Goodbye America: Was zwei KURIER-Redakteure von der WM mitnehmen
Vier Wochen lang begleiteten die KURIER-Redakteure Andreas Heidenreich und Alexander Strecha das österreichische Nationalteam quer durch die USA – von Training zu Training, von Zitat zu Zitat, von Stadion zu Stadion.
Irgendwann hat man dabei kaum noch Zeit, sich einfach hinzusetzen und Fußball zu schauen. Dafür lernt man andere Dinge: dass ein Wiener freundlicher werden kann, dass Portionen in Amerika eine eigene Dimension haben, und dass selbst eine lapidare Wegfrage als „awesome“ gilt. Zwei persönliche Reiseberichte.
Sie werden mich nicht wiedererkennen
Ich bin Wiener. Grantig, sagt man mir gerne nach, und ich hab das nie bestritten, weil es oft stimmt. Nach einem Monat in den USA komme ich als anderer Mensch zurück. Freunde und Kollegen werden mich kaum wiedererkennen. Nicht weil ich brauner bin, sondern freundlicher.
In Wien kennt man sich bekanntlich vom Wegschauen. Der Blickkontakt in der Straßenbahn dauert genau so lange, bis man merkt, dass man ihn versehentlich hergestellt hat, dann schaut man schnell wieder aus dem Fenster. In den USA fragt einen jeder Fremde: „How are you doin', man?“ Am Anfang hab ich nach einer Ausrede gesucht, um das Gespräch zu beenden, bevor es beginnt. Nach ein paar Wochen hab ich zurückgefragt, wie es ihm denn so geht. Man gewöhnt sich an vieles.
Manche Dinge in diesem Land versteht man trotzdem nicht. In Dallas saß ich im Taxi vom Hotel zum Stadion, und wir fuhren am Baseballstadion der Texas Rangers vorbei. „Nettes Stadion“, hab ich gesagt, so aus neu gewonnener Höflichkeit. „Das ist das alte“, meinte der Fahrer. „Das Neue steht dort drüben.“ Ich schaute hin und sah eine Arena mit Dach, ähnlich wie das Footballstadion nebenan. Der Grund? In Dallas sei es mittlerweile so heiß, dass auch die Baseballmannschaft eine Halle mit verschließbarem Dach braucht, die man runterkühlt. Als Antwort auf die Erderwärmung bauen wir uns Hallen und kühlen sie mit noch mehr Energie herunter. Passt schon.
Verliebt habe ich mich trotzdem, und zwar in eine Barbara. Santa Barbara. Idyllisch am Pazifik gelegen, sauber, nicht zu heiß, freundliche Menschen, und vor allem: die richtige Größe. Man findet einen Parkplatz, ohne dafür zu beten. Man geht zu Fuß zum Strand, statt eine halbe Stunde im Auto zu sitzen. Los Angeles dagegen hat sechs- bis siebenspurige Autobahnen und trotzdem nichts als Stau.
Von der Weltmeisterschaft selbst, ehrlich gesagt, hab ich streckenweise wenig gesehen. Die Geschichten, die es rund um das österreichische Team zu erzählen gab, haben mir kaum Zeit gelassen, mich einfach hinzusetzen und ein Spiel zu schauen wie ein Fan, der ich im Grunde schon noch bin. Immer war irgendwo ein Training, ein Zitat, eine Recherche, ein Text, der noch fertig werden musste, während anderswo schon der nächste Ball rollte.
Vielleicht bringe ich das jetzt alles mit heim. Das weniger Fußball schauen, um das ich oft angefleht werde. Das Grüßen. Das Nachfragen, wie es einem wirklich geht. Vielleicht auch die Gelassenheit, mit der man selbst im dichtesten Stau nicht gleich zu hupen beginnt. Meine Kollegen werden sehen, wie lange das hält. Doch, was lese ich gerade? Die U4 wird schon wieder saniert und zum Teil gesperrt? Oida!
Andreas Heidenreich
Alles war groß und „awesome“
Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut. Was für einen Teamchef und seine Spieler gilt, trifft auch auf jene zu, die die Nationalmannschaft medial begleiten dürfen. Eine Weltmeisterschaft ist etwas Außergewöhnliches mit einer ganz eigenen Dimension. Noch dazu, wenn sie in einem Land wie den USA stattfindet, wo auf Google Maps alles wie Katzensprüngerl aussieht, in der Realität aber zum ordentlichen „Hatscher“ wird.
Man staunt über sensationelle Stadien, das eine mit einem geschlossenen Dach über den Köpfen, das andere mit acht Rängen, das nächste gilt wiederum als die lauteste Schüssel der Welt. Allesamt stehen sie irgendwo im Nirgendwo, weit von den Stadtzentren von Dallas, San Francisco oder Kansas City entfernt. Los Angeles besitzt kein Stadtzentrum. Wien hätte eines, sogar ein wunderschönes, dafür aber kein Nationalstadion. Man kann ja nicht alles besitzen ...
In den USA war in den letzten Wochen alles gefühlt „awesome“, also stark, super, geil, mörderisch. Selbst wenn man sich lapidar nach dem Weg erkundigte, fand der Auskunftgeber die Frage an und für sich schon „awesome“. Mut kann man eben nicht kaufen.
Groß scheint auch der Hunger, denn überbordend sind die Portionen. Beim Bestellen ist Augenmaß ein entscheidender Faktor, sonst erhält man einen Teller Chicken Wings, wo gefühlt eine Hühnerfarm dran glauben musste. Groß werden auch die Augen beim Betrachten der Preise in Supermärkten, groß sind dann auch die Fragezeichen im Kopf, wie sich die Menschen das alles leisten sollen.
Groß war auch der Spaß, typisch amerikanische Sportarten auszuprobieren. Pickleball spielt man zwar im Doppel, wenn aber nur ein netter Kollege zur Stelle ist, dann gibt man sich 90 Minuten lang die Kugel, bis die Gelenke auf dem Betonplatz den Geist aufgeben. Auch der Selbstversuch beim Baseball brachte Schwung ins Gemüt.
Groß sind auch die Unterschiede zwischen den Topnationen und Österreich, und das nicht nur auf dem Platz. Während man beim ÖFB-Team Medientermine im überschaubaren Rahmen hält und sich wie in einer Wagenburg mit seinesgleichen verschanzt, öffnet sich Europameister Spanien bewusst den Medien, um eine positive Stimmung in die Heimat zu transportieren. Ein Unterschied an Professionalität, der nicht nur auf dem Feld besteht. Dafür hatten die ÖFB-Spieler ausreichend Zeit, an 15 Nachmittagen in vier Wochen an ihrem Golf-Können zu feilen.
Groß ist das Erstaunen darüber, mit drei Kollegen über Wochen eine WG gebildet zu haben, ganz ohne Diskussionen und Streit.
Besonders groß ist jedenfalls die Dankbarkeit, das alles miterlebt zu haben.
Alexander Strecha
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