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Sport Fußball

Deutschland-Trainer Flick: "Das ist das erste Finale dieser WM"

Die Nationalmannschaft steht schon vor dem zweiten Vorrundenspiel gegen Spanien unter Druck: Wie reagiert Bundestrainer Flick?

11/27/2022, 05:00 AM

von Stefan Hermanns

Als Niklas SĂŒle noch ein furchteinflĂ¶ĂŸender Verteidiger war und nicht das Sinnbild fĂŒr das deutsche Scheitern, da hat er ein kleines Loblied auf die Unterkunft der Nationalmannschaft wĂ€hrend der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gesungen. „Ein Wahnsinnsquartier“ sei das wieder, in dem das deutsche Team gerade logiere.

Das Zulal Wellness Resort in Al-Ruwais liegt nicht nur fernab vom Schuss, es bietet auch einige Annehmlichkeiten, zum Beispiel einen direkten Zugang zum Meer. Eine Strandpromenade gibt es in Al-Ruwais leider nicht und damit folglich auch keine Laternen an der Strandpromenade, an die man sich als Bundestrainer fĂŒr ein spontanes Foto mal locker-flockig anlehnen könnte.

Joachim Löw hat das im Sommer 2018 in Sotschi gemacht, wo die Nationalmannschaft wĂ€hrend der WM in einem Wahnsinnsquartier mit direktem Zugang zum Meer logierte. Die Deutschen hatten das erste Gruppenspiel verloren, die Nation war in heller Aufregung, aber kurz vor der Partie gegen Schweden signalisierte Löw der irritierten Öffentlichkeit auf diese Weise, dass kein Grund zur Panik bestehe.

Von Hansi Flick, Löws Nachfolger als Bundestrainer, wird es keine Laternenfotos geben. Aber das heißt nicht zwingend, dass ihm und seiner Mannschaft vor Panik die Nerven flattern. „Ich gehe das Ganze eher positiv an“, sagte Flick am Tag vor dem WM-Spiel gegen Spanien, dem bisher wichtigsten fĂŒr ihn als Bundestrainer. „Wir wissen, dass wir nicht die besten Voraussetzungen haben. Aber wir wissen auch, dass wir die QualitĂ€t haben, um zu gewinnen.“

Die Situation ist die gleiche wie vor vier Jahren: Die Deutschen haben ihr erstes Gruppenspiel verloren, mit einer weiteren Niederlage am Sonntag (20 Uhr, live im ZDF) gegen Spanien könnte das Turnier fĂŒr sie bereits nach der Vorrunde beendet sein. „Es ist das erste Finale fĂŒr uns bei dieser WM“, sagte Flick. Dementsprechend will er seine Mannschaft auf dem Platz erleben: Nur das Hier und jetzt zĂ€hlt.

„Wir sind in einer Scheiß-Situation“, sagte Mittelfeldspieler Julian Brandt vor dem zweiten Gruppenspiel. „Aber es ist eine Chance, die ganze Stimmung wieder ein bisschen zu drehen.“ Die Mannschaft hat das intern lĂ€ngst getan, hat sich in ihrem Wahnsinnsquartier zur Krisensitzung zusammengefunden, vieles angesprochen, was schiefgelaufen ist. Die Außenwelt aber ist nach wie vor skeptisch. Und das liegt nicht nur an der Niederlage der Deutschen gegen Japan; es liegt auch an dem Auftritt, den die Spanier beim 7:0 gegen Costa Rica hingelegt haben. Die ohnehin große Ehrfurcht vor ihnen ist dadurch eher noch ein bisschen grĂ¶ĂŸer geworden.

Die Spanier waren fĂŒr die Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw lange ein unerreichbares Vorbild. Ausgerechnet vor dem entscheidenden Vorrundenspiel werden nun Erinnerungen wach an schmerzliche Niederlagen. Gegen keine große Fußballnation warten die Deutschen so lange auf einen Sieg wie gegen Spanien. Zuletzt gewann das DFB- Team in der Vorrunde der EM 1988. Rudi Völler erzielte beim 2:0-Erfolg im MĂŒnchner Olympiastadion beide Tore. Das letzte Aufeinandertreffen endete fĂŒr die Deutschen vor zwei Jahren sogar mit einer 0:6-Niederlage. „Das ist die Vergangenheit. Die interessiert nicht“, sagte Flick am Samstag. „Morgen ist die Zukunft.“ Aber manchmal kann ein Blick in die Vergangenheit tatsĂ€chlich die Zuversicht stĂ€rken. Den beiden bisherigen Auftaktniederlagen bei einer WM-Vorrunde ließ die Nationalmannschaft jeweils einen Sieg folgen: 1982 schlug sie Chile 4:1 und zog am Ende sogar ins Finale ein. Vor vier Jahren in Russland bewahrte sie ein 2:1 gegen Schweden vor dem vorzeitigen Turnieraus. Und auch bei der EM vor anderthalb Jahren gewann die Nationalmannschaft nach der Auftaktniederlage gegen Weltmeister Frankreich ihr zweites Gruppenspiel (4:2 gegen Portugal).

