Die Österreicher sind auf dem Boden der Realität gelandet.

© Agentur Diener/DIENER / Philipp Schalber

Sport | Fußball
03/29/2016

Das ÖFB-Team unterliegt der Türkei 1:2

Ein böser Patzer von Österreichs Goalie Özcan führt zum Siegestor.

Vier Heimspiele hatte Teamchef Marcel Koller als Vorbereitung auf die EURO gewählt, die bekanntlich auf neutralem französischen Boden stattfinden wird. Am Dienstag wurde beim Heimauftritt in Wien gegen die Türken gleichzeitig auch ein Auswärtsmatch simuliert, weil 10.000 Türken so laut waren wie 16.700 Österreicher. In einer folglich recht stimmungsvollen Atmosphäre verlor Österreich 1:2, dank eines Gastgeschenks. Somit ging das Team in den letzten drei Spielen zwei Mal als Verlierer vom Platz.

Sowohl gegen Albanien als auch gegen die Türkei zeigten die Österreicher gewohnte Stärken wie das Offensivpressing oder feine technische Kombinationen, offenbarten aber auch Schwächen, die es bis zur EURO noch zu beheben gilt. Vor allem individuelle Fehler erschwerten in beiden Partien das kollektive Bemühen erheblich. Beide Male konnten die Österreicher nur phasenweise überzeugen.

Neues Personal

Koller wechselte gegen die Türkei sein Personal. Zwei Mal wurde er dazu gezwungen, weil Baumgartlinger krank war und Harnik Vater wurde und vor dem Anpfiff abgereist war. Für sie sprangen Ilsanker und Burgstaller ein. Zwei Wechsel nahm der Teamchef freiwillig vor, er ließ Okotie stürmen und Özcan das Tor hüten. Letzterer sollte die Partie entscheiden.

Österreich hatte anfänglich mit den technisch starken Türken, ein anderes Kaliber als Albanien, einige Probleme. Erst als sich das zentrale Mittelfeld besser organisierte und Arnautovic mit seinem ersten Energie-Anfall über die linke Seite für Gefahr sorgte, traf Junuzovic mit einem schönen Innenristschuss zum 1:0 (22.).

Danach spielte das Koller-Team gefällig, bekam die Partie in den Griff, nicht aber den überragenden Calhanoglu. Er traf knapp vor der Pause mit einem Freistoß zum 1:1 (43.). Ein Dämpfer zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Oder: erschwerte Bedingungen in einem Test.

Österreich startete ganz im Gegenteil zum Albanien-Match hellwach und engagiert in den zweiten Durchgang, Arnautovic hatte sogar die Führung auf dem rechten Fuß, spitzelte den Ball aber an Goalie Babacan und Tor vorbei.

Großer Patzer

Der Schwung der Heimischen wurde ausgerechnet von eigenen Schlussmann jäh unterbrochen. Özcan servierte mit einem haarsträubenden Fehlpass den Ball Barcelona-Star Arda Turan, der bedankte sich mit einem Schupfer und dem 2:1 (56.).

Österreich versuchte zu kontern, sämtliche Angriffe liefen dabei über den immer stärker werdenden Arnautovic. Teamchef Koller brachte mit Janko, Jantscher, Hinterseer und Schöpf frische Offensivkräfte für die Schlussphase, Entscheidendes oder gar der Ausgleich gelangen aber nicht mehr.

Zwei weitere Tests gegen Malta und die Niederlande bleiben Koller und seinen Spielern noch, um sich den nötigen Feinschliff für Frankreich zu holen. Wer davon ausging, dass Siege in den Gruppenspielen gegen Ungarn und Island zum Greifen nahe wären, benötigt eine realistischere Herangehensweise. Der Vorfreude auf die EURO sollte die Niederlage aber keinen Abbruch tun.

Nur mittelmäßig war auch am Dienstag wieder der Fan-Zuspruch – mit nicht einmal 30.000 Zuschauern im Happel-Stadion.

