Rapid-Präsident Martin Bruckner

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Interview
07/08/2020

Rapid-Präsident Bruckner: "Es gab noch nie ein Sexismus-Problem"

Der Rapid-Präsident über Finanzprobleme, den 5-Millionen-Schaden, Fans, Transparente und die sportliche Zukunft mit Kapitän Schwab.

von Alexander Huber, Bernhard Hanisch

Nach sieben Monaten im Amt feierte Martin Bruckner Platz zwei. Aber nur kurz. Zu viele Probleme belasten Rapid und den Präsidenten.

KURIER: Danke, dass Sie sich länger Zeit nehmen. Da Rapid wegen Corona in die schlimmste Finanzkrise seit der Pleite 1994 schlittert und Großsponsoren wegen des sexistischen Fan-Transparents mit dem Ausstieg drohen, bleibt die Frage: Wo war der Präsident bisher?

Martin Bruckner: Erstens: Rapid ist nicht in einer Finanzkrise. Wenn wir von der Politik für den unverschuldeten Zuschauer- und Einnahmen-Entgang einen Ersatz bekommen, bleibt das auch so. Zur Erinnerung: Wir haben acht Jahre in Folge Gewinn gemacht. Bis Anfang März waren wir auf Kurs, die Saison mit einer Million Plus abzuschließen. Dann kam Corona. Es gibt noch sehr viele Unwägbarkeiten. Aber ich drücke nicht den Panik-Knopf.

Trotzdem: Ist es gut, wenn der Präsident in einer Krise öffentlich nicht präsent ist?

Warum soll ich mich öffentlich hinstellen, wenn wir hinter den Kulissen extrem intensiv all unser Know-how, die Ideen und Kontakte einbringen, und das, was zu sagen ist, unsere Geschäftsführer kommunizieren?

Was ist im Hintergrund konkret passiert?

Es ist darum gegangen, diese Saison zu retten und der Politik die Lage zu erklären. Rapid hat als Unternehmen in dieser Krise aufgrund der sehr hohen Anzahl an Stadionbesuchern ein Alleinstellungsmerkmal, nur Sturm ist in etwa vergleichbar. Ich bin zuversichtlich, dass es von der Regierung bald ein Paket geben wird.

Wie groß ist der Schaden?

Rund 50 Prozent unserer Gesamteinnahmen verdienen wir mit und rund um die Heimspiele. Wenn davon aufs Jahr gerechnet ein Drittel wegbricht, trifft uns das viel härter als alle anderen. Bei einem Jahresbudget von 30 Millionen sind das von März bis Saisonende fünf Millionen – das kann ich auf einer Briefmarke ausrechnen.

Das Sportministerium hat angekündigt, dass es für den Profisport 35 Millionen Euro geben soll. Wissen Sie, wie viel Rapid bekommen wird?

Nein, weil der Modus noch nicht verkündet wurde. Aber ich glaube, dass viel abgedeckt werden kann.

Können Sie ausschließen, dass Sie der Präsident sein werden, der Rapid in die Insolvenz schicken muss?

Mit Status heute: Ja, natürlich! Wenn nur 10.000 Zuschauer rein dürfen, haben wir mit 13.000 Abonnenten ein Problem. Auch hier sind wir mit der Politik in Gesprächen.

Und wenn sich die Coronakrise wieder verschlimmert und es weiterhin Geisterspiele geben muss?

Dann haben wir eine massive Wirtschaftskrise, dann brechen auch die Sponsoren weg, dann fällt alles.

Apropos Sponsoren: Stimmen Sie zu, dass der Schaden des sexistischen Transparents größer ist als bei früheren Fan-Verfehlungen?

Ja. Es ist verständlich, dass die Sponsoren so reagieren. Wir sind mit „Wien Energie“ und „Ottakringer“ in intensiven Gesprächen.

Sie waren beim Heimspiel gegen Hartberg auf Urlaub. Was wäre passiert, wenn Sie im Stadion gewesen wären?

Mit der Weisheit des Rückblicks hätte das Transparent schneller runter müssen. Aber grundsätzlich hätte ich wie Christoph Peschek gehandelt: Den Fans erklären, warum es weg muss. Tun sie das nicht selbst, hängt es der Verein ab. So wie es passiert ist – zum ersten Mal in der 121-jährigen Vereinsgeschichte.

Und dann folgt ein Sky-Interview mit Peschek und Aussagen, die unmöglich sind.

