Sport | Fußball
02.09.2017

0:1 in Wales: Aus der Traum von der WM 2018

Österreich verliert das vorentscheidende Spiel - was im Grunde gar nicht passieren hätte dürfen.

Eigentlich war die Ouvertüre für ein Wunschkonzert im Cardiff City Stadium schon gespielt. Irland, einer der großen Konkurrenten im Rennen um die WM-Qualifikation, vergriff sich in Georgien im Ton, verlor mit einem mageren Remis (1:1) zwei wertvolle Punkte. Was Österreichs Motivation nur steigern konnte, aber nichts an der Verpflichtung ändern durfte, gegen die ebenfalls unter Zugzwang stehenden Waliser zu gewinnen. Um es in der stets vorsichtigen Ausdrucksform des Teamchefs wiederzugeben: "Wer verliert, hat’s sehr schwer."

Jetzt ist es gewiss: es ist nicht nur schwer geworden für Österreichs Nationalmannschaft, die WM 2018 ist drei Runden vor Schluss der Qualifikation kein Thema mehr. Beginnen wird die Diskussion um Marcel Koller. Geht er nach Ende der Qualifikation? Sein Vertrag endet zu diesem Zeitpunkt. Wenn ja, wer wird sein Nachfolger?

Tabelle der Gruppe D:

1.

Serbien

7

4

3

0

16:7

9

15

2.

Irland

7

3

4

0

9:5

4

13

3.

Wales

7

2

5

0

10:5

5

11

4.

Österreich

7

2

2

3

9:9

0

8

5.

Georgien

7

0

4

3

7:11

-4

4

6.

Moldau

7

0

2

5

4:18

-14

2

Koller reagierte auf die Ausgangslage wie erwartet. Mit der identischen Viererkette, die in Irland die Abwehr bildete, Alaba als offensiv ausgerichteter "Zehner" mit Licht und Schatten, Harnik davor in der Spitze.

Wales - Österreich zum Nachlesen

Gute Ansätze

Ein Konzept mit Anlaufproblemen, eines, das nach zehn Minuten allerdings zu greifen begann. Wales hatte seine zwei Chancen durch das hoch gelobte Duo Bale und Ramsey vergeben und zog sich in der Hoffnung auf weiter schnelle Konter weit zurück. Österreich nahm das Angebot an, machte sich daran, die gegnerische Abwehr zu bearbeiten. Ohne zunächst torgefährlich zu werden. Fast schon ein Markenzeichen, die Harmlosigkeit bei Eckbällen.

Doch sie kamen, die Chancen. Chancen, die in einem Entscheidungsspiel verwertet werden müssen. Arnautovic tat es grob fahrlässig nicht, weil er ganz alleine vor Torhüter Hennessey mittels Heber ins Kreuzeck einen Schönheitspreis gewinnen wollte (33.). Kläglich misslungen. Auch Sabitzer vergab zwei Mal aus aussichtsreicher Position. Zu wenig Nachdruck, zu wenig Durchsetzungsvermögen was überhaupt Merkmale seines Auftritts waren. Wales hielt sich sonst vor dem Wechsel britisch vornehm zurück. Gareth Bale war bei Martin Hinteregger in guten Händen.

KURIER-Noten für die Teamspieler:

Team-Noten: Zu viel Durchschnitt in Cardiff

1/12

Heinz Lindner: Hat sich bei seinen Abschlägen mit dem Fuß nach wie vor nicht verbessert. Zwei landeten schon in der ersten Halbzeit im Out. Dazu leitete er mit einem ungenauen Todespass auf Danso kurz vor der Pause beinahe die Führung der Waliser ein. Hatte nur wenige Schüsse zu parieren. Zumindest beim Gegentor kann man ihm nichts vorwerfen. Bleibt dennoch ein Unsicherheitsfaktor im Team. KURIER-Note: 3

Stefan Lainer: Ließ zumindest über seine rechte Seite nicht viel anbrennen. Nach vorne aber immer wieder fehlerhaft, da muss man mehr verlangen dürfen. KURIER-Note: 4

Aleksandar Dragovic: Hatte bei hohen Bällen gegen Sam Vokes anfangs Mühe. Auf dem Boden aber ballsicher und stark im Spielaufbau. Auch nach Seitenwechsel stark in Zweikämpfen. Hätte vor dem Gegentor besser mit dem Fuß als mit dem Kopf klären sollen. KURIER-Note: 4

