ÖSV-Sportdirektor Stecher: "Dann sind wir kein großer Verband mehr"
Wenn die Saison vorbei ist, dann beginnt für Mario Stecher die intensivste Phase des Jahres. Die Aufarbeitung des letzten Winters und die Vorbereitung der kommenden Saison. Als Sportdirektor des ÖSV trägt der frühere Kombinierer für sämtliche olympische Sportarten die Verantwortung.
KURIER: Wie steht die Skination Österreich da?
Mario Stecher: Grundsätzlich haben wir uns als Team deutlich gesteigert. Die Schweizer sind natürlich immer noch die dominante Nation, aber wir sind ihnen wieder nähergerückt. In der Saison 2024/’25 waren wir im Nationencup deutlich mehr als 3.000 Punkte hinten, heuer waren es schon nur mehr 700. Das ist für mich ein Zeichen dafür, dass bei aller Kritik einige Dinge schon auch gut gelaufen sein müssen. Natürlich sind wir noch immer nicht da, wo wir hinwollen.
ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober mit Sportdirektor Mario Stecher und Geschäftsführer Christian Scherer
Was ist Ihnen positiv aufgefallen in der Skisaison?
Dass wir fast in allen Disziplinen das Vorjahr übertroffen haben. Es gab mehr Siege, mehr Stockerlplätze.
Was jetzt keine große Kunst war: Die Latte aus der Saison 2024/’25 war jetzt nicht wirklich hoch.
Da spreche ich jetzt nicht dagegen. Wir müssen schon auch realistisch sein: Wir sind nicht mehr in der Situation, wie vor acht bis zehn Jahren, als wir in gewissen Bereichen dominiert haben. Aus heutiger Sicht hat sich unser Team gesteigert, ich sehe da eine Entwicklung. Nehmen wir nur einmal Julia Scheib her.
Sie ist in diesem Winter zur besten Riesentorläuferin der Welt gereift.
Julia Scheib hat sich zu einer echten Siegläuferin gemausert, an der sich jetzt die anderen orientieren. Ihre Entwicklung zeigt mir auch, dass wir mit Trainer Martin Sprenger auch jemanden gefunden haben, dem sie wirklich vertraut. Ich glaube, dass dieser Erfolg auch eine Initialzündung für das gesamte Riesentorlauf-Team sein kann, Stephanie Brunner hat ja beim Weltcupfinale schon gezeigt, was in ihr steckt. Der Riesentorlauf war über viele Jahre unsere Achillesferse, in dieser Saison waren wir geschlechterübergreifend die Nummer 1 und haben die meisten Punkte geholt.
Vincent Kriechmayr beendete die Durststrecke in der Abfahrt. Wie alle männlichen ÖSV-Sieger in dieser Saison ist auch er schon jenseits der 30
Was auffällt: Mit Ausnahme von Julia Scheib sind alle österreichischen Saisonsieger schon über 30: Hütter, Feller, Kriechmayr, Brennsteiner, Schwarz. Muss Ihnen das nicht Sorgen bereiten?
Ich würde jetzt nicht sagen, dass es mir Sorgenfalten bereitet, weil uns diese Situation ja schon seit längerer Zeit bewusst ist. Dass wir in einigen Jahrgängen nicht so gut aufgestellt sind, war klar.
Warum ist das so?
Diese Löcher sind auch deshalb entstanden, weil es über viele Jahre ein starkes Team gegeben hat. Die Jungen sind da einfach nicht vorbeigekommen, manche von ihnen haben deshalb wieder aufgehört. Und wenn es dann nicht nur bei einer Generation weniger Läufer gibt, sondern auch bei einer zweiten, dann hast du halt plötzlich ein Loch. Und dieses Loch haben wir jetzt gerade.
Der Fluch der guten Tat sozusagen?
Wir hatten in Wahrheit im Skispringen das gleiche Problem. Nach den größten Erfolgen mit den Superadlern wie Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer, Andreas Kofler, und, und, und gab es auf einmal nur mehr Stefan Kraft, der dann alles übernehmen hätte sollen. Der Unterschied zu den Alpinen ist: Im Skispringen geht’s viel schneller. Im Skisport oder auch im Langlauf braucht es hingegen Jahre. Und genau auf diesem Weg befinden wir uns gerade.
Der ÖSV hat 2024 das Projekt 2030 ins Leben gerufen und ein Leitbild erstellt. Ist das ein Zeithorizont, in dem Österreich wieder zur Nummer 1 werden soll?
Wir haben gemeinsam ein Nachwuchskonzept erstellt mit dem Ziel, dass wir in Richtung der Junioren-WM 2030 mit unseren Skiteams wieder deutlich breiter aufgestellt sind. Und dann wären diese Sportler sicher auch die Kandidaten für die Olympischen Spiele 2034 in den USA und die WM in St. Anton, egal ob wir sie 2033 oder 2035 kriegen. Bei diesen Großereignissen sollten wir wieder eine schlagkräftige Mannschaft haben.
Mario Stecher fungiert seit 2024 als Sportdirektor
Warum sind plötzlich so viele Nationen mit Österreich auf Augenhöhe?
Andere Nationen sind inzwischen mindestens auf dem gleichen Niveau wie Österreich. Die haben aufgeholt und auch viel investiert, auch in Themen wie Technologie und Wissenschaft. Wir waren da in Österreich lange die Vorreiter, heute bewegen wir uns auf einem gleichen Level. Diesen Wettbewerbsvorteil, den wir lange Zeit hatten, gibt’s nicht mehr. Aber nicht etwa, weil wir so schlecht gearbeitet haben, sondern weil die anderen nachgezogen haben. Das ist halt so, das muss man einfach anerkennen.
Der ÖSV wird auch bezwungen von Einzelkämpfern, die in einem Miniteam trainieren. Pinheiro Braathen, Lara Colturi, Zrinka Ljutic. Kann das ein großer Verband irgendwie kopieren?
Wenn wir das als ÖSV kopieren, dann sind wir letztendlich kein großer Verband mehr. Unser Anspruch ist und war es auch immer, eine gewisse Breite zu unterstützen. Das kann man, wenn man so will, auch den österreichischen Weg nennen. Und diese Breite wird auch immer der große Vorteil des österreichischen Skiverbands sein.
Apropos Breite: Wie präsentiert sich die Lage im Nachwuchs: Zieht es weniger Kinder und Jugendliche in den Rennsport?
Das ist von Landesskiverband zu Landesskiverband unterschiedlich. In Tirol sind die Zahlen sogar steigend, es sind wieder mehr Kinder, die sich für den Skisport interessieren. Der sportliche Leiter des Skigymnasiums Stams hat mir erst in dieser Woche erzählt, dass es heuer auffallend viele Anmeldungen für die Aufnahmeprüfung gibt. Das werte ich alles einmal als positive Signale.
Und sehen Sie im Nachwuchs auch schon Stars von morgen oder übermorgen? Mit solchen Prognosen muss man gerade im Nachwuchs sehr vorsichtig sein. Es reicht ja nicht nur, gut Skifahren zu können, dafür braucht es mehr. Aber wir haben definitiv sehr, sehr gute Skifahrer.
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