Unschlagbar? Warum Spanien bei dieser WM kaum zu stoppen ist
Es war eine beeindruckende Vorstellung von Spanien im WM-Halbfinale gegen Frankreich. Mit dem 2:0-Erfolg über die Equipe Tricolore zog die Furia Roja erstmals seit 16 Jahren wieder in ein WM-Finale ein. Es ist erst die zweite Endspielteilnahme in der Geschichte des Landes. Bei der ersten im Jahr 2010 holte Spanien auf Anhieb den Titel. Ein gutes Omen?
Nach WM-Finaleinzug: Was macht Spanien so stark?
Spielt das Team so weiter wie bisher, dann stehen die Chancen erneut gut. „Wir wissen, dass der gesamte Kader mit derselben Begeisterung auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Wir sind ganz normale Menschen, die das Gemeinwohl vor unsere eigenen individuellen Interessen stellen“, erklärt Teamchef Luis de la Fuente den spanischen Spirit.
Doch was genau macht die Spanier derzeit so schwer zu bezwingen?
Die Spiele der Iberer beginnen meist nach demselben Schema. Unzählige Male wird der Ball hin und hergeschoben, Risiko-Pässe nach vorne werden zunächst vermieden. Im Halbfinale gegen Frankreich sah es gar aus, als ob die Spanier gar keinen klaren Plan im Spiel nach vorne hätten.
Seit der Übernahme von Luis de la Fuente ist Spanien kaum zu besiegen.
Doch genau das ist der Plan. Die Mannschaft von Luis de la Fuente holt sich in dieser Phase die Sicherheit, kontrolliert den Ball und lässt den Gegner laufen. Im ersten Spiel der WM, beim 0:0 gegen Kap Verde, berührte Mittelstürmer Mikel Oyarzabal erst nach einer halben Stunde zum ersten Mal den Ball. In den Medien wurde er belächelt. Doch auch das war Teil des Plans.
Ballbesitz, Ballbesitz und noch mehr Ballbesitz
Es geht um Kontrolle und Risikominimierung. Solange Spanien den Ball hat, kann der Gegner kein Tor schießen. Eine Idee, die bereits Pep Guardiola mit seinen Mannschaften seit Jahren verfolgt.
Bei der WM halten die Iberer den Spitzenwert von 58 Prozent Ballbesitz. Insgesamt spielten die Spanier 4592 Pässe, 91 Prozent davon fanden den Mitspieler. Die meisten Zuspiele kamen dabei von Rodri. Der Kapitän kontrolliert das Tempo, bewahrt auch unter hohem Druck die Ruhe und löst immer wieder gefährliche Pressing-Situationen des Gegners. Mit 694 Pässen führt er die Rangliste aller WM-Spieler an. Die Innenverteidiger Aymeric Laporte (568) und Pau Cubarsí (566) komplettieren das rein spanische Podest.
Kontrolle über das ganze Spielfeld
Unter Luis de la Fuente ist der Ballbesitz allerdings kein reiner Selbstzweck mehr. Rodri, Olmo und Co. bewegen den Gegner, lassen ihn verschieben und warten geduldig auf die entscheidende Lücke. Sobald diese entsteht, geht es mit enormem Tempo nach vorne. Durchschnittlich gelingt Spanien 145-mal pro Spiel eine erfolgreiche Linienüberspielung. Insgesamt verzeichnete die Mannschaft bei dieser WM 42 Abschlüsse auf das Tor und erzielte dabei einen Expected-Goals-Wert von knapp 15.
Rodri spielte die meisten Pässe bei dieser WM.
Die Spanier kontrollieren nicht nur den Ball, sondern damit auch große Teile des Spielfeldes. Das gilt auch für den gegnerischen Strafraum: Dort kommt die Furia Roja auf 239 Ballberührungen und ist damit die Nummer eins des Turniers.
Felsenfeste Defensive
Gleichzeitig überzeugt Spanien mit einer beeindruckenden Defensive. In sieben Partien kassierte das Team erst ein Gegentor, beim 2:1 im Viertelfinale gegen Belgien. Es war zugleich das erste Gegentor bei einer WM für Torhüter Unai Simon nach 649 Minuten. Doch die defensive Stabilität ist nicht allein sein Verdienst. Seine Vorderleute ließen Frankreich im Halbfinale lediglich einen Expected-Goals-Wert von 0,31 zu. Das ist der niedrigste Wert eines WM-Halbfinalisten seit 1994.
Spanien kontrolliert seine Spiele auf eine außergewöhnlich risikoarme Weise. Statt des klassischen Tiki-Taka mit unzähligen kurzen Pässen setzt die Mannschaft heute auf eine moderne Variante: defensive Stabilität durch Ballbesitz.
Wie kann man Spanien stoppen?
Doch wie lässt sich diese Mannschaft überhaupt stoppen? Taktik-Experte Chris Coskunmeric schrieb dazu auf focus.de: „Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Zerstören des spanischen Rhythmus. Gegner müssen extrem physisch agieren und die wenigen eigenen Ballgewinne eiskalt nutzen. Nur mit maximaler Härte lässt sich die spanische Ball-Arroganz stoppen.“
Gelungen ist das bislang niemandem. Seit März 2023 oder anders gesagt seit 37 Pflichtspielen haben die Spanier keine Niederlage mehr nach 90 Minuten kassiert.
Kommentare