KURIER-Noten für die Teamspieler:

Österreich - Türkei 1:2 (1:1)

Ernst-Happel-Stadion, 26.700 Zuschauer, SR Gil (POL)

Tore:
1:0 (22.) Junuzovic
1:1 (43.) Calhanoglu (Freistoß)
1:2 (56.) Arda Turan

Österreich: Özcan - Klein (78. Garics), Dragovic (59. Prödl), Hinteregger, Fuchs - Ilsanker, Alaba (78. Schöpf) - Burgstaller (67. Jantscher), Junuzovic (73. Hinterseer), Arnautovic - Okotie (67. Janko)

Türkei: Babacan - Gönül (46. Özbayrakli), Calik, Topal, Erkin (69. Köybasi) - Selcuk Inan - Arda Turan, Özyakup (46. Volkan Sen/80. Öztekin), Tufan, Calhanoglu (73. Malli) - Cenk Tosun (86. Nuri Sahin)

Gelbe Karten: Dragovic, Ilsanker bzw. Calhanoglu, Malli

Marko A., ein Wunder

50. Länderspiel für Marko Arnautovic. Wer hätte sich noch vor zwei Jahren zu einer Wette hinreißen lassen, dass es im österreichischen Fußballnationalteam dieses Jubiläum zu begehen gilt? Tatsächlich, jener Mann der sich einst fast wöchentlich abseits des Rasens einen medial ausgiebigen Fehltritt geleistet, keinen Fettnapf ausgelassen hatte, der es etwa spaßig fand, einem Polizisten das eigenwillige Angebot zu machen, er könne sich dessen Leben kaufen, wurde am Dienstag für die runde Anzahl an Teamspielen geehrt.

Ein von keinem Pfiff gestörter Jubel im Stadion. Arnautovic wurde im Testspiel gegen die Türkei 50. Eine Torvorlage immerhin, sonst stets bemüht. 2008 hatte er sein A-Länderspiel-Debüt gegeben. Der Start in eine ungewisse Karriere.

Was in der Zwischenzeit passiert ist? Arnautovic ist Vater geworden. Das soll besonnener bis reifer machen, sagt man.

Arnautovic war weiters clever genug, sich daran zu erinnern, dass Teamchef Marcel Koller an ihm festgehalten hat, als die Aufforderung immer lauter wurde, man möge dem Unerziehbaren zumindest eine Nachdenkpause gönnen.

Und außerdem musste sich Arnautovic auch im Extremfall nie die Gunst der Öffentlichkeit zurückerobern. Warum? Auch so eine unerklärliche Eigenartigkeit in der Gesetzmäßigkeit des Fußballs.

von Bernhard Hanisch

Özcan: "Ich glaube, ich bin stark genug, um da wieder aufzustehen"

Marcel Koller: "Ich glaube, dass wir defensiv disziplinierter waren (als gegen Albanien, Anm.). Auch dass wir nach der Pause gut rausgekommen sind, hat mir gefallen. Wir haben gewusst, dass sie bei Standards sehr gefährlich sind, da haben wir zu viele Fouls gemacht. Niederlagen ärgern mich immer, aber besser jetzt, als dann, wenn es Richtung EM geht."

Zlatko Junuzovic: "Es war ähnlich wie das Albanien-Spiel. Es war sehr intensiv. Die Türkei hat zwei, drei Tage länger Regeneration gehabt, ich denke, das hat man gesehen. Sie waren sehr spritzig, trotzdem sind wir in Führung gegangen. Es war auf jeden Fall viel, viel mehr drinnen. Wir dürfen so ein Spiel nicht verlieren. Das war ein Test, das soll uns auch wachrütteln. Besser jetzt als später."

Ramazan Özcan: Zum ersten Gegentor: "Das war individuelle Klasse, das war ein Weltklasse-Freistoß." Zum zweiten Gegentor: "Das war ein Fehlpass, ich habe die Niederlage verursacht, das nehme ich auf meine Kappe, ich habe mich bei der Mannschaft entschuldigt. Ich glaube, ich bin stark genug, um da wieder aufzustehen."

David Alaba: "Das war ein sehr bitteres Spiel für uns. Wir haben uns aber gute Chancen herausgearbeitet, über Strecken auch mehr fürs Spiel gemacht. Wir haben uns selbst geschlagen. Wir haben gewusst, dass er (Calhanoglu, Anm.) ein sehr guter Freistoßschütze ist, wir wollten dort Fouls vermeiden. Das 1:2 ist bitter. Aber er (Özcan, Anm.) ist ein überragender Torhüter, das zeigt er Woche für Woche in der deutschen Bundesliga."

Hakan Calhanoglu (Türkei-Torschütze): "Wir haben gewusst, dass Österreich eine sehr gute Mannschaft hat. Wir haben uns auch sehr intensiv mit Österreich beschäftigt. Aber wir haben unser Spiel durchgezogen. Ich denke, dass wir sehr gut defensiv gearbeitet haben. Das Tor zum 2:1 war glücklich, aber ich denke, dass wir verdient gewonnen haben."