Sebastian Prödl: Leistete sich bis zu seiner Verletzung und Auswechslung keinen Fehler. KURIER-Note: 2

Martin Hinteregger: Gab wie schon in Dublin einen starken linken Außenverteidiger. Strahlte Sicherheit aus, war im Spielaufbau jederzeit anspielbar und versuchte auch, in der Offensive Marko Arnautovic zu unterstützen. KURIER-Note: 2

Julian Baumgartlinger: Über die vollen 90 Minuten war er Österreichs Bester. Gewann viele Zweikämpfe, hatte ein sehr gutes Stellungs- und Positionsspiel und bereitete die zwei besten Chancen der Österreicher mit Traumpässen in die Tiefe vor. KURIER-Note: 2

Stefan Ilsanker: Machte gemeinsam mit Kapitän Baumgartlinger das Zentrum zu und arbeitete stark gegen Ramsey. Gewohnt ballsicher und kopfballstark vor der Abwehr. KURIER-Note: 3

Marcel Sabitzer: Obwohl seine rechte Seite vor der Pause vernachlässigt wurde, kam er zwei Mal zum Abschluss. Er zeigte dabei aber nicht die nötige Entschlossenheit. Nach der Pause tauchte er völlig unter. KURIER-Note: 4

David Alaba: Auf der 10er-Position bis zur Pause sein bisher bestes Länderspiel. Bewegte sich viel besser als sonst zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners, drehte sich geschickt und setzte die Flügel Arnautovic und Sabitzer gut ein. Als die Waliser nach dem Seitenwechsel die Zwischenräume verdichteten, kam er nicht mehr zur Geltung. KURIER-Note: 3

Marko Arnautovic: Wie Alaba nur vor der Pause richtig stark. Da machte er viel Dampf über seine Seite und hätte auch nach Traumpass von Baumgartlinger die Führung erzielen müssen. Nach der Pause erhielt er kaum noch Bälle und Räume, um sich weiterhin entfalten zu können. KURIER-Note: 3

Martin Harnik: Hing vor der Pause total in der Luft. Mit dem Rücken zum Tor Bälle zu behaupten, ist nicht sein Spiel. Die Bälle, die er braucht, bekam er nie. Kam nur zu einer Torchance und wurde wie Sabitzer zu spät ausgetauscht. KURIER-Note: 4

Kevin Danso: Ersetzte ab der 27. Minute Sebastian Prödl. Der 18-Jährige zeigte nur kurz Nervosität, wirkte dann staubtrocken und furchtlos in Zweikampf- und Kopfballduellen. Dann leitete sein verunglückter Klärungsversuch das Gegentor ein und machte sich somit ein Top-Debüt zunichte. KURIER-Note: 3

Mehr Entschlossenheit hätte frühzeitig etwas Entspannung für die zweite Halbzeit bringen können. Irgendwie ein Spiegel für Österreichs Darbietungen in dieser WM-Qualifikation. Den Gegnern nicht unbedingt unterlegen, verabsäumt man es mangels letzter Konsequenz und auch Klasse die entscheidenden Punkte zu holen.

Böses Erwachen

Auch in Cardiff. Wales – die Mannschaft im Verein mit dem Publikum – wurde munter, ein offener Schlagabtausch ließ Österreichs Ordnung immer mehr in ein hektisches Treiben ausarten. Und die Rechnung für den zu laschen Umgang mit den eigenen Chancen sollte auf den Tisch gelegt werden.

Bale und Ramsey warnten die Österreicher, der erst 17-jährige Woodburn machte Ernst. Wieder war es inkonsequentes Verhalten, dieses Mal in der Abwehr, das schwerwiegende Folgen hatte. Dragovic serviert den Ball per Kopf vor die Beine des jungen Walisers. Der zögert nicht lange und trifft aus 20 Metern (74.) und boxt Österreich auf die Verliererstraße, aus dem Rennen der WM-Qualifikation. Aus der Traum, es beginnt die Zeit der Problemaufarbeitung.

Wales - Österreich 1:0 (0:0)

Cardiff, Cardiff City Stadium, 32.633, SR Ovidiu Alin Hategan (ROM)

Tor: 1:0 (74.) Woodburn

Wales: Hennessey - Chester, A. Williams, B. Davies - Gunter, Ramsey, Edwards, Richards (46. King) - Lawrence (69. Woodburn), Vokes (69. Robson-Kanu), Bale

Österreich: Lindner - Lainer, Dragovic, Prödl (27. Danso), Hinteregger - Baumgartlinger, Ilsanker (78. Gregoritsch) - Sabitzer, Alaba, Arnautovic - Harnik (81. Janko)

Gelbe Karten: Chester bzw. Prödl, Baumgartlinger

Gruppe D:

Samstag, 02.09.2017

Georgien - Irland

1:1

(1:1)

Tiflis. Tore: Kazaischwili (34.) bzw. Duffy (4.)

