© EPA/FRANCK ROBICHON

Interview
01/10/2021

Systemkritik: "Sportler sind Verbandsuntertanen"

Kulturwissenschafter Klaus Zeyringer über Macht und Gigantomanie, Monopolisten wie den ÖSV und sein neues Sportbuch.

von Bernhard Hanisch, Barbara Mader

Was hat Sport mit Neoliberalismus zu tun? Autor Klaus Zeyringer, 67, fasst im „Schwarzbuch Sport“ zusammen, was schief läuft.

KURIER: Warum schreiben Sie als Literatur- und Kulturwissenschafter Sportbücher?

Klaus Zeyringer: Mir ist aufgefallen, dass Kulturwissenschafter, die sich privat für Fußball interessieren, nicht auf die Idee kamen, sich mit der kulturellen Funktion des Sports auseinanderzusetzen, obwohl er sehr viel über die Gesellschaft aussagt. Und ich habe festgestellt, dass es keine Kulturgeschichte des Fußballs gibt. Also habe ich eine geschrieben. Naheliegend war, mir die zweite große Instanz des Weltsports anzuschauen, das Internationale Olympische Comité und die Olympischen Spiele. Ich bin draufgekommen, welche skandalösen Zustände da herrschen.

2021 wird es mit den Olympischen Spielen in Tokio und der Fußball-EM Megaevents geben. Was befürchten Sie?

Eine weitere Wachstumsmanie. Der Sportbetrieb, und damit meine ich den professionellen Sport, wird von Verbänden beherrscht. Deren problematisches System wird sich nicht ändern, weil diejenigen, die es ändern könnten, davon profitieren ...

... aber man muss unterscheiden zwischen Sportarten, wo sehr viel Geld unterwegs ist und jenen, die weniger hoch im Kurs stehen ...

Sie haben recht. Allerdings funktionieren fast alle Verbände ähnlich – auf eine neofeudalistische Weise und als Monopol. Ein paar alte Männer regieren und die Sportler haben kaum Rechte. Das gilt nicht nur für große, reiche Sportverbände. Die Skandale der jüngsten Zeit zeigen: Das gibt es bei Stemmern, Biathleten, Schwimmern. Auch solche Sportarten kennen Korruption, Doping und Missbrauch.

Wie ticken diese Systeme ?

Das ist von Land zu Land verschieden, aber im Grunde wählen wenige Leute aus ihrem Kreis ein Gremium und da wiederum einen Fürsten, plakativ ausgedrückt. Diese Verbände gelten als gemeinnützige Institutionen und bekommen Vorteile, etwa Subventionen, sie zahlen keine oder wenig Steuern. Bei kleineren Verbänden nachvollziehbar. Aber bei den meisten wird Demokratie nur simuliert, es gibt eine starre Hierarchie, keine wirklich effiziente Kontrolle von außen. Dieses System führt etwa dazu, dass den Athleten kaum Rechte, nur Verpflichtungen gegeben werden.

Ein konkretes Beispiel?

Der ÖSV. Wer international fahren will, muss drei Verträge unterzeichnen. Unter anderem, dass er Werbung für seinen Privatsponsor nur auf dem Helm machen und nicht in Konflikt kommen darf mit den Werbeträgern des Skiverbands. Nun hat der ÖSV so viele Partner in allen möglichen Branchen, dass es schwierig ist, jemanden zu finden. Das System führt dazu, dass die Sportler, die den Sport ausmachen, Verbandsuntertanen sind und die Fürsten Monopolisten.

Klaus Zeyringer (*1953) ist Germanist und Literaturkritiker.

Die Bücher
Fußball. Eine Kulturgeschichte; Olympische Spiele (beide S. Fischer);  Das wunde Leder (mit St. Gmünder/Suhrkamp,  2018).  
 

Gehen wir zu Ihren Erwartungen zu den kommenden Megaevents zurück.

Es wird so sein wie zuvor. Zwar behauptet das IOC, einfachere Spiele zu wollen, aber in Tokio werden wieder mehr Wettbewerbe ausgetragen. Man hält sich also nicht einmal an die eigenen Vorgaben. Außerdem wird es große ökologische Schäden geben. Allein die Idee von der Fußball-EM in mehreren Ländern, insbesondere zu Corona-Zeiten, wo Fan-Massen durch die Gegend fliegen sollen, ist ökologischer Wahnsinn. Die UEFA stört das nicht, sie hat auch ihr Europa-League-Finale in Aserbaidschan zwischen zwei Londoner Klubs durchführen lassen.

Soll sich Politik einmischen?

Bei großen Events müssten sich die politisch Verantwortlichen mit den Sportverbänden zusammensetzen, denn ökologische Schäden wären politisch zu verhindern.

Über Gigantomanie im Sport wurde viel diskutiert. Corona war nicht vorhersehbar ...

Was Corona betrifft, glaube ich, dass die Veranstaltungen stattfinden werden, weil zu viel Geld dahinter steckt. In Tokio wurde enorm investiert, viel mehr, als vorgesehen. Die Frage, wie viel Publikum zugelassen wird, ist eine andere. Ich nehme an, dass die Politik unter großen Druck geraten wird. Und vor allem wird man die Fernsehrechte honorieren wollen, da geht es um Milliarden.

