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Sport
08/22/2021

"Da stellt es mir heute noch die Gänsehaut auf"

Abenteuerliche Taxifahrten, "Cola-City" und planlose Busfahrer: Rollstuhltennisspieler Martin Legner erzählt von den Spielen.

von Silvana Strieder

"Da stellt es mir heute noch die Gänsehaut auf, wenn ich das Lied ,Barcelona‘ höre. Das bleibt in Erinnerung. Die Leute im Stadion waren begeistert, da ging ein Raunen durch die Menge." Martin Legner erinnert sich gern an seine ersten Paralympischen Spiele 1992 in Barcelona zurück. Seit damals sind fast 30 Jahre vergangen, und nicht nur Legner hat sich in dieser Zeit weiterentwickelt.

Die Paralympics wurden zum Mega-Spektakel. "2016 in Rio besuchten mehr Zuschauer die Paralympics als die Olympischen Spiele", sagt Legner. Viele Brasilianer konnten sich damals die Olympia-Tickets nicht leisten.

Zuschauerinteresse

An einem Tag besuchten in Brasilien 250.000 Fans die Bewerbe der Parathleten in den Sporthallen und Stadien.

Bei den diesjährigen Olympischen und Paralympischen Spielen sind keine Zuschauer zugelassen. Doch erst kürzlich gab die japanische Regierung bekannt, dass Schulkinder ausnahmsweise im Rahmen eines integrativen Erziehungsprogramms bei den paralympischen Wettkämpfen zuschauen dürfen. Damit wären auch dieses Mal mehr Menschen bei den Paralympics anwesend.

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Mittendrin

Nicht zuschauen, sondern mitmachen wird in Tokio Martin Legner. Der Tiroler der Rollstuhltennisspieler fliegt zu seinen achten Paralympics, doch die Teilnahme ist für den 59-Jährigen keine Selbstverständlichkeit mehr. "Mich haben die Paralympics eigentlich bis Rio nie so tangiert, ich hab’ nie wirklich darauf hingearbeitet. Erst als ich mich bei der Qualifikation für Rio und London schwertat, habe ich kapiert, was das heißt, dabei sein und für eine Nation starten zu dürfen."

Niemand im aktuellen Team kann so viele Teilnahmen vorweisen wie Legner. Für den KURIER hat der Junggebliebene Athlet seine Highlights aus acht Spielen Revue passieren lassen.

Barcelona 1992

"Allein das Einmarschieren der Nationen bei der Eröffnungsfeier war ein Erlebnis. Wir mussten stundenlang warten. Dafür bekamen wir aber ein Lunchpaket, damit wir nicht verhungern und verdursten, bis wir endlich ins Stadion rein durften. Beim ersten Mal ist das halt ein Novum, das bleibt einem in Erinnerung, das passt schon, das gehört einfach dazu. Das Coole war, dass das olympische Dorf direkt am Meer war und man am Abend dort spazieren konnte. Damals wurde ich im Doppel nur Vierter und war so zornig darüber, dass ich mir am nächsten Morgen ein Taxi zum Flughafen nahm und abreiste. Allerdings vergaß ich, das meinem Team zu sagen. Die wussten nichts davon und waren ziemlich sauer auf mich. Den Ball, der da im Netz hängen blieb, den sehe ich heute noch ganz deutlich vor mir."

Atlanta 1996

"Das waren weitaus die schlechtesten Spiele bis jetzt. Die waren von den Amerikanern so schlecht organisiert, das war wirklich nicht mehr lustig. Da musste einer aus dem Zimmer rausgehen, damit ein anderer reinkonnte. Fenster gab es auch keine. Beim Essen mussten wir schlangenweise anstehen. Die Busfahrer kamen aus New York, die kannten sich in Atlanta nirgends aus und haben sich ständig verfahren, wenn wir zu den Spielstätten hinwollten, sodass wir öfters gar keine Zeit zum Aufwärmen hatten. Nur die miesen Sachen sind mir da leider in Erinnerung geblieben. Von der Cola-City habe ich nicht viel mitbekommen."

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Sydney 2000

"Dort hat’s mir total gut gefallen, es war so familiär und die Leute waren freundlich. Da hat man sich wie daheim gefühlt. Das waren für mich die besten Spiele, da wurde ich im Einzel Vierter. Es war zwar knapp, aber es hat mir getaugt. Ich mag Australien sowieso gern, da war ich schon 17-mal und habe die Australien Open gespielt. Jetzt war ich leider schon zehn Jahre nicht mehr dort, weil meine Leistung nicht dementsprechend war."

Athen 2004

"Athen war so im Vorbeigehen für mich. Du gehst einfach vorbei und kriegst nichts mit. Ich habe nur die herumstreunenden Hunde und Katzen wahrgenommen. Vom griechischen Wein habe ich nicht viel mitbekommen. Das olympische Dorf war so abseits gelegen. Es hat zwar alles gepasst, aber es war leider nicht so berührend wie bei anderen Spielen – und die Akropolis habe ich auch nicht gesehen."

Peking 2008

"China einmal zu sehen und zu erleben, war total beeindruckend. Die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich und die vielen Tempel, das war der Wahnsinn. Aber wenn man neben der Hauptstraße gegangen ist, hat man gedacht, man ist in den Slums. Die toten Fische in der Auslage kannst du dir dann im Restaurant braten lassen. An der Hauptstraße war alles perfekt, doch daneben die größte Armut. Schlimm war auch, dass du die Sonne wegen des Smogs nur als roten Punkt siehst, obwohl das Wetter wunderschön war. Dabei haben sie während der Paralympics einige Fabriken geschlossen, ansonsten hätten wir die Sonne wahrscheinlich gar nicht gesehen. Es ist halt eine andere Kultur. Einmal wollte ich mit dem Taxi fahren, aber da hat mich keiner mitgenommen, mit Rollstuhl war ihnen das zu mühsam. Also musste ich mit einer Rikscha fahren, und der Rollstuhl kam einfach auf das Dach. Wenn ich ihn nicht festgehalten hätte, wäre er einige Male heruntergefallen."

London 2012

"Was mich am meisten beeindruckt hat, war das Zuschauerinteresse. Da waren die Paralympics schon vor dem Beginn ausverkauft – gleich wie in Rio. Diese Massen, die da in den Sportstätten waren und sich für Behindertensport interessierten, waren unglaublich. Es ist gut, dass die Olympischen Spiele vor uns stattfinden. Dann wissen sie schon, was schiefläuft, und so hat bei uns immer alles gepasst. In großen Speisezelten gab es für jeden etwas Gutes zum Essen."

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Rio 2016

"In der kürzesten Zeit war ich da mit meinen Bewerben fertig und konnte mir dann den Zuckerhut anschauen und die Freiheitsstatue. Aber jedes Mal, wenn ich da rauffuhr, gab es Nebel, sodass ich die Christus-Statue nie gesehen habe. Beim Runterfahren war der Nebel dann immer weg, der Strand der Copacabana die sonnige Alternative."

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Tokio 2021

"Die Vorbereitungen auf die Reise waren wirklich sehr kompliziert, und das regte mich auf. Für einen Moment dachte ich sogar, wenn ich nicht mit muss, wäre mir das echt egal. Obwohl ich jahrelang darauf hingearbeitet habe. Am Flughafen in Japan mussten wir fünf Stunden lang anstehen, und mein Bett hier ist viel zu klein – die Japaner sind halt keine Riesen. Ich bin gespannt, wie die Spiele noch werden."

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