Serbien - Moldau

3:0

(2:0)

Belgrad. Tore: Gacinovic (20.), Kolarov (30.), A. Mitrovic (81.)

Alaba: "Es ist eine große Enttäuschung, scheiße"

Marcel Koller: "Es herrscht eine große Enttäuschung in der Kabine. Wir haben in der ersten Halbzeit ein sehr gutes Spiel gezeigt, hatten drei Möglichkeiten, da musst du zumindest ein Tor schießen. Zweite Halbzeit hat Wales mehr Druck gemacht, dann haben wir uns aber wieder gefangen. Beim Gegentor haben wir zu viele Fehler gemacht, das ist auf dem Level tödlich. Dann ist es schwierig, das Spiel zu gewinnen. Wir haben umgesetzt, was wir im Training geübt haben. Aber es hat leider nicht gereicht. Es ist wichtig, dass wir diese Enttäuschung verarbeiten und schauen, dass wir am Dienstag das Heimspiel gewinnen."

Zu seiner Zukunft als Teamchef: "Das weiß ich noch nicht. Wir werden uns wahrscheinlich zusammensetzen und diskutieren wie es weitergehen soll. Aber es ist jetzt zu früh, um darüber zu reden."

Martin Hinteregger: "Es ist bitter, die Chancen waren da. Wir hätten das 1:0 schießen können, die Waliser haben es gemacht und deshalb das Spiel gewonnen. Es war eine Fehlerkette, dann haut er ihn rein. Letztendlich haben sie es vielleicht ein Stück mehr gewollt. Wir wissen, was wir können, haben es teilweise auf den Platz gebracht. Aber die Enttäuschung ist jetzt riesig."

Aleksandar Dragovic: "Wir haben gut gespielt, waren die bessere Mannschaft. Durch eine Halbchance machen sie das Tor, das ist die Klasse. Wir haben alles gegeben, es sollte einfach nicht sein. Wenn man kein Tor macht, hat man es nicht verdient, zu gewinnen."

David Alaba: "Es ist eine große Enttäuschung, scheiße. Wir hatten unsere Chancen, haben in der ersten Halbzeit ein gutes Spiel gezeigt. Aber auf diesem Niveau ist es vielleicht zu wenig. Wir haben schon des öfteren diese Spiele nicht für uns entscheiden, daran müssen wir arbeiten. Es geht um Kleinigkeiten, die Spiele entscheiden. Bei der letzten Quali (für EM, Anm.) haben sie für uns entschieden, nun war das einfach nicht der Fall. Dass es für 2018 jetzt nicht gereicht hat, ist schade. Aber wir werden aufstehen, den Mund abputzen und weiter an uns arbeiten."

Julian Baumgartlinger: "Es ist sehr bitter, wir haben gut ins Spiel gefunden, kontrolliert gespielt. Wir hatten ein, zwei große Chancen, die muss man auswärts nutzen. Wir haben auch in der zweiten Halbzeit gute Gelegenheiten gehabt. Es entscheidet sich auf schmalem Grad. Je mehr Chancen man liegen lässt, desto mehr wird man bestraft. So ist das im Fußball."

Marko Arnautovic: "Die ganze Gruppenphase ziehen wir das hinter uns her. Ich weiß nicht, was uns verfolgt. Wenn du so Chancen hast und nicht verwertest...sie haben gar nichts, und dann kommt so ein Schuss nach unserem Fehler. Meine Chance muss ich verwerten, das nehme ich auf meine Kappe. Wir hatten genug Möglichkeiten. Aber wir müssen in solchen Spielen auch schauen, dass wir 90 Minuten kompakt stehen."

Wales-Teamchef Chris Coleman: "Ich der ersten Halbzeit war Österreich besser, dann waren wir aggressiver und offensiver. Wir haben das gewisse Etwas gebraucht und das ist bei Woodburns Tor gekommen. Es ist eine sehr enge Gruppe, da geht es um feine Unterschiede. Die Österreicher sind eine gute Mannschaft, ihre Spiele waren immer eng. Sie hätten viele Spiele gewinnen können."