„Die Truppe kennt doch so eine Situation“, sagt Julian Brandt. Inklusive aller Begleiterscheinungen wie der nun wieder grassierenden Weltuntergangsstimmung und all der bilderstĂŒrmerischen Tendenzen. Alles wird jetzt in Frage gestellt: die loyale Art des Bundestrainers („Ist Flick zu nett?“), das System, das Personal. Muss Flick auf Dreierkette umstellen? WĂ€re Joshua Kimmich die Lösung fĂŒr die Problemzone rechts in der Viererkette? Braucht es nicht einen echten MittelstĂŒrmer wie Niclas FĂŒllkrug? Vor guten oder zumindest gut gemeinten RatschlĂ€gen kann sich der Bundestrainer gerade gar nicht retten.

Flick ist lange im GeschĂ€ft, aber seitdem er in der ersten Reihe steht, hat er eine derart kritische Situation noch nicht erlebt. BehĂ€lt er nun seine ruhige Hand? Oder wird er doch zittrig? „Das Letzte, was man dem Trainer vorwerfen kann, ist, dass er nicht klar mit uns redet“, sagte Kai Havertz. Flick kĂŒndigte an, dass gegen Spanien eine Mannschaft auf dem Feld stehen wird, „die wirklich weiß, um was es geht“. Wie diese Mannschaft aussehen wird, das behĂ€lt der Bundestrainer naturgemĂ€ĂŸ möglichst lange fĂŒr sich.

Sein VorgĂ€nger Joachim Löw hat bei der EM vor anderthalb Jahren im zweiten Gruppenspiel exakt die gleiche Elf aufgeboten wie bei der Niederlage zum Start. In Russland bei der WM nahm er nach dem 0:1 gegen Mexiko vier Änderungen vor. Flick ist Ă€hnlich wie Löw keiner, der alles leichtfertig ĂŒber den Haufen wirft. Änderungen wird es geben, das darf als sicher gelten. Vor allem in der Viererkette, fĂŒr die Thilo Kehrer und/oder Matthias Ginter anstelle von Niklas SĂŒle und/oder Nico Schlotterbeck in Frage kommen. „Das Schöne ist, dass man mehrere Positionen offen hat“, sagte Flick. „Das zeigt eine gewisse QualitĂ€t, die wir haben.“

Eine Umstellung auf Dreierkette hat der Bundestrainer schon ausgeschlossen, zumal Flick seine Mannschaft noch nie in diesem System hat spielen lassen, seitdem er im Amt ist. Die Versetzung von Joshua Kimmich auf die rechte Seite der Viererkette erscheint ebenfalls unwahrscheinlich, auch wenn sie Flick die Möglichkeit eröffnen wĂŒrde, Ilkay GĂŒndogan und Leon Goretzka gemeinsam im defensiven Mittelfeld aufzubieten.

Doppelsechs

Gegen Japan durfte GĂŒndogan beginnen, was er mit seiner Leistung durchaus rechtfertigte. Goretzka wurde Mitte der zweiten HĂ€lfte fĂŒr ihn eingewechselt, was sich als eher weniger gute Entscheidung herausstellte. Aber Goretzka erhebt auch in der Nationalmannschaft den Anspruch auf einen Stammplatz. Zudem bildet er mit Kimmich beim FC Bayern eine eingespielte Doppelsechs.

FĂŒr Flick ist das ein Dilemma, das sich womöglich dadurch lösen lĂ€sst, dass er GĂŒndogan eine Reihe vorschiebt auf die Zehnerposition. „Die können auch alle drei im Mittelfeld spielen“, sagte er. Thomas MĂŒller mĂŒsste dann in den Sturm ausweichen. Oder auf die Bank, falls Flick Kai Havertz nach dessen eher ĂŒberschaubarer Performance gegen Japan eine weitere Chance als Neuner geben will.

Dass Niclas FĂŒllkrug nach zwei KurzeinsĂ€tzen gegen Spanien sein StartelfdebĂŒt als MittelstĂŒrmer feiern darf, ist nahezu auszuschließen. Ebenso, dass Leroy SanĂ© nach seiner Knieverletzung gleich wieder von Anfang an spielt. Der MĂŒnchner konnte immerhin am Samstag am Abschlusstraining teilnehmen und ist damit eine weitere Option.

„Ich bin nicht unsicher“, sagte Hansi Flick mit Blick auf all die Entscheidungen, die er nun zu treffen hat. „Aber ich schlafe noch mal schön eine Nacht drĂŒber. Morgen frĂŒh bin ich dann ein bisschen schlauer.“ Die Variante, dass er vor lauter Aufregung gar nicht erst wĂŒrde schlafen können, die kommt fĂŒr ihn natĂŒrlich nicht in Frage.

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