Er war nach diesen Aufregungen völlig durch den Wind, aber das Interview ist nicht schönzureden. Das ist schiefgegangen, er und der Verein haben sich mehrmals dafür entschuldigt.

Es entsteht der Eindruck, dass die Fanszene zu viele Rechte hat.

Wir haben zugestimmt, dass verschiedene Transparente gegen Geisterspiele aufgehängt werden. Aber mit so einem Inhalt war überhaupt nicht zu rechnen. Es gab noch nie ein Sexismus-Problem. Jetzt geht es darum, in Gesprächen und Workshops Bewusstsein zu schaffen. Rechtsextremismus haben wir völlig rausbekommen. Das Thema „Gender Diversity“ wird wichtiger. Ich will nicht, dass das viele, gemeinsam mit den Fans positiv Geschaffene vergessen wird.

In Erinnerung blieb aber auch, wie „Ultras“ in eine Loge eindringen konnten, um ein Transparent zu entfernen. Haben Sie Angst vor der Fanszene?

Nein. Es gibt eine Gesprächsbasis, die ganz wichtig ist. Wie Watzlawick schon wusste: Man kann nicht nicht kommunizieren. Alle Vereine mit großen Fanszenen, die es anders probiert haben, kämpfen mit größeren Problemen. Wir sind ein Mitgliederverein, wir sind demokratisch. Wir könnten nicht so eine Kraft aus der Gemeinschaft entwickeln, wenn wir nicht partizipativ sind. Rapid schafft für viele Menschen auch Identität. Zum damaligen Transparent: Das haben wir intern mit allen Beteiligten geklärt.

Ist sich die Fanszene bewusst, welchen Schaden Sie für den Verein anrichten kann?

Um besser klarzumachen, was ihre Handlungen bewirken können, gibt es mit Helmut Mitter ab 1. September erstmals einen hauptamtlichen Fan-Betreuer. Klar: Rapid wird nie streichelweich sein. Es ist systemimmanent, dass es immer wieder Konflikte geben wird. Es wird irgendwann wieder was passieren. Das war unter meinen Vorgängern so, und das wird auch mein Nachfolger erleben. Das Thema wird ein ewiges Reden und Arbeiten bleiben.

Sie wollten nach Ihrer gewonnenen Wahl die Gräben zum Team Schmid zuschütten. Das scheint gescheitert. Es wirkt so, als gäbe es eine inoffizielle Opposition im Verein.

Mag sein. Es gibt auf allen Ebenen Kontakt, aber es ist klar, dass es auch Kritik gibt, vor allem wenn nicht der gewünschte Mann gewählt wurde. Das ist wie in der Politik.

Stefan Schwab nimmt sich eine Auszeit für die Geburt seines Sohnes. Danach wird wieder über seinen ausgelaufenen Vertrag verhandelt. Müsste der Kapitän zustimmen, künftig weniger zu verdienen als viele Mitspieler?

Wir wollen ihn halten, er will auch bleiben. Und in unseren Gesprächen werden wir schauen, was möglich ist. Als ordentliche Kaufleute können wir aber nicht das Blaue vom Himmel versprechen. Jede weitere Woche hilft, um finanziell mehr Klarheit zu bekommen.

Mit einem Sieg Ende August in der Champions-League-Quali wäre eine Gruppenphase fixiert. Ist es das Ziel, bis dahin nur einen Spieler – etwa Ljubicic – zu verkaufen und sonst mit der Top-Elf anzutreten?

Am liebsten wollen wir bis dahin alle halten. Wenn etwas Konkretes und Lukratives reinkommt, werden wir von Fall zu Fall entscheiden. Aber momentan ist nicht absehbar, wie sich der Transfermarkt entwickelt.

Ist unter diesen Umständen ein sportlicher Ausblick unseriös?

Nein, weil mir sportlich sicher nicht bange wird. Niemand hat uns Platz zwei zugetraut, schon gar nicht unter diesen Umständen. Wir sind mit 30 Mann in die Meistergruppe gestartet, am Ende waren noch 20 fit, zehn davon aus dem eigenen Nachwuchs. Die Talente waren voll da – das macht stolz. Dazu haben wir in der Rapid-Viertelstunde die meisten Punkte gewonnen.

Mischen Sie sich in sportlichen Fragen ein?

Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, ist es, dass ich mich nicht in Dinge einmische, in denen ich bestenfalls Halbprofi bin.

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