Was könnte man gegen unsympathische Begleiterscheinungen tun?

Ich leide unter einer gewissen Schizophrenie. Denn ich finde Sport derart faszinierend, dass ich mich wie viele Fans trotz meiner Kritik vor den Fernseher setze. Was ist zu tun? Man muss Kontrolle von außen einfordern. Beginnend in der Schweiz, wo die meisten Weltverbände sitzen.

Aber ist es nicht fast unmöglich, von außen gerechtere Verteilung zu erreichen?

In Österreich etwa gibt es einen Rechnungshofbericht zur Ski-WM 2013 in Schladming. Der ist dem ÖSV egal. Die Kontrolle funktioniert nicht. Durch die Verträge mit den Veranstaltungsorten werden viele staatliche Hoheitsrechte an die Verbände abgegeben. Ein demokratiepolitisches Problem. Außerdem sollten reiche Klubs und Verbände adäquate Steuern zahlen. Auf anderer Ebene müsste man die Rechte der Sportler anderes gestalten, auch die Verteilung der Gelder. Besonders im Fußball ist es ja so, dass die Reichen immer reicher werden, vor allem durch TV-Gelder. Deren Verteilung müsste neu geregelt werden.

Ändert die Politik auch zu wenig, weil der Sport eine willkommene Bühne bietet?

Ja. Es ist interessant, wie viele Städte ihre olympischen Bewerbungen nach einer Volksbefragung zurückziehen mussten. Entscheidungsträger wollen das, die Mehrheit der Bevölkerung nicht, wenn sie sich informiert hat. Man kann sich fragen, was der Vorteil einer solchen Teilnahme ist, denn der finanzielle Aufwand ist enorm. Aber Politiker versprechen sich offenbar einen Imagegewinn.

Das System funktioniert, weil die Fans mitmachen. Wieso eigentlich?

Weil Sport eine Art Ersatzreligion ist. Ich arbeite mit Ilija Trojanow an einem Buch darüber. Sport ist eine der wenigen Möglichkeiten einer großen Erzählung und eines Gemeinschaftsgefühls.

Das war doch immer so?

Nein, das hat sich seit den 1970ern so entwickelt. Zwar gab es schon in den 1920ern volle Stadien, aber die Kommerzialisierung und die Entwicklung des Fernsehens brachten andere Möglichkeiten. Dass Fans ihrer Mannschaft bei allen Auswärtsspielen folgen, war in den 70ern schwer vorstellbar. Hätte ich mir als Student ein Auswärtsspiel von Sturm Graz in Wien anschauen wollen, hätte ich das finanziell nicht geschafft.

Fühlt sich der Fan, der seinem Klub folgt und nicht wenig Geld dafür ausgibt, nicht gepflanzt, wenn er einen Ribéry sieht, der ein mit Gold überzogenes Steak isst?

Zum Teil schon, da hat der FC Bayern ja auch reagiert. Aber die Fans verzeihen ihren Idolen enorm viel.

Hinterfragen Sportler ihre Rechte zu wenig, so lange das Geld stimmt?

Nun, Fußballspieler können tatsächlich vieles mit Einkünften aufwiegen. Schwieriger wird es in den unteren Ligen, wo verhältnismäßig wenig verdient wird. Verbandsuntertan ist der Sportler vor allem in Einzelsportarten. Ich glaube, dass viele Fußballer in Blasen leben mit Leuten, die ihnen nach dem Mund reden. Bei Bayern München verdienen sie bis zu zwanzig Millionen Euro im Jahr. Das ist achtzig Mal so viel wie die Bundeskanzlerin, nicht zu reden von der Relation zu einer Krankenschwester.

Viele Sportler in den größten Profiligen werden Marionetten, die ihren Reichtum zeigen. Dass es insgesamt nicht mehr Kritik gibt, verwundert schon. Warum gibt es keine Gehaltsobergrenzen?

Der Sportbetrieb hängt intensiv mit dem Neoliberalismus zusammen. Das bedeutet: keine staatlichen Eingriffe, also auch keine Gehaltsobergrenzen. Es herrscht die Vorstellung, der Markt wird alles regeln. Die großen Vereine sind Konzerne, deren Verhalten weniger skandalös wäre, würde der Betrieb nicht subventioniert. Man muss ja bedenken, dass da Steuergeld hinein fließt. Ich habe in meinem Buch das Beispiel Bayern München angeführt: Wie viel Geld für den Bau der Allianz-Arena aus der öffentlichen Hand gekommen ist. Oder was Polizeieinsätze bei den Bundesligaspielen kosten.

In der augenblicklichen Krise klagen auch große Klubs über Finanzprobleme.

Man hat bei Corona gemerkt, dass einige deutsche Klubs nach einem Monat schon in Schwierigkeiten kamen. Wenn man weiß, was für exorbitante Gehälter bezahlt werden, fragt man sich, wie da gewirtschaftet wird. Diese Fragen sollten in der Öffentlichkeit gestellt werden. Warum es keinen Aufschrei gibt? Weil wir alle Sportfans sind – und die Medien darüber zu wenig berichten.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.