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Sport Wintersport
01/22/2021

ÖSV-Sportdirektor Giger: "Ich will niemandem den Mund verbieten"

Warum ihm Manuel Feller so taugt, wieso er die Schweizer sympathisch findet und wie der ÖSV die Coronakrise meistert.

von Christoph Geiler

Es kann um den heimischen Skisport nicht so schlecht bestellt sein, wenn jetzt österreichische Läufer sogar schon nach einer Trainingsbestzeit angefressen sind. „Ich habe mich richtig geärgert“, sagte Vincent Kriechmayr, nachdem er im Abschlusstraining für die beiden Abfahrten auf der Streif (Freitag und Samstag, jeweils 11.30 Uhr/Livestand auf https://kurier.at/sport) der Schnellste war. Die Favoritenrolle hätte der Oberösterreicher lieber einem anderen umgehängt.

ÖSV-Sportdirektor Anton Giger ist vielmehr froh, dass sein Herren-Team nach einem Fehlstart inzwischen auf Touren gekommen ist und der Weltcup in diesem Corona-Winter so reibungslos über die Bühne gehen kann.

KURIER: Hätten Sie damit gerechnet, dass der Weltcup so gut durch diesen Corona-Winter kommt?

Anton Giger: Ich habe mir im letzten Jahr abgewöhnt, irgendwelche Prognosen zu machen und stattdessen für mich immer mehrere Szenarien durchgespielt. Einen Best Case, den Worst Case und wenn man so will den Worst, Worst Case, also einen völlig komplizierten Fall.

Man muss die FIS loben und allen voran die beiden Renndirektoren. Die haben wirklich einen guten Job gemacht. Natürlich sind wir mit unserer Sportart gegenüber anderen auch im Vorteil. Wobei uns allen klar ist, dass es unvermeidbar ist, dass es immer wieder positive Corona-Fälle geben wird. Das wird sich durch die besten Konzepte nicht verhindern lassen. Entscheidend ist, dass es keine Infektionsketten gibt. Und das ist uns gelungen.

Wie viele Corona-Fälle gab es denn in den Reihen des ÖSV?

Wir hatten im letzten halben Jahr schon etliche Fälle in unseren Teams. Mich hat’s auch erwischt. Wir haben im Skiverband extra jemanden für das Contact-Tracing eingestellt. Deshalb wissen wir bis auf zwei Fälle ganz genau, wo und wie sich die Betroffenen angesteckt haben.

Und wo und wie sind die Ansteckungen passiert?

Es gab jedenfalls keinen einzigen Fall, dass sich wer unmittelbar beim Sport angesteckt hätte. Die meisten Ansteckungen sind in den Familien und den Lebensgemeinschaften passiert. Das war bei mir auch nicht anders. Aus den Schulen ist viel gekommen, auch aus Fahrgemeinschaften.

Werden Sie denn an Ihre Athleten und Betreuer appellieren, sich impfen zu lassen?

Eine Impfpflicht ist im ÖSV kein Thema, das ist die Entscheidung der Athleten. Aber es sollte schon jedem erklärt werden, dass sich durch eine Impfung die Handlungsspielräume erweitern. Ich hatte das Virus zwar schon und habe auch Antikörper: Aber ich werde mich sofort impfen lassen.

Kommen wir zum Sportlichen: Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir hatten trotz der erschwerten Rahmenbedingungen eine super Vorbereitung. Das war auch das Verdienst von Patrick Riml, dem neuen Leiter des Hochleistungssports Alpin. Umso erstaunlicher war’s für mich, dass das Umschalten vom Trainings- in den Wettkampfmodus eigentlich nicht gut geglückt ist. Zu Saisonbeginn hatten wir nicht die Ergebnisse, die wir haben wollten – das war zu wenig.

Damit sind wir auch schon wieder beim leidigen Thema Riesentorlauf.

Diese Disziplin ist noch immer unsere Achillesferse. Das ist uns erst am letzten Wochenende bei den Damen-Rennen in Kranjska Gora wieder deutlich vor Augen geführt worden. Das Problem ist, dass sich diese Schwäche bis runter zu den FIS-Rennen zieht. Wir rücken jetzt zwar den Riesentorlaufschwung wieder ins Zentrum der Entwicklung und des Trainings, aber das wird eine Zeit dauern, das muss uns klar sein.

