren, weil ich wusste, wie viel ihr das bedeutet. Aber mich hat das extrem mitgenommen, da sind einige Tränen geflossen.
Sie haben wegen der Sperre auch Ihren Status als Heeressportlerin verloren. Hatten Sie in den letzten Monaten auch Existenz- und Zukunftsängste?
Natürlich ist es eine große Herausforderung, wenn du ohne Job und ohne soziale Absicherung dastehst. Mein Vorteil ist, dass ich noch daheim wohne. Die psychische Belastung war viel schlimmer, ich wollte mich aus dem tiefen Loch rausholen – und das habe ich geschafft.
Wie fit sind Sie jetzt eigentlich?
Ich bin vier Mal in der Woche in der Kraftkammer. Mir fehlen im Moment die ganzen rodelspezifischen Trainingseinheiten, weil ich erst ab September wieder mit dem Team mittrainieren darf. Das ist erst zwei Monate vor Ablauf der Sperre wieder erlaubt. Ich bin froh, dass der Rodelverband mir hilft und mich finanziell unterstützt. Ich bekomme nämlich keine staatlichen Förderungen mehr, die fallen weg, weil mein Fall gleich gewertet wird, als hätte ich gedopt.
Ein gutes Stichwort: Wann wurden Sie das letzte Mal getestet?
Ich war die ganze Zeit über im System und hatte zuletzt drei Dopingkontrollen innerhalb von einem Monat. Einmal sogar im Urlaub in Portugal. Ich habe schon das Gefühl, dass ich häufiger kontrolliert werde. Aber ich habe auch nichts zu verstecken. Wobei im Hinterkopf immer die Angst da ist, dass mich die Kontrollore wieder nicht finden.
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