Prachtvolle Erhabenheit in Blau: der Registan-Platz in Samarkand

© Jörg-Brosche Claudia

Reise
03/11/2019

Usbekistan überrascht Reisende nicht nur mit Kopftuchverbot

Kein anderer islamischer Staat präsentiert seine Kunstschätze so offenherzig: Ein prachtvolles Märchenbuch aus 1001 Nacht.

Der Polizist eilt herbei, um mit dem Koffer zu helfen. „Welcome! Welcome to Samarkand!“ Polizei in einem repressiven Staat? Da schrillen die Alarmglocken. Unser aufmerksamer Reiseleiter Ulugbek sieht die Verwirrung und erklärt: „Seit kurzem gibt es eine eigene Touristenpolizei, nur für unsere Gäste.“ Ich bin sprachlos.

Usbekistan ist für die meisten ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte. Auch ich wusste nur, dass der doppelte Binnenstaat (er grenzt wiederum nur an Binnenstaaten) einst eine Sowjetrepublik war, 1991 unabhängig wurde und die historische Seidenstraße quer durch verläuft. Doch in den folgenden Tagen sollten viele Wunder folgen – vornehmlich blaue. Und prächtige.

Es ist ein uralter Kulturstaat mit einer frühen Blüte der Kunst, Philosophie und Wissenschaft; zu einer Zeit, als Europa noch im finstersten Mittelalter steckte. „Wir haben mehr als 4.000 historische Denkmäler, die berühmtesten Städte sind Buchara, Chiwa und Samarkand,“ erklärt Guide Ulugbek. Wir sind gerade in Samarkand, seiner Heimatstadt und einem ehemaligen Knotenpunkt der Seidenstraße, angekommen.

Nach dem Abendessen – die Küche Usbekistans ist großartig und spottbillig – schlendern wir zum berühmten Registan-Platz. Der Blick auf das von drei gewaltigen Medresen (Koranschulen) umgebene Ensemble lässt uns erstarren: Welch prachtvolle Erhabenheit, welch herrliches Spiel von Raum und Proportionen, durch stilvolle Beleuchtung in Szene gesetzt. Ein lebendig gewordenes Märchen aus 1001 Nacht. Wir suchen nach Vergleichbarem: Rom, Petersplatz? Venedig, Markusplatz? Moskau, Roter Platz? Nein, diese Weltsehenswürdigkeiten können nicht mithalten.

Samarkand, eine Stadt mit einer halben Million Einwohner, war im 14. Jh. Regierungssitz von Amir Timur, der sich selbst als Nachfolger Dschingis Kahns titulierte. Mit Eroberungsfeldzügen schuf er ein neues Weltreich und rief die besten Baumeister in seine Hauptstadt. Timurs kunstsinniger Enkel Ulug Beg führte das Reich der Timuriden weiter – und wird bis heute gemeinsam mit seinem Großvater als Nationalheld und Identitätsstifter verehrt.

Land im Aufbruch

Usbekistan bietet einen unglaublichen Schatz islamischer Kunst, wobei die Farbe Blau (bzw. Türkis) und die vier Ms – Moschee, Medrese, Mausoleum und Minarett – dominieren. Die „Ms“ sind in den Kulturstädten meist akribisch gepflegt. So erstrahlt die Pracht mit der blauen Fliesenkunst, blauen Kuppeln und blauen Minaretten wie das sprichwörtliche frisch lackierte Hutschpferd.

Eine Besonderheit macht Usbekistan speziell für Frauen reisewert (abgesehen von der hohen Sicherheit): Der freie Zugang in die Gotteshäuser – auch für Frauen. Und die müssen ihren Kopf nicht bedecken. Mehr noch: „Hidschab oder das religiös getragene Kopftuch sind verboten“ berichtet Ulugbek über die liberale Religionsauffassung und Ablehnung des politischen Islam seitens der Staatsoberhäupter, obwohl knapp 90 Prozent der Bevölkerung Moslems sind. Mitunter spürt man sogar ein gewisses Aufbegehren gegen die Religion: Ohne Skrupel bieten Händler die typischen Suzanis (Seidenstickerei) oder Gegenstände aus Ikat-Stoff (einer kunstvollen Webtechnik) im Inneren von Medresen feil. Die Errungenschaften des Kapitalismus sind in das einst kommunistische Land vorgedrungen.

Generell ist Usbekistan im Auf- und Umbruch: Der seit 2016 regierende Staatschef Schawkat Mirsijojew verfolgt eine Politik der Öffnung und setzt stark auf den Tourismus. Für die Gäste wurde die eingangs erwähnte Touristen-Polizei als echter Freund und Helfer installiert. 2018 kamen nur 450.000 ausländische Touristen, doch Potenzial ist vorhanden und viel wird in Infrastruktur investiert: Hotels, Straßen-, Bahn- und Flugverbindungen ausgebaut. So verkehrt neuerdings der Hochgeschwindigkeitszug spanischer Machart, der Afrosiab, zwischen Taschkent, Samarkand und Buchara. Eine Verlängerung bis in die Oasenstadt Chiwa im Westen des Landes folgt.