Womit sind Sie denn in diesem Winter zufrieden?

Unser Herren-Team ist in den letzten Wochen sehr gut auf Touren gekommen. Das ist aber auch unsere Erwartungshaltung und unser Ziel, dass wir in jedem Rennen jemanden auf dem Stockerl haben.

Die Saison hat auch einen neuen Ski-Liebling hervorgebracht: Manuel Feller hat nicht nur mit dem ersten Sieg für Schlagzeilen gesorgt.

Das stimmt. Wenn von ihm wieder einmal ein Rap oder ein launiger Spruch wie die Märchenwiese daherkommt, dann rufe ich ihn meistens gleich an.

Und er kriegt einen Rüffel?

Nein, ganz und gar nicht. Ich will niemandem den Mund verbieten. Mir hat auch sein Rap im letzten Winter gut gefallen. Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Skiverbandes ist, Persönlichkeiten zusammenzustutzen. Ich habe das schon in meiner Zeit als Trainer extrem gefördert: Es braucht echte Typen und starke Charakterköpfe.

Warum war Ihnen das schon damals wichtig?

Weil ich der Meinung bin: Wenn sich jemand insgesamt was traut, dann wird er auch auf der Piste mutig sein und als Persönlichkeit auftreten.

Was haben Sie dann Manuel Feller nach seinem Märchenwiese-Sager gesagt?

Ich hab’ ihm geraten: ,Lass’ es bitte auf der lustigen Seite und pass’ bitte auf, weil du extrem polarisierst.‘ Der Manuel ist ein Gerechtigkeitsfanatiker, in der Vergangenheit hat er manche Kämpfe auf Facebook aufgenommen, das hat ihn viel Energie gekostet. Dass er nach dem Märchenwiese-Sager auch noch gewinnt, ist doch eine super Geschichte. Gerade in dieser Zeit, wo das Corona-Thema den Alltag beherrscht. Da tut so eine lustige Geschichte gut.

Themenwechsel: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel wünscht sich in seiner letzten Saison den Nationencup. Aktuell liegt Österreich 604 Punkte hinter der Schweiz.

Im Riesentorlauf hat die Schweiz 700 Punkte mehr geholt als wir. Damit ist eh alles schon gesagt. Aber wir geben den Nationencup ganz sicher nicht auf. Wobei man eines schon sagen muss.

Nämlich?

Die Schweizer haben gerade eine richtig gute Mannschaft und keinen echten Schwachpunkt. Hut ab. Ich weiß, dass Peter Schröcksnadel ein sehr freundschaftliches Verhältnis zum Schweizer Skipräsidenten Urs Lehmann pflegt. Aber ich hab’ dem Peter schon mehrmals gesagt: ,Jetzt kannst du langsam aufhören, ihm Tipps zu geben.‘ An den Strategien, die die Schweizer seit einigen Jahren verfolgen, erkennt man inzwischen nämlich schon so etwas wie eine österreichische Handschrift. Das sind Entwicklungspläne, die wir in Österreich auch schon länger haben. Und wissen Sie, was es für mich beim Nationencup auch noch ein bisschen schwierig macht?

Sagen Sie’s.

Dass die Schweiz im Moment nicht nur tolle Skifahrer, sondern zugleich auch sehr sympathische Sportler hat. Das mit dem Feindbild funktioniert nicht. Die Konkurrenz ist natürlich da, die hat Tradition – aber es ist keine tief liegende Abneigung.

Präsident Peter Schröcksnadel wird im Sommer nach 30 Jahren als Präsident abtreten. Welche Lücke wird er hinterlassen?

Mir fällt es schwer, wenn er jetzt wirklich aufhört. Weil ich sehr lange mit ihm zusammenarbeiten durfte. Er ist ein extrem mutiger Mensch, der keine Angst vor Fehlern hat und Handschlagqualität besitzt. Ich wünsche mir, dass der neue Präsident genauso wie Peter Schröcksnadel das Herz und die Leidenschaft für den Sport und seine fachliche Kompetenz hat.

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