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Winheims Tagebuch
07/27/2021

Von wegen Dumpfgummis: Kiesenhofer und Auböck als kluge Köpfe

Die internationale Spitze liegt so eng beisammen, dass Talent und Muskelkraft allein nicht genügen. Das beweisen auch Österreichs Olympia-Stars.

von Wolfgang Winheim

„Man kann recht leicht berechnen, wie viel Watt man treten muss, um die Kräfte beim Radfahren zu überwinden. Wenn ich einen Berg rauffahre, arbeite ich gegen die Gravitation. Das sind diverse Terme, die man zu einer Gesamtkraft summieren kann – und die gilt’s zu überwinden.“ Diese Sätze stammen von einem Interview mit Anna Kiesenhofer, das Sonntag schon während deren Solofahrt zu lesen war. Online ausgesendet von der ORF-Wissenschaftsredaktion. Diese lag – Respekt, Respekt – mit ihrem vorbereiteten Bericht im Gegensatz zu Sportexperten goldrichtig.

Kiesenhofer tüftelt oft wochenlang an der optimalen Sitzposition. Und zugleich akribisch an ihrem Sportgerät. Aber dass sie für Österreich den seit 125 Jahren ersten Rad-Olympiasieg einfahren würde – damit hatte auch die an der technischen Hochschule Lausanne als Expertin für partielle Differenzialgleichungen tätige Frau Doktor der Mathematik nicht gerechnet.

Wider alle Vorurteile

Wenige Stunden vor dem Triumph der Weinviertlerin war Felix Auböck nur um 13 Hundertstel an einer Medaille vorbeigekrault. Rang vier. Die Enttäuschung über die undankbare Lederne wird hoffentlich rasch abebben. Und nicht zum Karriere-Rücktritt führen. Schließlich ist der Vizeeuropameister erst 24 und schon in drei Jahren finden die nächsten Olympischen Sommerspiele in Paris statt.

Auch Auböck gilt als besonders kluger Kopf, auch er ist darauf fokussiert, parallel zum Hochleistungssport an ausländischen Universitäten Auszeichnungen zu sammeln.

Von Vorurteilen behaftete Typen, die – wie ein Medienzampano – Sportler gern zu gehirnamputierten Prolos abqualifizierten, haben ihr Lästermaul zu halten. Die internationale Spitze liegt – gleichgültig in welcher Sparte – so eng beisammen, dass Talent und Muskelkraft allein nicht genügen. Oder ist’s nur Zufall, dass der Mannschaft des neuen Fußball-Europameisters Italien, angeführt von Kapitän Giorgio Chiellini, gleich sechs Spieler mit akademischen Titeln angehören?

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