Das zentralasiatische Land gefällt sich als aufstrebendes Herz der Seidenstraße, hat aber keineswegs nur spannende historische Stätten zu bieten. Die moderne Hauptstadt, ist erstaunlich westlich. Am überraschendsten sind die weitläufigen Parkanlagen. Bewässerungsschläuche tröpfeln rund um die Uhr. Nicht nur Taschkent, alle Städte tun, als ob Wasser in dem Land mit 70 Prozent Wüstenanteil ohne Ende verfügbar und der Aralsee nicht schon beinahe ausgetrocknet wäre.

Unberührte Weite

Apropos Trockenheit: für puristische Natur- und Wanderfreunde bietet sich die unberührte Weite der usbekischen Bergwelt (sie reicht bis auf 4.643 m) als neues, unerschlossenes Ziel an. Der Grazer Wanderreise-Spezialist Weltweitwandern bietet zur Kulturreise rustikales Zelt-Trekking an. Das Abenteuer Wüste gibt es in der Kizilkum, der Roten Wüste im Norden. Genächtigt wird in einem gemütlichen Jurtencamp, der Sternenhimmel ist unvergesslich. Tags darauf stehen für den Wüstenmarsch die eigenen Beine oder der vierbeinige Passgang von Kamelen zur Wahl.

Nach rund vier Stunden sandiger Einsamkeit taucht wie eine Fata Morgana der Aydarkul-See hinter den Dünen auf. Eigentlich ein „Unfall“ – erklärt Ulugbek. „Der salzhaltige See entstand unbeabsichtigt in den 1960er-Jahren nach einem Kraftwerksbau im benachbarten Kasachstan“. Heute erstreckt sich dieses blaue Wunder über 500 Kilometer Länge. „Er ist absolut sauber und lädt zum Schwimmen ein.“

Schnell sind wir am Ufer. Ein paar roh zusammengehämmerte Holzliegen sind erste Vorboten einer touristischen Vermarktung. Tatsächlich gibt es Pläne für einen Hotelbau, gesteht Ulugbek. Usbekistan rüstet sich für künftige Gäste.

Anreise Mit Aeroflot über Moskau nach Taschkent, ab 416 €, www.aeroflot.com  

Einreise  Seit 1. Feb. brauchen Österreicher  kein Visum

Reisezeit heiße, trockene Sommer, kalte Winter, starke Temperaturschwankungen. Beste Reisezeit: April bis Juni und Ende Aug. bis Nov.; nach der Schneeschmelze im Gebirge (März und April) ist die Wüste grün.

Hoteltipps

Samarkand: Rabat Boutique Hotel: Prächtiges Gebäude aus 1906, nahe dem Registan-Platz, grüner Innenhof; DZ/F ab 65 €, rabat-boutique-hotel.business.site
– Bibikhanum Hotel: In der Fußgängerzone neben der Bibi Khanum-Moschee; DZ/F ab 70 €, hotel-bibikhanum.com
– Malika Prime: Zentrale Lage beim Gur-Emir Mausoleum, Dachterrasse; DZ/F ab 71 €, malika-samarkand.com

Buchara: Sukhrob Barzu Hotel: Schönes Haus in  ruhiger Lage; recht kitschige Einrichtung; möblierter Innenhof; DZ/F ab 34 €  (keine Website, Tel. +998 65 224 29 47)

Essen Extrem billig und köstlich (Vorspeisen 70 Cent bis 1,50 €; Hauptspeisen 2 bis 3 €), Nationalspeise ist Plov (Reis mit Gemüse, Gewürzen, Rosinen und Fleisch); gemüselastige Küche, typisch sind dicke Suppen (z.B. Sauerampfersuppe), Salate und Manti (gefüllte Nudeltaschen – mit Fleisch, Kürbis)

Mitnehmen Viele schöne Souvenirs zu günstigen Preisen: z.B. Seidenwaren, Teppiche, Keramik. Typisch sind Suzanis (kunstvolle Seidenstickereien) und Textilien aus Ikat-Stoff (Ikat ist eine hochkomplexe Webtechnik).

Wandern In Usbekistan ist man Wander-Pionier. Wenige Unterkünfte in den Bergen, ortskundiger Führer notwendig, Zelt- oder Jurten-Trekking; ab Sommer verdorrte Landschaft.

Veranstalter Weltweitwandern hat drei Usbekistan Wander- und Kultur-Reisen im Programm, z.B. „Entlang der Seidenstraße – Wüste, Berge & Oasen“, 17 Tage (davon 7 Wandertage) ab 2.580 €, weltweitwandern.at

Buchtipp Abenteuer Seidenstraße: 12.000 km von Venedig bis Xi'An, Alfred de Montesquiou, Lucille Clerc (Knesebeck-Verlag, Feb. 2019)